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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-07 · Heft 5 (7.2.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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keimten? Der Volksgesang! Nun denn, dieselbe gemeinschaftliche Quelle suchten nnsere alten Chasanim auf, um zu schöpfen, anstatt zum feindlichen Nachbar borgen zu gehen. So erhielten die draußen im Leben vernommenen Gesänge ein synagogales Gewand, indem ein feuriger Soldatenmarsch zum lyrischen על הכל oder auch eine allbekannte Polonaise, bei deren lieblichen Klängen manches Patrizierfräulein seinem Mitlänzer lieberglüht; zulächelte, zum heroischen מלך עליון umgemodelt wurve. Ein Hauch echt jüdischer Frömmigkeil umgab jedoch diese liebgewor-- denen Gesänge und dieselben .wurden auch im Laufe der Zeit typisch, so dass selbst unsere gefeiertesten Synagogen-Componisten der Gegenwart in löblicher und anerkennungswerther Achtung vor dem Althergebrachten bei Ausarbeitung ähnlicher Nummern, Rhythmus und Charakter jener allen Melodien nachahmten. Das Wandersystem der Künstler und Handwerker jener Zeit veranlagte die mittlerweile in Deutschland herangebildeten Meschorerim ebenfalls, den W a n d e r st a b zu ergreifen, um ihre Gesaugswcise den Sangesbrüdern in Ungarn mitzutheilen, dafür aber auch jener Art auf sich einwirken zu lassen und setzten hierdurch ein neues Reis auf den erstarkten Stamm. Die deutsche Gesangsweise wurde nach und nach für gewisse Gebetstücke obligat und fand hauptsächlich bei Texten freudigen oder jubelnden Inhaltes reiche Verwendung; so verlor beispielsweise die Kedusckah und Leclio dodi u.!. w. immer mehr den polnischen Charakter, indem dieselben ein deuisches Gepräge erhielten, und -dieser Enlwickeluugsphase entstammten auch sämmtliche ,Steiger" der dnr-Tonarlen. Die allgemeine Ächtung und das große Interesse, die den Leistungen des Chasan entgegengebracht wurden, gewannen diesem Sängerkreise viele Eleven, so dass mit der beginnenden Leistungsunfähigkeit der alternden Meister bereits eine beträchtliche Zahl jüngerer Meister zur Verfügung stand. Unter den jüngeren Meschorerim gab es schon solche, die Neigung oder Nolhwendigkeit zur Erlernung eines Musikinstrumentes führte, so dass mit der erreichten Fertigkeit in der Behandlung der so leicht zugänglichen Violine sich ihnen auch ein großer Theil der weltlichen Musikliteratur erschloß. Gar oft traf es sich, dass junge Meschorerim auch schon zur Kunstgilde der Musikanten gehörten; da jedoch die Geistesbildung jener Tempelsänger größten׳ theils tief unter der Stufe ihres gesanglichen Könnens stand, so wurde diese Doppelangehörigkeit für die Beiheiligten sehr oft zum Fluche, indem es Manchen auf die breite Heerstraße des Vagabundenthums führte. Allein es entrollte sich in den Gemeinden Israels ein wirklich erquickendes interessantes Bild musikalisch-gesanglichen Lebens, denn nicht nur beim Gottesdienste an heiliger Stelle, auch bei den sonstigen Vorkommnissen des Gemeinde- und Familienlebens, in Freud und Leid, wären der tüchtige Chasan und seine Meschorerim gern gesehene Personen. Dieser Zeit entstammten die berühmten ungarisch - mährischen Chasanim der 30er und 40er Jahre, deren Andenken in den betreffenden Gemeinden noch bis nun hochgehalten wird, deren Einfluß auf den Synagogengesang noch bis in die Gegenwart hineinragt. Wie überall so tauchten auch hier neben den gottbegabten reichbeanlagten Sängern auch zweideutige Talente auf, denen durch Zufall oder eine günstige Verkettung der Verhältnisse eine maßgebende Stimme in der Normirung der Gesänge zufiel. — Diese glaubten Großes gethan zu haben, wenn sie die vorhandenen