Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (15.2.1884)
- Date
- 1884-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Friedens- und Kriegs-Courier׳ N r? 67^ ' . vom 20. März 1799: .Die drei Tonkünstler, vorzüglich Herr Levy.--welche' die musikalische Academic den 17d. im Bitterholz gegeben, danken sehr für den ibnen geschenkten, großen Beifall und die gute Aufnähme und empfehlen sich bestens.' Obgleich nun das Factum dieser Concerte, im Spiegel der damaligen religiösen Zustände betrachtet, als ein großes Ereignis > bezeichnet werden muss, so erregt es thatsächlich unsere volle Bewunderung, wenn wir erfahren, dass Israel Lovy bei seiner später erfolgten Berufung nach Paris dort nicht blos als bedeutender Chasan, sondern auch als Künstler ersten Ranges anerkannt und gewürdigt wurde. — Berühmte Componisten, Sänger und Sängerinnen, wie Paer, Rossini. Talma, Marlin, Frl. Mars und Frau Catalani, besuchten die beiden Synagogen in den Straßen Laiute-^voie und du Chaumd, in denen Lovy abwechselnd fungirte, um ihn zu hören. In den Salons des Grafen Angies und der Gräftn Merlin war der jüdische Künstler ein gern gesehener Gast und dort war es, wo er mit Frau Catalani jene schwierigen Duette so Vollender sang, dass die Zn- Hörer zu lauten Beifallsbezeugungen hingerissen wurden. — Bei solchen Errungenschaften konnte es nicht ausbleiben, dass die Leirer der verschiedensten Theater den großen Chasan für ihre Zwecke zu gewinnen trachteten, welche Anerbielnugen Lovy, trotz der sicheren Perspective aus Reichthum und Ebre, jedoch mit dem Hinweise auf seine hohe Mission, als Diener Gottes, in zarter Weise ausschlug. — Angesichts dieser idealen Herzensrichtung müssen wir all' die Erzählungen und Witze rc. von sittlicher Unvollkommenheit in der Führung Lovy's, die sich im Volks׳ munde der Fürther jüdischen Bevölkerung bis nun erhielten, entschieden in das Gebiet der Erstndung verweisen. — Die im Journal Arekives israelites 1850 vom Universitätsprofessor Eugene Manuel in französischer Sprache veröffentlichte Biographie Lovy's betont es, dass man in Paris die Nothwendigkeit einsah, ein den großartigen Leistungen Lovy's auch entsprechend würdiges Gotteshaus errichten zu müssen, und so entstand die. am 5. März 1822 eingeweibre herrliche Synagoge mit Orgel. — Für diese Synagoge nun schrieb Lovy die uns vorliegenden, erst im Jahre 1862 aus Pietät für den Componisten vom Pariser israelitischen Consistorium veröffentlichten Gesänge. — Die Compofitionen tragen durchweg die Signatur der allen glanbensfreudigen Zeit und mau hört es den einschmeichelnden Weisen an, dass sie nicht in der Abgeschiedenheit eines düsteren Ghettos, sondern in der Gemeinschaft freier, glücklicher Menschen entstanden sind. Nicht cher gellende Angstruf eines von Schmerz durchwühlten, nach Erlösung ringenden Menschen, nicht das thränenfeuchte Auge des um Erbörung flcbenden, verstoßenen Kindes, sondern der lächelnde, beseeligende Blick der Dankbarkeit ist es, dem wir hier begegnen. Schon der erste 1/6110 60di F>dur V»-Tact trägt die für unseren Geschmack zwar unmögliche, immerhin jedoch interessante Vermerkung Mouvement de marche und in der That hören wir bei p’ne schabbos n’kabb’lob den Marschrhythmus der Marseillaise. Der zweite L’cko dodi, gleicher Tonart V4-Tact, erinnert lebhaft an die Arie des Figaro in Mozart's Figaro's Hochzeit: .Will der Herr Gras u. s. w.', wie wir allenthalben der Inspiration Mozart's und Haydn's, denen Lovy entschieden gefolgt/ begegnen. Ein musikkritischer Maßstab läßt sich vom Gesichts- Punkte unserer modernen Anschauung nur insofern anlegen, als wir auf den bei sämmtlichen Nummern sich