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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-15 · Heft 6 (15.2.1884) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 6 (15.2.1884)
Date
1884-02-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Studium, diesen Anschlag zu. gewinnen, bedeutend; kommen nock { wulstige Lippen und ein ungünstig gebauter Unterkiefer hinzu, welche den Ton nickt ungehindert frei lassen, so ist das Studium ein noch mühseligeres. DieS ist umsomehr bei denjenigen der Fall, deren Stimme von Natur mehr oder weniger zum Kehl- oder Nasentone hinneigt. Durch unausgesetzte, beharrlich e Uebung gewinnt jedock der Sänger die Fertigkeit, den Ton an jenem Punkte anzuschlagen, in so hohem Grade, dass seinem Gesänge niemals ein anders angeschlagener mit unterlaufen wird *). Denn nicht genug, dass ein richtig gebildetes Ohr und ein geschärfter Znstinct ihn stets den rechten Anschlag finden lassen; durch Las unablässige dahin zielende Studium bekommt ec die tönende Luitsäule völlig in seine Gemalt und lernt dieselbe dermaßen verdichten und conccntriren, dass sie einzig und allein die den Oberzähnen nächstgelegene Gaumenpartie so stark berührt, dass sie dort eine leise Empfindung hervorbringt, der ähnlich, welche durch die Berührung einer weichen Feder erzeugt wird**). Der so angeschlagene Ton muss frei aus dem Munde strömen, ohne durch die Lippen oder Zähne behindert zu werden. Wie Lies zu bewirken ist, werden wir später angeben, und erwähnen hier nur so viel, dass sich auch ein Einfluß der Zähne und Lippen auf den Ton insoweit annehmen und rechtfertigen läßt, als jene demselben beim Ausströmen aus dem Munde Metallklang verleihen, welcher durch die sie umgebende Weichheit der Lippen wieder gcsänftiget wird. Dieser Anschlag ist der erste Schritt, um zur Herrschaft über den Ton zu gelangen, und wer ihn nicht gewonnen hat, darf nie hoffen, dieselbe zu erringen. Das Studium der höchsten Töne kann sich der Schüler dadurch sehr erleichtern, dass er einen kleinen Theil der tönenden Luftsäule in die Choanen dringen läßt, wodurch das jenen Tönen von Natur eigenthümliche Gellen vermindert wird, indem die Nase gewissermaßen die Wirkung eines Dämpfers erhält. Jedoch darf nicht Nasenton dadurch erzeugt werden, was dann geschieht, wenn eine zu bedeutende Maße der Tonsäule in die Nasenhöhlen steigt. Es gilt demnach, das rechte Maß zu treffen. Dieser Kunstgriff ist besonders für die Männerstimmen, deren Höhe sehr schroff ist, von Wichtigkeit. Die letzte Eigenschaft des guten Tones ist, dass er nicht auS dem Munde gestoßen, sondern gezogen wird. Zwar soll auch der Ton der gesprochenen Nede kein herausgestoßener sein, und je vorzüglicher der Redner, destoweniger wird er in den Fehler des Stoßens beim Sprechen verfallen; aber selbst der beste Ton der gesprochenen Nede ist im Verhältniße zu dem guten Gesangtone immer nur ein herausgeftoßener, waS mehr von der verschiedenen Weise des Tongebens, als von den längeren Tönen beim Singen berrührt. Man wird dies bestätigt flnden, wenn man eine rasche sillabische Arie erst gut singen und dann in demselben Tempo sprechen hört, wobei also jener Unterschied wegfällt. Die alten Sänger verdeutlichten diese Methode, den Ton zu geben, durch eine sinnreiche Metapher, indem sie dieselbe Mar il tuon0j den Ton spinnen, nannten. *) Wenn der Lehrer kein anderes Mittel als das hier angegebene anwendet, so kann er, unserer Ansicht nach, niemals oder nur nach sehr langer Arbeit an's Ziel gelangen. Die Red. **) Man glaube nicht, dass dieses Gefühl der einzige, oder auch nur stärkste Führer bei dem Tonanschlag sei, sondern erwäge vielmehr, dass die Ausübung aller Kunst eben durch lange fortgesetzte Studien zur zweiten Natur Zerben muss, so dass der ausübende Künstler an die Art und Weise der Ausübung gar nicht mehr denkt, sondern sich ganz seiner Begeisterung hingeben E^nn, ohne befürchten zu müssen, dadurch Fehltritte herbrizusühren. Also wie eine Spinnerin den Faden aus dem Wocken, m soll der Sänger den Ton auseiner Werkstatt ziehen, soll ihn nicht hervorstoßen, schlendern oder reißen*), denn