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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-07 · Heft 5 (7.2.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ton. Lessing sagt: ,Wer mich ein ,Genie' nennt, dem geb' ich ein paar Ohrfeigen, dass er denken soll, es sind vier.' — Nichts bleibt ja ohne Nachwirkung, sowie nichts ohne Grund. Es geht im Ganzen dem Menschen immer nach seinem Verhalten, was wir säen, das ernten wir. Die Ueberschätzung straft sich ewig selbst, sic würde sich strafen, wenn auch kein Richter wäre. Auch der Cantor in der kleinsten Gemeinde trägt den Tactstock eines zukünftigen großen Obercantors in der Hoffnung unter seinen Noten, auch er muß für die Standeschre kämpfen, dulden, darben, oft mehr wie w ir Collegen in den größeren Gemeinden. So wollen wir die gute Laune nicht an den Mübseligkeitsklippen scheitern lassen, sondern uns des Wortes befleißigen: ,Jeder trete für die Standesehre 6m!' M. Tintner Bunzlau, Preußen. Von der Tonbildnng. Als erstes Priucip für alle Musik muss zunächst anerkannt werden, dass Ton ihr einziger Stoff ist, und dann: dass dieser Ton seinen Urquell in dem Werkzeuge wird suchen müssen, welches die höchste schaffende Weisheit, die Natur,, hervorgebracht — in der Mensckenstimme. Diesem Grundsätze anfangs unbewusst, dann allmählich immer bewusster huldigend, hat der Geist im Laufe der Zeitendie Tonwelt erfunden, geordnet, gebildet, und es ist keine übertriebene Schätzung in der Annahme, dass er zu völliger Vollendung dieses ungeheueren Werkes vier Jahrtausende gebraucht haben mag. Diese Vollendung war aber erst dann eingetreten, als eben der Stoff aller Musik, der Ton, zum Kunstwerke herausgebildet war, und der schöne Ton der Mcnschenstimme mußte und konnte ja nur allein als dieses Kunstwerk, d. b. als ewiges Ideal der Tonschönheit, betrachtet werden. Sonach also sind die allmählich erfundenen Ton- Instrumente nichts, als mehr oder minder glückliche Nachbildungen der Menschenstimme, dieses vollkommensten aller Instrumente, welches mit der Weichheit und Biegsamkeit der Sailen-Instrumente das Metall und den Heroismus der Blasinstrumente vereiniget, an Schönheit des Tones jedoch und durch das erhabene Vernunft- Element der ibm dienenden Sprache alle unendlich übertrifft *). Diesen Ideen zufolge war es Aufgabe der Instrumental-Musik, den vollkommenen Gesang der Menschenstimme nachzuahmen, und so lange die Musik jenen Grundsatz festbielt, hatte sie einen Polarstern für ihre Bestrebungen, den sie nicht aus den Augen verlieren konnte, bevor nicht durch eine Umwandlung des so wunderbar herangebildcten Tonsinnes der Geschmack an wahr- *) Nur durch diese Eigenschaften ist es erklärlich, dass, wie Heine sagt, der Ton im Munde eines Farinelli und einer Faustina an Werth die Massen der größten Orchester übertrifft, welche nach Tieck's Ausdrucke nur das Waffer sind, auf welchem sich das Lchiff des Gesanges bewegt. Dr. Burney, dieser große Kenner, sagt in derselben Weise in seinem Lagebuche (8. 74—75.): Die bloße Begleitung eines Clavicrs mit jener hiinmlischen Stimme (die er eben erwähnt hat) vergnügte mich unbeschreiblich, und zwar nicht sowohl durch das,'was . sie that, als durch das, was sie nicht that; denn man kann wahrlich nicht zu viel von einer >o himmlisch süßen Stimme hören. Alles Gewäsche verschiedener Instrumente, mühseliger Erfindung und schwerer Ausübung, ist nicht viel bester als eine häßliche Larve auf einem schönen Gesicht; selbst die Harmonie ist in solchen Fällen ein Hebel, wenn sie statt Unterthan zu sein, sich zur Herrscherin anfwirft. Ich weiß, dass ich nicht als Tonkünftler so rede, aber ich will allezeit gern meine Profession aufgcben, wenn sie sich zur Pedanterei neigt, und meinem Gefühle nachhängen, wenn es die Vernunft auf seiner Seite zu haben scheint. Wenn eine Stimme rauh oder sonst unangenehm ist, so kann sie nicht wenig genug gehört werden, und dann mögen rauschende Begleitungen und künstliche Erfindungen füglich statt finden; aber eine einzige Note von einer solchen ׳Stimme, als ich diesen Morgen hörte, dringt tiefer in die Seele, als eben die Note auf dem besten Instrumente auf der Welt thun kann, welches auf's höchste nur eine Nachahmung der menschlichen Stimme fein kann. . Hafter Musik und ihrem Stoffe untergcgangen war. Es ist aber in diesem Sinne edle.. gesangreiche und charaktervolle Melodie allein Musik, schöner Ton allein ihr Stoff zu nennen; die angedeutete Umwandlung aber ist nichts anderes, als jene Rückkehr von den Gipfeln des Lebens zu seinen Tiefen, welche m der Geschichte immer und immer wiederkehrt. Als nun in ganz natürlichcr Folge musikalische Schöpfungen auf den Schauplatz traten, deren Bortrag auf jenes Element wahrer Kunst gar nicht mehr berechnet war, oder mit anderen Worten, deren Stoff nicht mehr, schöner Ton war, so mußte dieser immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Forderte man ehemals die׳ weiter unten zu nennenden Eigenschaften von ihm, so durfte er nach der Zeit des Verfalles auch dann auf Anerkennung rechnen, wenn er ihrer entbehrte, sobald er nur die Aufgabe der Tagesmode löste, und den Günstlingen des ephemeren Geschmackes gewachsen war. — Sobald aber der Ton aus dem Gesänge verschwunden war, vermochte die Instrumental-Musik ihn nicht länger zu bewahren, da mit dem Versiegen der Quelle der Strom von selbst verschwindet. Als völlig versiegt aber war die Quelle unbezweifelr zu betrachten, als ein umgekehrtes Verhältnis eintrat, als die Sänger, vornehmlich durch, die immer mehr überhandnehmende Anzahl von Composiiionen der. angedenteten Art verle-iter, die Beweglichkeit der Znstrumenle für das letzte Ziel des Gesanges zu halten begannen, sich also zu Nachahmern herabwürdigten, wo sie Ideal sein konnten und sollten. Und somit scheint die Behauptung nichr gewagt, dass dichtende und ausübende Musik ihren Fall gegenseitig bedingten und beschleunigten. Es springt in die Angen, dass von diesem unnatürlichen und bewußtlosen Vertilgungskriege das ganze Kunstgesilde verbeert werden mußte und die beklagenswerthe Zeit des kläglichen Virluosenthums gar nicht ausbleiben konnte. Und so ist denn geschehen, was mau in der Blüthezeit der Musik, namentlich der italienischen, für unmöglich würde gehalten haben: der große edle Ton ist verschwunden, die Kunst des musikalischen Vorträges mir ihm, und wenn früher die Componisten, dem Verfalle des guten Geschmackes theils nachgebend, theils voraneilend, den Sturz der ausübenden Musik beschleunigten, so müssen gleichsam ihre Nachfolger auf dem betretenen Wege fortschreiten, weil sie keine Fähigkeit zum Vortrage wahrer Musik mehr vorsinden; denn die Werke eines Leo, Haße. Vinci, Händel, Haydn, Gluck, Zomelli, Galnppi, Graun, Piccini, Lotti, Sacchini, Pergolese, Naumann, Mozart und anderer dergleichen Tonsetzer sind für die meisten heutigen Sänger ebenso unauflösbare Näthsel, wie die Werke der Corelli, Tärtini, Geminiani, Nardini und Viotti für die große Mehrzahl der heutigen Geiger. Dass aber die Musik, und insonderheit die des Gesanges, eine so bedauerliche Wendung genommen habe, beweisen die Klagen der besten Musiker jener Zeit, wo das Sinken der Kunst fast in ein Stürzen überging. Um nun von vielen Beispielen ein einziges anzuführen, so klagen schon Cherubini, Mehul, Mengozzi, Garat und die übrigen Mitglieder der Commission zur Begründung einer guten Gesang-Methode für das Pariser Conservatorinm zu Anfänge dieses Jahrhunderts bitter, und es ist auf diese Klagen ein um so größeres Gewicht zu legen, als Bernardo Mengozzi ein Schüler Bernacchi's, Garat der trefflichste Sänger Frankreichs war, Cherubini und Mehul aber Zeugnisse der Reinheit ihres Geschmackes nicht brauchen. Sie sagen: ״Die Gesangsart des Cantabile, die man mit. Recht das Non plus ultra des Gesanges nennen kann, wird heut zu Tage wie in Vocal-, so in Instrumental-Musik vernachlässiget, oder besser gesagt, sie geht ganz unter. Zn wünschen wäre, dass sie wieder auflebte, denn das Studium, welches ihr vorangehen muss,

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