Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (15.2.1884)
- Date
- 1884-02-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Wunsche seiner G emeinde entsprechen. Bedenken und erwägen wir obendrein die Kürze unseres irdischen Lebens, dem der Schlaf noch so viele Stunden entzieht, so werden wir eS wachend gewiss durch Beschaulichkeit und süßes NichtSthun nicht noch mehr abkürzen wollen. Za, wir können nicht genug eilen, unsere Fortbildung zu bewerkstelligen und Alles das zuzulernen und zu thün, was wir sollen, zumal die Summe der uns zugemessenen Pflichten so zahlreich ist. Man kann daher mit Recht behaupten, dass die Zusammenkünfte eine überaus weise und durch mancherlei edle Früchte bereits gerechtfertigte Anstalt sind. Eben darum aber, sollte man meinen, müsste auch Zeder von dieser Anstalt einen guten Gebrauch machen. Leider aber gibt es Viele, die dagegen mancherlei Scheingründe Vorbringen. Manche glauben eine wichtige Entschuldigung vorzubringen, wenn sie mit einer eingebildeten Miene sagen: was ich dort hören werde, oder was der oder jener College sagen oder leisten kann, habe ich Alles längst gewußt, und die Ansichten sind in der Praxis doch nicht durchführbar, da kann man unmöglich seine Zeit und sein Geld mir Anhörung solcher Sachen zubringen und ausgeben. — Gesetzt auch, dass Diesem oder Jenem Vieles bekannt wäre, so hört er doch vielleicht einen ihm vorher unbekannten Beweis, eine ihm bisher nicht bekannte löbliche Eigenart oder Anwendung derselben. Und wenn auch diese nicht neu wäre, so muss doch Alles, was der Mensch nicht vergessen soll, von Zeit zu Zeit wiederholt werden. Das kann nun freilich wohl durch eigenen Fleiß und Studium geschehen, gewiss aber doch weil kräftiger durch das Hören, namentlich durch das Anhören eines belebten und nachdrucksvollen Vortrages. Und dieser dürfte doch nicht überall seinen Meister finden. So mögen diese Zeilen zum Herzen gehen, wie sie mir aus dem Herzen (aus Liebe und Anhänglichkeit für unser heiliges Amt) kamen, dann wird Tempel und Schule durch uns wieder einen höheren Aufschwung erlangen. — Das walte Gott! M. Tintner, Bunzlau, Preußen. Von der Tonbildung. (Fortsetzung.) Wollte man einwenden, dieser Tonanschlag gehöre nicht zur Tonbildung, es genüge das Vorhandensein eines Klanges, der durch Anweisung und Studium nur veredelt zu werden brauche, um als künstlerisch zu gelten, so werden wir am Schlüsse dieses Kapitels beweisen, dass nur durch den kunstgerechten Anschlag der gute Ton, die Basis des schönen Tones, hervorgebracht werden kann. Wir bemerken hier noch in geschichtlicher Beziehung, dass die Lehre vom Tonanschlage, durch welche die Tonbildung wissenschaftliches System geworden, ibre völlige Ausbildung durch Bernacchi erhalten hat, die Beweise dafür aber von dem königl. sächsischen Kammersänger, Herrn Johannes Miksch, einem der letzten Zöglinge aus Bernacchi's Schule, Seiten seines Meisters Casellr, aufgestellt sind. Der möglichen Anschlagepunkte sind drei: 1. die obere Wand der Rachenhöhle, das Rachengewölbe; 2. die vordere Wand der Rachenhöhle mit den Verbindungs- Oeffnungen (durch welche wir Luft und Schleim aus der Nase in den Mund ziehen können), Cho'anen genannt, und 3. der vordere Theil des knöchernen Gaumens über den Oberzähnen. Es wird an diesen drei Punkten, die als Resonanz-Boden dienen, der Ton nicht nur erst völlig zu solchem gebildet, sondern auch wesentlich umgeändert. Betrachten wir den Ton, je nachdem er an einem dieser