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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-02-07 · Heft 5 (7.2.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 5 (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 Und auf solche Stimmen hin, die ja überall, auch dort wo der Cantor sich der größten Beliebtheit erfreut, und wo an seinen Leistungen von einem Verständigen nichts zu tadeln ist, wie die Pilze aufschießen, da ja bekanntlich jeder Jude zum Kritiker — auch auf denjenigen Gebieten, von denen er sein Lebtag sich nichts träumen ließ — geboren ist, auf solche Stimmen hin, deren Ursprung und Bedeutungslosigkeit doch Jeder aus eigener Erfahrung kennen sollte, sinden sich Leute, welche, trotzdem die Gemeinde keinen Concurs ausgeschrieben hat, sich um einen besetzten Posten bewerben, den angestelltcn Funktionär aus seiner Stellung verdrängen wollen, und ihm und seiner Familie gewissermaßen das Brod vom Munde weghaschen. Wenn ein Mensch, der in allen möglichen Existenzen schiffbrüchig geworden ist und das Cantoral als den letzten Nettungsaukcr betrachtet, sich bei Erlangung eines Postens solch unlauterer Mittel bedient, so kann man sagen, der Mann hat keinen Begriff von Collegialität. von Standescbrc; wenn ein Cantor, der lange Zeit ohne Posten herumirrt und für seine Familie kein Brod erwerben kann, auf diese Weife eine Stelle erreichen, will, so möge ihn die bittere Noth entschuldigen; wenn aber Ca nto r en, deren Existenz eine sichere ist, einen solch' frevelhaften Eingriff in die Rechte eines C o l l e g e n t h u n, o d e r w e n u e i n C a n l o r, d e r z u l e b e n hat, aus Motiven, die wir nicht näher erwähnen wollen, einem solchen Bestreben Vorschub leistet, so ist dies nicht blos Mangel an Collegialität und Standesehre, es ist dies etwas wofür es nur einen Ausdruck gibt, den wir aber nkcht nennen wollen, da uns schon das Aussprechen desselben widerstrebt. Wir haben es beute, trotzdem wir bei unseren Betrachtungen einen speciellen Fall im Auge halten, unterlassen, Namen zu nennen, müssen jedoch betonen, daß wir es unserem Stande schuldig sind, treue Wache zu halten und jeden Eingriff in die Rechte eines Collegen, von welcher Seite er immer kommen mag, sowie jede Beeinträchtigung der freien Concurrenz und jede, unlauteren Motiven entspringende Einflußnahme auf die Bes etzun g eines Can torp o stens, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen und hoffen, dass wir darin der U n t e r st ü tz u n g aller b e s s e r d e n k e n d e n Collegen sicher sind. Ueber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor A. Singer in Wien. III. Mit der Uebertragung des polnischen Gesanges auf ungarischdeutschen Boden beginnt eine neue bedeutungsvolle Phase der Entwickelung des Synagogengesanges. Die polnischen Chasanim, denen bis nun eine eigentliche musikalische Anregung versagt war, fanden in der neuen Heimat ein üppig blühendes Feld für ihre Bestrebungen. In Ungarn waren es hauptsächlich die trefflich organisirten Musikbanden, die durch Vorführung ihrer klagenden, wehmüthigen Nationalmelodien ihre Phantasie in hohem Grade auregten; auch ziemlich beanlagte Musiker jüdischen Glaubens, die durch Vermittlung des Musikbegriffes ihnen eine neue schöne Gedankenwelt erschloffen. Mit der ganzen Macht ihres feurigen Temperamentes machten sie sofort die ihnen zusagenden Motive für ihre Zwecke dienstbar und assimilirten dieselben in solch' vorzüglicher Weise mit dem eigenen Products, dass die Aehnlichkeit mit dem Vorbilde beinahe ganz verwischt wurde. Am mächtigsten jedoch mußte das Wesen der Harmonie sie ergriffen haben. Bis dahin immer