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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-07 · Heft 5 (7.2.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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- e — der türkischen Gemeinde übergab und verlas die prachtvoll aus- 'gestattete Adresse der Gemeinde. Obercantor Bauer führte die Deputation der Gemeindebeamten, welche eine Adresse in Form einer kleinen Thora überreichte. Director E. Groag gratulirte im Namen der Schule und widmete dem Brautpaare einen von ihm verfaßten sinnigen Festgruß. West. Anläßlich der Debatte über das-Oberhaus-Nuntium hielt Moriz Zokai eine glänzende Rede, welcher wir folgende Theile entnehmen: Wir waren daran gewöhnt, daß die radicalen Redner auch zu anderen Zeiten im Abgeordnetenhause kühne Ideen laneirten, aber dieselben bezogen sich auf die Reform der herrschenden Religion. Auch diese begegneten großen Schwierigkeiten, aber sie waren in ihrer Kuhnheit würdig, Enuneiationen der radicalen Partei zu sein. Gegenwärtig will die radicale Partei Ungarns die unterdrückteste, verfolgteste Confession des Landes, die Juden, reformiren. Nicht blos aus dem Parteimanifest, sondern auch aus der Rebe des Abgeordneten Hermann ist zu entnehmen, daß man von Juden ihr Bekenntniß ford!rt. Man sagt, sie sollen ihren Katechismus herausgeben, und doch ist derselbe in den fünf Büchern Mosis zu finden. Was dessen Grundlage bildet, ist nichts Anderes, als die auf dem Berge Sinai offenbarten zehn Gebote, dieselben zehn Gebote, die auch dis Grundlage der christlichen Religion bilden. Einst fragte ein englischer Lord den Sir Moses Montesiore: ,Wenn die Gebote der christlichen und der jüdischen Religion dieselben sind, worin liegt dann eigentlich der Unterschied?^ worauf Montesiore erwiderte: ,Darin, daß wir die Gebote auch befolgen.* Dieselben sind also kein Geheimniß. Uebrigens sind solche jüdische Katechismen bereits vielfach der Oesfentlichkeit übergeben. Die Juden besitzen aber auch ein anderes, ihre Religion illuftrirendes Werk, sden sogenannten Schulchan Aruch. Auch dieses ist kein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch, sondern ist durch jede Buch- Handlung in wortgetreuer deutscher Uebersetzung zu beziehen; ich habe es auch durchgelesen und kann aus voller Seele sagen, daß ich darin nichts gefunden habe, was, sei es mit dem Staatsgedanken, sei es' mit der christlichen Religion oder der gesellschaftlichen Ordnung in Widerspruch stünde. Der Unterschied zwischen orthodoxen und Reformjudon besteht eben darin, daß Erstere die Ceremonien des Schulchan in deren Gänze erhalten wollen, während Letztere über einige derselben zur Tagesordnung übergehen. Ich kann keinen Grund finden, weßhalb der Staat sich in diese Dinge ein mengen soll. Was geht es den Staat au, wenn der orthodoxe Jude strenge an der sogenannten ,Chalize* festhält, damit Niemand genöthigt sei, die Witwe seines verstorbenen׳ Bruders zu heirathen? Uebrigens ist das kein Buch, das man für Elementarschulen heransgeben kann; wenigstens die Hälfte desselben ist ausgcfüllt mit den Ceremonien der Eheschließung, und die Hälfte dieser Hälfte beschäftigt sich mit einer sehr delicaten Erörterung, nämlich mit jenem unwiederbringlichen Gute der Frauen, das sie nach der Ehe verlieren. Das kann man in den Elementarschulen nicht lehren. Der Abg. Hermann sagte auch, die Juden sollen von ihren alten Gewohnheiten ablassen und Jerusalem nicht mehr betrauern. Also, wir Christen beweinen Jerusalem nicht? Begießen wir nicht während der Charwoche die Gassen Jerusalems vom Oelberge bis Golgatha mit unseren Thränen? Und jenes heilige׳ Land, welches mir dem Blute von anderthalb Millionen Christen gedüngt wurde, ist nur uns heilig? Nur wir dürfen es beweinen, und die Juden, deren Hermat es gewesen, dürfen seiner nicht gedenken? Ich finde ebensowenig etwas Scandalöses darin, wenn die Juden Jerusalem betrauern, als wenn die Katholiken Rom für das Oberhaupt ihrer Kirche halten. Einer ist dazu ebenso berechtigt wie der Andere, und das geht den Staat absolut nichts an. Aus der Rede des Abg. Hermann leuchtet der Rath hervor, die Juden mögen aufhören, Juden