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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-07 · Heft 5 (7.2.1884) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 müßte treffliche Sänger bilden. Aber seit einiger Zeit hat man | nicht Geduld genug, zu studiren, weil man zu genießen strebt, und sobald unsere jungen Leute wahrnehmen, dass sie eine erträglicbe oder schöne Stimme und mehr oder weniger Anlage haben, werfen sie sich unbesonnen in das Gebiet der Musik, ohne je rückwärts zu sehen, ohne etwas gelernt zu haben. Der erste Beifall, den ihnen meistens Unwissende oder gefällige Schmarotzer zollen, ist ihnen Gewähr ihres angeblichen Talentes und ein hinlänglicher Fingerzeig, von dem Augenblicke an das so zu sagen kaum augefangene Studium abzubrechen. In unseren Tagen will man fertig werden ohne die geringste Mühe; und wendet man einige Mühe darauf, so geschieht es, um Ge« wohnheitsfehler mit Naturmängeln zu verbinden, oder um Naturgaben zu verderben. Was ist nun daraus erfolgt? Dass man, bis auf wenige Ausnahmen, fast überall, wo man singen hören will, tadeln muss. Denn hier hört man unaufhörliche, gesckmacklose, schlecht ausgeführte, der Harmonie widersprechende Verzierungen, gemeckerte Läufer und Triller, dort hört man einen langweilig schleppenden, tactwidrigen Gesang, mit unaufhörlichem, schrecklichem und betäubendem Schreien durchweht, welches, wie man meint, unzweideutige Zeichen der Wärme und der Vorzugs׳ weise dramatischen Empfindung sind. Kurz, fast überall hört man falsch singen, schlecht aussprechen und schleppend miauen, was für die gute Art von Portamento, für wahres Gefühl und wahren Ausdruck gehalten wird. Und alles dieses wird beklatscht! Und warum? Weil der Mangel an Studium und guter Schule den wahren Geschmack und schönen Vortrag verderbt und verbannt hat. Ununterrichtete und ihren Fehlern preisgegebene Sänger haben unmerklich auch den Geschmack des Publikums verderbt, welches jetzt das Mittelmäßige für schön, das Schlechte für mittelmäßig hält, übrigens, keine schulgerechten Muster, die es zurückführen könnten, anhörend, hienwiederum die neuen, nach einander auftretenden Sänger verderbt und sie täglich in dem Jrrthume hinhält, dessen Opfer er selbst ist. Vielleicht führt die Zeit glücklichere Veränderungen herbei, welche diese Bemerkungen, die wir hier, um Schüler vor der Gefahr des Beispiels zu warnen, machen mußten, unnütz und unstatthaft zu machen. Wir legen inoess darüber unser Glaubensbekenntnis ab und be- Haupte!׳., dass, gibt cs auch Muster, die nicht nachzuahmen sind, es doch allerdings auch einige gibt, welche nachzuahmen sind. Das Schwere ist nur. richtig zu wählen, um der Gefahr zu ent gehen. Es darf daher auch nicht Wunder nehmen, dass, in neuester Zeit auch die Coloratur völlig verwildert, *) ja kaum mehr zu finden ist, denn ein Nebel zieht das andere nach sich. Wir kommen später auf diesen Umstand wieder zurück. Das Element des Gesanges also ist der Ton, welcher seinem Wesen nach in zwei Haupiarten zerfällt: in den guten und in den schönen Ton. Das Wesen des guten Tones besteht darin, dass er frei von Nasen-, Zahn-, und;Kehlklang ist, und dass er nicht herausgestoßen, .sondern herausgezogen werde. Dass der Ton nicht allein'durch Oeffnen des Mundesund Hineinstoßen des Athems in die Luftröhre hervorgebracht wird, ist leicht zu erweisen: denn man kann den Mund um das Dop. pelte weiter öffnen und dreimal mehr Athem anwenden, als man zur Hervorbringung des stärksten Tones bedarf, ohne dass mehr *) Der Schüler lernt durch Imitation den größten Theil der Gesangskunst und nur deshalb, weil die wenigsten Lehrer, wirkliche Gesangslehrer sind, die alle