drei Punkte angeschlagen wird. Natürlich bricht sich die aus der Luftröhre getriebene Luftsäule, indem sie gerade in die Höbe steigt, am leichtesten an der über dem Kehlkopfe ausgespannten oberen Wand der Nachenböhle, an dem Rachengewölbe. Da aber nach physikalischen Gesetzen die tönende Luftsäule in demselben Winkel, in welchem sie anschlug, auch wieder zurückgetrieben wird, so kann der so ange« schlazene Ton nicht die Freiheit gewinnen, sondern muss in den Kehlkopf zurückfallen, weshalb er auch Kehlton genannt wird. Er klingt dumpf, gepreßr, hat immer etwas Blökendes, ist bei allen Stimmen, vorzüglich aber bei den Baßisten(?) ihrer tiefen, umfangreichen Stimme wegen, deren breite Luftsäule schwer zu lenken ist, zu finden, dem klassisch gebildeten Ohre aber unerträglich. Die deutschen Sänger schieben den Kehlton auf Rechnung ihrer Sprache, welche ihn angeblich durch ihre vielen Guttural- Anhäufungen verursachen soll; allein die wahre Ursache, dass er in der neueren Zeit so sehr, unter ihnen überhand nimmt, ist, weil die Lehre von der Tonbildung für sie gänzlich verloren ging. Die zweite Stelle, an welcher sich der Ton anschlagen läßt, ist die vordere Wand der Nachenhöble, an welcher sich die elliptischen Verbindungs-Oesfnungen zwischen der Nasen- und Nachenhöhle befinden. Wird der Ton nicht über diese hinweggetragen, so fällt er unmittelbar in sie hinein, wird nun von den in der Nasenhöhle befindlichen, durch die sogenannten Muscheln und die Nasenscheidewand gebildeten Windungen verschiedenartig gebrochen und bekommt dadurch jenen widrig schwirrenden und summenden Klang, welchen wir Nasenton nennen. Auch er ist, wie der Kehlton, eine verwerfliche Abart, obwohl es leider schon ehemals sogar in Italien Sänger gab, die ihn für eine Schönheit hielten, während sie doch im Gegentheile Alles aufbieten sollten, ihn zu vermeiden. Der Nasenton erhielt eigentlich durch urtheilslose Nachahmung des großen Pacchierotti,in Italien Eingang. Bei ihm kam er nämlich hie und da als NaturbeSingung vor und war natürlich ein Mangel neben seinen Vollkommenheiten; wie aber stets nur die schwachen Seiten eines Original-Genies von kleineren Talenten nachgeahmt werden können, so war es auch bei Pacchierotti der Fall, und man nannte diese Nachahmung ״alla Pacchierotti singen.'' Wird nun aber die der Luftröhre entströmende Luftsäule nach vorn gerichtet, so bricht sie sich an dem vorderen Punkte des gewölbten harten Gaumens, der den ganzen Raum zwischen der oberen Zahnreihe und dem zwischen der Mund- und Rachenhöhle ausgespannten Gaumensegel ausfüllt, und da der Winkel, in welchem sich nun die Luftsäule an diesem zur Resonanz vollkommen organisirten Theile bricht, ein schiefer ist, so wird dieselbe nach physikalischen Gesetzen in demselben schiefen Winkel nach außen getragen, ohne sich an einem anderen Theile zu brechen. Nur der so angeschlagene Ton kann vollkommen frei von allem Übeln Nebenklange sein, und somit ist der vordere Theil des harten Gaumens derjenige Anschlagepunkt, welcher, wenn der Ton anders kunstgerecht gebildet werden soll, einzig und allein als solcher benutzt werden darf. Die Kunst, den Ton hier anzuschlagen, kostet den verschiedenen Individuen mehr oder weniger Anstrengung und verlangt nicht selten ein langes Studium, je nachdem die Organe des Lernenden für den Gesang günstig oder ungünstig gebaut sind. Eine dicke und lange Zunge, ein großes Gaumensegel mit starkem Zapfen, ein wenig gewölbter Gaumen erschweren das