schönen Melodien mit Koloraturstitterwerk bis zur Unkenntlichkeit verbrämten. Mit Urtheil und Mäßigung angewendet, verfehlten diese melismatischen Ausschmückungen niemals ihre bestechende Wirkung; allein in der Kehle dieser Stümper wurde dieses Kunftmittel zum Zerrbild, welches den Verfall der 1 guten Sache in sich barg, so dass successive eine gewisse Ver-! Milderung in dem Synagogengesange Platz griff, die einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. Die Sonne der Aufklärung, die ihre beglückenden Strahlen auch unserem Volke zuzuwenden begann, der erwachende Frühling eines goldenen freiheitlichen Zeitalters brachten neues junges Leben in den müde hinsiechenden Körper. — Auch in den düüern Synagogen wurde es bell; die Aufhebung der Sonderstpllung unserer Glaubensgenossen wurde angestrebt und zur Erreichung der Gleichstellung mit anderen Confessionen mußte für den Inhalt unserer vererbten Gebräuche und Sitten eine moderne Umgestaltung gefunden werden. — Es sollte auch im Gotteshause Israels modern gesungen, d. h. den traditionellen Melodien eine zeitgemäßere Form gegeben werden. — Da forschte man nach dem Mann, der mit eisernem Willen, mit Intelligenz und Fachkenntnis gewappnet, organisatorisch einzugreifen im Stande wäre in das gesetz- und formlose Treiben; dem es gelänge ein System festzustellen für das zwar reichen und gediegenen Inhalt in sich bergende, aber durch Unkennlnis oder Willkür leider verunstaltete Gesangsmaterial. (Fortsetzung folgt.) Ein ciillegisles Wort. II. Erläuterungen, wenn sie ohne Parteigeist, mit ruhigem, unbefangenem Gemüthe und mit der Würde geführt werden, welche von dem Cultusbeamten vorausgesetzt wird, werden ihren segensreichen Einfluß auf das Wohl des ganzen Standes üben, und das schönste und reinste Licht verbreiten. — Wir machen oft die Wahrnehmung selbst bei unseren Collegen, dass ein gewisses Mißbehagen ob ihres Amtes sie beschleicht. Aeußerlich nehmen zwar viele eine sehr zufriedene Miene an, aber im Herzen denken sie anders. Woher aber kommt es, dass solche Jeremiaden angestimmt werden? Ohne jeglichen Angriff üben zu wollen, antworte ich: Brüder! Wir besitzen noch zu wenig Gefühl für Standesehre. (Weil wir keine gleichmäßige Bildung genossen). Es liegt uns entschieden ob, für die Ehre und Würde unseres Berufes mehr zu sorgen. Alle müssen wir darnach streben, dass unser Stand nach innen und außen, ohne leidenschaftliche Polemik und Disputation als ein ehrwürdigerer gelte und gehalten werde. Das allgemeinste und sicherste Mittel zur Erreichung dieses Zweckes ist, durch unser bestimmtes Auftreten erkennen zu geben, dass wir Standesehre im Leibe haben, dass ein gewisser Chorgcift uns beseelt und dass wir die moralische Pflicht haben, unser Amt gegen boshafte Angriffe zu vertheidigeu, Spott aber, den nur kleine Seelen üben können, mit würdigem Schweigen und offener Verachtung zu strafen; dass wir, wo es erforderlich ist, unsere Ueberzeugung freimüthig eingestehen- und ohne Rücksicht auf den Beifall oder Tadel der Welt gewissenhaft behaupten. Wo es gilt, dann die Stimme laut zu erheben, wird die ,Cantorenzeitung" gern bereit sein, ihrer reinen Tendenz getreu mit Klarheit und Wahrheit für die gute Sache einzutreten. Werbet darum Collegen für diese Zeitung, die nur Fachartikel bringt, dass sie aller Orten gelesen werde. Und wenn wir obige Ziele erreichen wollen, dann bleibe uns das Wörtchen ,Genie" ferne. »Talente werden׳ auch erzogen und nicht nur geboren." Ein vielgebildetes »Genie" gleicht oft einer schrillen Pfeife und je weiter man den Stöpsel derselben hineintreibt, desto quiekender und jämmerlicher wird ihr

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