manisestirenden Melodienreichthum nachdrücklichst Hinweisen. Lovy's Phantasie zeigt sich allüberall gleich frisch und elastisch; nirgends ist eine Abspannung oder Anstrengung zu bemerken, und wenn wir am Schluffe irgend eines Stückes angelangt, so scheint es stets, als hätte er uns noch nicht Alles gesagt. Wenn Melodienreichthum und künstlerisch vollendete Ausführung die hohe Bedeutung eines Chasan in sich schließt, so war Lovy wirklich ein Fürst im Reiche. Die liebenswürdigen Menuette und Polonaisen auf einen Schluß. Kadisch oder Fl babo-do-08. angewendet, athmen eine solche Opulenz von Melodie, dass wir es gern verzeihen, wenn auf das Wörtchen ״Xi" sechs volle ^/»-Tacte verwendet werden und obgleich die Neichthümer keineswegs umsichtig verwaltet sind, so wäre man da, wo die Melodien so leicht und so reichlich zuströmen und wo das Bestreben obwaltet, dem Worte die möglichst erichöpfendste musikalische Illustration zu geben, fast geneigt, dieses lange Ansspinnen de-5 Musikgedankens am Platze zu finden. Die harmonische Erfindungsgabe hält mit der melodischen allerdings nicht gleichen Schritt. Einfach, in des Wortes kühnster Deutung, erhebt sich die Harmonie (Dreiklang, Septimenaccord, Sextaccord) im großen Ganzen nirgends über das Niveau des .Zusammensingens' der allen Chasanim. Was in einzelnen Nummern Beträchtlicheres vorkommr, scheint einer späteren Zeit oder einer anderen Feder anzugebören, und deshalb behandelt Lovy seinen Chor noch ganz im Sinne der Alten, er läßt ein Männerquartett oder Terzett, bei dem der Chasen stets die Oberstimme behält, zumeist jedoch unisono beginnen und den Gesammtchor blos mit einzelnen, kurzen Schlägen (beim V4-Tact auf dem 2. und 3. Viertel) in orchestraler Weise hinzutreten. Interessant ist auch der Malchus’cho für Freitag Abends Der Chasan beginnt eine Polonaise — (wohlgemerktl nicht etwa zu tanzen) — während die Ten vre und Bässe mit geschloffenen Lippen (bouebe fermee) die Begleitung, gleich der Orchesterintroduction einer alten italienischen Opernarie, zu besorgen haben, oder ein Kadisch, wo der Sopranist mitten d'rin ein Solo von mehreren Tacten ohne Text zu singen hat (Levy bezeichnet diese Stellen mit vocalise). — Solchen und ähnlichen Abnormitäten begegnen wir oft. Abnormitäten! allerdings nur von unserem jetzigen Musikstandpunkte aus, denn wer von uns jemals noch ״zugehalten', der dürste sich lebhaft des Ohrenschmauses erinnern, den wir durch Vorführung gleicher Experimente unseren damaligen andächtigen Zuhörern bereitet. — Deshalb ließen sich nur wenige der Compofitionen Lovy's für die heutige Synagoge verwerthen und diese nur noch in wenigen Gemeinden. (Fortsetzung folgt.) Die Constituirung der Zweigniederlassung in Böhmen- Montag den 11. d. M. hat in Prag die Constituirung der Zweigniederlassung des ,Oesterr.-ungar. Cantorenvereines' für Böhmen stattgesunden. Dieses Ereignis ist schon darum ein erfreuliches zu nennen, da es ja nur durch einen zahlreichen Beitritt der Cantoren in Böhmen zu unserem Vereine herbeigeführt werden, konnte und gibt somit einen neuerlichen Beweis von dem Gedeihen und -der allmälig fortschreitenden Entwickelung des .Oesterr.-ungar. Cantorenvereines". Eines jedoch müssen wir nicht nur bedauern, sondern sogar streng tadeln. Es ist dies der Umstand, dass sich eine große Anzahl der Vereinsmitglieder in Böhmen an der Wahl des Ausschusses der Zweigniederlassung nicht betbeiligt hat, wie es aus der verhältnismäßig geringen Anzahl der eingesandten Stimmzettel ersichtlich ist. Wir haben schon einmal betont, dass Niemand blos mit der Zahlung des Vereinsbeitrages seiner Pfiicht, der Gesammthcit gegenüber, Genüge geleistet hat.