zu sein. Das sei eine so einfache Sache. Sollen sie sich taufen lassen? Ja, dvmit würden die Juden vielleicht ihn und seine Gesinnungsge nosfen befriedigen, nicht aber den Antisemitismus entwaffnen; die Antisemiten wollen die Taufe der Juden nicht, ihr Programm ist klar und bündig, sie wollen bei den Wahlen billig durchkommen, denn sie bedürfen für ihr Programm nichts als ein bischen Drohung. Die Einlösung eines Versprechens kostet immer ein Opfer, die Einlösuug einer Drohung nichts, höchstens etwas Schläge. Wir und dis Negierung glaubten, diese beklagenswerthe Situation könne durch den Gesetzentwurf über die Misch-Ehen geändert werden. Ich erkenne an, daß wir uns getäuscht haben, und nun sehe ich im Sinne des vom Herrn Minister-Präsidenten eingebrachten Beschlußantrages ein, daß wir unser Augenmerk auf die gesammte Ehegesetzgebung für alls Confessionen richten müssen. Lemberg. Anknüpfend an die in allen Blättern vielfach besprochene Taufe des Judenmädchens, Regine Philipp, erzählt der ,,Lemberger Israelit" folgenden ähnlichen Fall: Vor ungefähr drei Jahren ereignete eS sich,' dass ein kaum vierzehnjähriges, jüdisches Mädchen seinen Eltern, welche am Lande wohnten, entfloh. Die Eltern fanden bald die Spur, sie erfuhren, dass das Mädchen in einem hiesigen Kloster untergebracht sei und der Taufe entgegensehe. Sie eilten nun hieher und erwirkten unter schwerer Mühe und einflußreicher Intervention eine Unterredung mit ihrer Tochter in der hiesigen Polizei-Direction. In Anwesenheit eines Polizei-Beamten und der erwähnten jüdischen Intervenienten fand diese Scene statt. Vater und Mutter stürmten auf ihr Kind ein, dass es mit ihnen nach Hause zurückkehre. Der Polizeibeamte leitete die Unterredung recht diseret und taetvoll. — Ja, die Behörde mußte gerade in die-- sem Falle um so bedachtsamer Vorgehen, als es nicht einmal unzweifelhaft dargethan war, ob das Mädchen wirklich das 14. Lebensjahr schon zurückgelegt hatte, denn es war nicht immatriculirt, ein Gebnrtsschein lag nicht vor und die Eltern behaupteten daS Gegentheil. Das Mädchen blieb stumm und regungslos; doch als sich der Strom der Thränen bei Vater und Mutter öffnete, da kam auch die Tochter in's Wanken, sie begann zu schluchzen und nach wenigen Augenblicken wäre sie unfehlbar am Halse der Mutter, die erwachte Stimme des Blutes hätte gesiegt und dem armen Eltern paare wäre sein Kind wiedergegeben. — Doch das Mädchen war aus dem Kloster nicht allein gekommen, ein Ordensbruder hatte es begleitet. Er saß in der Ecke der Amtsstube still und theilnahmslos, mit gesenktem Blicke, so lange das Mädchen starr blieb. Doch als die Regung es überkam, da erhob er sich langsam und feierlich von seinem Sitze, schlug die Augen auf und lenkte sie auf das Mädchen fest und durchbohrend. Es war ein gottgefälliger Blick, denn er rettete eine Seele vom Fegefeuer, das Mädchen überwälitgte vor dem Zauber dieses zw ingenden Blickes sein Gefühl und wandte sich von den Eltern ab. —־ Urag. (Israelitischer Friedhof in Wolschau.) Der Stadtrath von Zizkow beschloß im eigenen.Wirkungskreise die Verfügung zu treffen, dass der israelitische Friedhof in Zizkow mit 31. December 1884 geschloffen werden müsse und von dieser Zeit an keine Leichen dort beerdigt werden dürfen. Der Beschluß wird mit nachfolgenden Gründen motivirt: Der israelitische Friedhof wurde ohne behördliche Bewilligung errichtet und eignet sich seiner Lage, sowie der Bodenbeschaffenheit nach keineswegs zur Bestattung von Leichen. Nach den bestehenden Vorschriften soll für den Friedhof ein luftiger, trockener und entlegener Ort ausgesucht werden. Die in Rede stehende Begräbnisstätte liegt jedoch an keinem luftigen Ort und fast mitten in einer dicht bevölkerten Stadt, der Boden ist naß, durchlässig, das zü Tage tretende Ouellwasser, sowie die Niederschläge haben keinen Abfluss und der Friedhof übt schädlichen Einfluss auf die sanitären Verhältniße Zizkows aus, welcher sich in den häufigen Erkrankungsfällen von in der Nähe der Friedhöfe wohnenden Personen äußert. Das letztere ist durch statistische Daten nachgewiesen, ebenso ׳geht das

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