wollte man dies Gesetz gering halten und vernachlässigen, so würde man trotz aller Studien nie den schönen Ton gewinnen können**). (Fortsetzung folgt). *) Man missverstehe uns hier nicht, man wähne nicht, dass dieses Hervorziehen in einem An- und Abschwellen. Orvveendo und veore8e8Ldo. Lle,»» di roce genannt, bestehe; dieses macht den ästhetischen Tbeil der Tonbildung aus, während jenes die Grund-Zdee derselben, im Gegensätze zum Tone des Sprechens, ist. — Wird das Gesetz des Fil*r il iuono, des Tonspinnens, dem Schüler nicht angebildet, so verfällt er immer in die stoßende Manier, welche namentlich bei sogenannten Note parole im sillabischen Gesänge, bei schnellen Zeitmaßen und leidenschaftlichen Schilderungen oft in eine Art von Bellen bei den deutschen Sängern übergeht. Diese schlechte Manier wird bei den Deutschen noch dadurch verschlimmert, dass sie beim Anssprechen, vorzugsweise beim Ausdrucke der Leidenschaft, den Unterkiefer und die Lippen viel zu heftig bewegen, wodurch dem Gesänge vollends alle Klarheit, der Aussprache alle Deutlichkeit geraubt'wird. Dieser Fehler ist es auch, im Vereine mit dem des Stoßens, welcher die Aussprache unserer Redner und Schauspieler oftmals so unverständlich, ja zum kernlosen Poltern macht. Wenn man die Italiener beobachtet, so findet man, dass sie ungeachtet ihrer größeren Lebhaftigkeit in jene Fehler nicht verfallen, wobei sie allerdings von ihrer vocalreichen Sprache begünstigt werden. **)Ueber das Spinnen oder fortwährende Tonbilden sind die Meinunge!׳. getheilt. Während die Einen das ״Tonbilden" für den höchsten Beweis einer guten Schule gelten lassen, stellen die Anderen es für eine mangelhafte Ausbildung und Fertigstellung des Tones hin. Die Red. Kleine Chronik. Wien. Freitag den 7. d. M. würben im österreichischen Abgeordneienhause unter Anderem auch folgende Petitionen erledigt; die Petition Merunowicz'S wegen Regelung der Rechtsverhältniße dcr Juden und diejenige von 977 Bewohnern Wien's und Vororte, dann Krems, Stein und St. Pölten wegen Maßregeln gegen die Niederlassung russischer Juden in Oesterreich wurden der Regierung zugewiesen. Ueber beide Petitionen hat der Abgeordnete Splawinsky Bericht zu erstatten. — Dienstag, den 12. d. M. wurde im Plenum des Abgeordnetenhauses über das Ansuchen des Wiener Landesgerichtes, um Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Rabbiner Doctor Bloch, in Folge der gegen denselben von Professor Rohling in Prag erhobenen EhrenbeleidignngS-Klage, »erhandelt. Nach einer langen, über das Treiben der Antisemiten sich ausbreitenden Rede des Dr. Bloch und nach einer Entgegnung des bekannten Antisemiten Schönerer, dessen Ausführungen mehrmals die Mißbilligung des Hauses hervorriefen, beschloß das Abgeordnetenhaus dem Ansuchen des Wiener Landesgerichtes stattzugeben und die Jmmuuität Dr. Bloch's aufzuheben. Wien. Die Führer der antisemitischen Organe, sowohl in Deutschland als in Oesterreich-Ungarn, befinden sich in den .größten Geldverlegenheiten, wodurch ihr Zweck natürlich sehr leidet. Es ist bekannt, dass manche dieser Blätter soweit herabgekommen sind, dass sie zu Verbrechen gegriffen haben, und mit den Gerichten in Conflict gerathen sind. Die ,Tribüne", eines der größten Antisemiten-Blätter in Oesterreich, welche seit mehreren Jahren zum Muster aller antisemitischen Blätler gedient hat, ist so in Schulden und Zahlungs- Unfähigkeit gerathen, dass sie sich gar keinen Rath schaffen konnte. Die Herren Antisemiten, obwohl sie das Blatt nach Möglichkeit unterstützt haben, konnten doch nicht alle Kosten bestreiten, und waren nicht im Stande die ״Tribüne" zu erhalten, weil di«׳ Kosten eines Tagblattes sehr bedeutend sind, und so hat die edle ״Tribüne" ein anderes Mittel erfunden um sich erhalten zu können, sie wendete sich an die ״Israelitische Allianz" in Wien mit dem Vorschläge, nachdem ihr antisemitisches Wirken fehl geschlagen har, sie bereit ist, sich zur Vertheidigung der Juden zu bekehren, wenn man ihr eine bedeutende Subvention ertheilen wird. Selbstverständlich hat die,,Allianz" diesen 1

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