Phasen ^des Unterrichtes an ihrer eigenen stimme durchgemacht und daher dem «Schüler weder einen richtigen Triller noch eine co lorirte Stelle vorzusingen im Stande sind, werden Coloratur- und Trillecüb ungen vernachläsiigt. als ein unbedeutender, kernloser nnd kreischender Klang dadurch bewirkt wird. Hingegen braucht man den Mund nur wenig zu öffnen und nur einen leisen Hauch anzuwenden, um einen starken und vollen Ton von sich zu geben׳ Fragt man. woher dies rühre, so muss man darauf antworten, dass der Ton nächst Beihilfe der Stimmritze noch durch Hinzukommen eines anderen Werkzeuges völlig ausgebildet werde, indem der aus der Brust steigende, in der Stimmritze zur tönenden Luftsäule gewordene Athemftrom, bevor er völlig die Freiheit gewinnt, sich an irgend einem Punkte des inneren Mundes bricht. Und dieses nennen wir den Tonanschlag. (Fortsetzung folgt). Kleine Chronik. Wien. Im Tempel der hiesigen türkischen Jsraeliten-Gemeinde hat Sonntag den 3. Februar unter Entfaltung einer seltenen und außerordentlichen Pracht eine Trauung stattgefunden. Der Sohn des Vorstehers der türkischen Gemeinde, des Herrn Marcus M. Nus so, Herr Dr. Mathias M. Nusso, heiratete seine Cousine, Frln. Lcontine, Tochter des türkischen Groß- Händlers, Aron I. Russo. Aus Anlaß dieser besonderen Feier war der Tempel prachtvoll decorirt. Der Einlaß war nur gegen Karten gestattet und trotzdem war der Andrang ein solch' bedeu׳ tender, dass ein starkes Contingent Sicherheitswache die Negelung der Zu- und Abfahrt besorgen mußte. Zm Tempel halte sich vor Ankunft des Brautpaares ein den besten Kreisen der Nesidenz angehöriges Publikum versammelt, unter welchen wir den General-Secretär der kais. ottomanischen Gesandschaft, den türkischen Generalconsul, den Grafen Wilczek, den General-Director. der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft, mehrere Professoren vom Conservatorium und einige Vertreter der baute finanee bemerkten. Unter den weihevollen Klängen eines von Prof. Franz Josef Löwenstamm gespielten Präludiums, hielt das Brautpaar nnd die Angehörigen der beiden Familien ihren Einzug in das Gotteshaus. Die Pracht der kostbaren Noben wurde von den zahlreich anwesenden Damen allgemein bewundert. Die Feier nahm ihren Anfang mit der Absiugung des Nab towu von M. G. Löwenstamm. Die Piece, welche eine der wirkungsvollsten im ersten Hefte der Löwenstamm'schen Synagogengesänge ist und über die seinerzeit Herr Obercantor Josef Singer ein so treffliches Urtheil abgegeben bat, wurde von dem mehrfach verstärkten Chorpersonale, um dessen Einstudirnng sich der Chordirigent der türkischen Gemeinde. Herr Gustav Pollak, sowie Herr Professor Löwenstamm sehr viel Mühe gaben, eract und wirkungsvoll ausgeführt. Hierauf folgte Ali aclir von Josef Sulzer. dem Sohn des P.rofess0Q.SKlM^,welcher ebenfalls sehr j hübsch gesungen wurde. Besonders schön wurde ein in demselben vorkommendes Solo von Obercantor Bauer ausgeführt. Prediger Dr. Jellinek, der den Trauungsact vollzog, hielt eine glänzende Trauungsrede und feierte mit beredten Worten anknüpfend an die Anfangsworte des Schirah ״aschirah laaclonaj“, die Bedeutung des Vorstehers, des Herrn Marcus M. Nuss o, für seine Gemeinde, als Gründer des Synagogen- Chores und Reformator des türkischen Gottesdienstes. Nachdem Obercantor Bauer die Schewa Berachot wirkungsvoll vorgetragen, wurde als Schlußgesang M6h610־, ebenfalls von Josef Sulzer, gesungen. Am Samstag vorher hatten sich bei dem Vorsteher, Herrn Marcus M. R u s s o mehrere Deputationen eingefunden, welche demselben Gratulations-Adressen überreichten. Der Secretär <3*־k &'*׳ 77

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