nur an den Einklang gewöhnt, machten sie die Wahrnehmung, dass durch das Zusammenkliugeu mehrerer gesetzmäßig gefügter Töne ganz abnorme Wirkungen erzielt werden können und stellten sofort Versuche an, um auch diesen neu entdeckten Musikeffect für die Synagoge zu verwenden. So entstand da» ,Zuhalten", ״Zusammensingen", also der allererste Anfang des jüdischen Chorgesanges. Vollständig unvertraut mit dem Gesetze der Harmonik, suchte man, lediglich nach dem Gehöre, einen angenehmen Zusammenklang verschiedener Töne berzustellen und wie primitiv auch die gewonnenen Producte gewesen sein mögen, so ist diese Erscheinung dennoch als ein entschiedener Fortschritt zu betrachten. — Es kann nun keineswegs befremden, dass der ganze Aufbau des damaligen Synagogengesangsmateriales nach dem orchestralen Vorbilde auch ein instrumentales Gepräge erhielt. Den vorbandenen Instrumenten genau entsprechend war auch die Stimmeiutheilung. Für die zarten Instrumente (Flöte, I. Violine) wurde Fistel und Singerl, für die begleitenden Instrumente (Viola. II. Violine) Altist und Tenor, und für die tiefsten Instrumente (Baß) ״Fagott" und ״Sait" substituirt. Das Singerl und der Fistelsinger übernahmen die Führung der Oberstimmen nur bei den für den Chasan notbwendigen Ruhepunkten; beim Zusammenwirken des Chasan mit den Meschorerim behielt der Cbasan stets die Oberstimme. Dieser letzte Umstand erklärt auch die eigentbümliche Thatsache, dass jeder Aspirant um eine Chasan-Stelle sich — oft gegen seine natürliche Begabung — befleißigen mußte, seinem Stimmorgane nach der Höhe einen bedeutenden Umfang zu verleihen. Diese intereflante physiologische Erscheinung brachte man durch die in Folge eines Daumendruckes auf den Adamsapfel bewertstclligte Verengung der Stimmritze, resp. Verkürzung der Stimmbänder zu Stande. Auch die Ausführung der Gesänge war eine durchaus instrumentale. Abgesehen von der allbekannten eminenten Beherrschung des gesammten Coloraturgebietes wie Triller, Rouladen, Arpeggien u. s. w. hatten die Chasanim auch den eigenthümlichen Charakter jedes einzelnen Jnstrnmentes belauscht und brachten durch technische Verwendung der Lippen und Zunge eine Klangwirkung hervor, welche geradezu die Bewunderung der Zuhörer erregte. — Die nach Deutschland eingewanderten polnischen Chasanim fanden daselbst ebenfalls günstige Vorbedingungen für ihre Fortbildung und war es hier, im Gegensätze zu der mit ihrer Gesangsrichtung ziemlich verwandten ungarischen Melodie, hauptsächlich der ruhige, deutsche Gesang, welchen zu erfassen sie sich veranlaßt fühlten. Durch die Verwendung der ungarischen Weisen erwuchs dem eigenen musikalischen Gedankenkreise allerdings eine wesentliche Bereicherung, aber keineswegs der Impuls zum Betreten neuer Bahnen; in der Verwerthung des deutschen Gesanges für die Synagoge jedoch erblicken wir das erste Keimen der heute gleichfalls üblichen deutschen Synagogengesangsweise. Dass unsere Altvordern sich nur des vorhandenen weltlichen und nicht auch׳ des kirchlichen Musikstoffes bemächtigten, kann uns im Hinblicke auf die damals vorherrschende strenge Glaubensrichtung kaum befremden. Allein selbst abgesehen von diesem unglücklichen Standpunkte der verschiedenen Religionsgesellschaften zu einander, fordert der Umstand nicht unsere Hochachtung heraus, dass die naturalistischen Alten die Noth- Wendigkeit fanden, bei Aufstellung neuer Principe denselben Weg . zu wandeln, den einstens die gelehrten christlichen Meister bei dem Anfänge des Kirchengesanges einschlugen? Wo ist der Boden, welchem der Kirchengesang, das Kirchenlied re. ent-

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