Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (30.1.1884)
- Date
- 1884-01-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Alle stehen. Was Lasker im Leben erreichte, gewann er durch eigene Kraft und harte Arbeit, selbst seine berühmte Beredtsamkeit war nicht angeboren, sondern erarbeitet, wie bei seinem Freunde Twesten. Die Strenge und Unbeugsamkeit seines Charakters wurde gemildert durch einen versöhnenden Grundzug, durch die innere Milde seines Wesens, lasker war in seinem Eifer für das Vaterland ein Feind feiner eigenen Angelegenheiten, und sein Arzt bezeugt, dass seine lieber‘ anftrengung nach dem Typhus, der ihn vor Jahren befallen hatte' den Grund zu seiner Todeskrankheit gelegl hat. Lasker hat sich ni Jemandem gebeugt; er hat, als noch Niemand wagte, die Wunden des Staatskörpers zu berühren, unerschrocken die Hand hineingelegt. Seine Gegner nannten ihn einen unpraktischen Politiker und einen Ideologen. Ich weiß nur — sagte Kopp — daß auch die Mächtigen seine Leistungen anerkannten. Kaum Ein Gesetz wurde in den letzten fünfzehn Jahren geschaffen, das nicht Spuren der Hand Lasker's trüge. Ich erinnere mich noch wohl der Zeit, wo Fürst Bismarck auf Lasker's Zustimmung hohen Werth legte. Lasker war kein gewöhnlicher Volksmann, er wendete sich nicht an die animalen Leidenschaften, seine Waffe war die Logik und die Ueberzeugung. Bei uns wirb vorwiegend die militärische Tapferkeit gepriesen, aber ebenso verdient dies das geistige Heldenthnm, das freiwillig, ohne äußeren Lohn, den höchsten Zielen der Menschheit nachstrebt und die Welt in neue Bahnen lenkt- Ein solcher Geistesheld war auch Lasker — ein tapferer Vorkämpfer der Rechte und Freiheit unseres Volkes; er wird für immer im Ruhmestempel unseres Vaterlandes ruhen/' Der Redner schloß mit den Schlußworten des seiner Rede folgenden Trauerliedes: ״Hohes Thun kann uie verwesen, seine Kränze welken nicht׳" Nach halb 1 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Dem Sarge j Doraii gingen vier Musikcorps, der Handwerkerverein, die Berliner Presse und zahlreiche andere Vereine, alle mit Kränzen und umflorten Fahnen. Dem Sarge folgten die Verwandten, Forckenbeck mit einer Deputation des Magistrats, Levetzow, Ackermann und Heeremaan als Vertreter des Präsidiums des Reichstages, zahlreiche Abgeordnete und Freunde. Längs des ganzen Weges bildete die Menge Spalier. Der Verkehr auf der Pferdebahn stockte, während der Zug länger als eine Stunde zu dem jüdischen Friedhöfe in der Schönhauser Allee sich bewegte. Hier fand die Beerdigung statt, welcher eine die Hinterbliebenen tröstende Rede des Predigers Maybaum voranging. Sodann zogen alle Corporationen an dem offenen Grabe vorbei und. legten ihre Kränze an demselben nieder. Werliu, 29. Jänner. Bei der Gedenkfeier für Lasker, welche gestern Abends in der Sing-Akademie abgehalten wurde, hielt Bambergcr folgende Gedächtnißrede: Wenn der Sarg und das Grab eine unerbittliche Scheidewand zwischen uns und einem geliebten Menschen gezogen, dann ruft die menschliche Phantasie alle Künste in Meißel, Bild und Rede zu Hilfe, noch einmal ein Bild dessen zu entwerfen, was die Wirklichkeit nicht mehr fefthalten kann. Wir sahen heute das Bild des ganzen Berlin, dieser großen Gemeinschaft, an diesem Sarge vorüberziehen, ohne alles officielle Gepränge, das wir, : obschon es fehlte, nicht vermissen, da der Todte ganz Bürger war und nichts damit zu schaffen hatte. Was wir heute begruben, war ein Stück deutscher vaterländischer Geschichte und der besten vaterländischen Geschichte. Wo seit Jahrzehnten Großes in Deutschland geschehen, glänzte der Name Lasker's in erster Reihe. An der Begeisterung, die das Volk zu großen Thaten führte, hat er mitgearbeitet, und jene Ernte großer Thaten, die das Reich in stattlicher Form herausarbeitete, trägt die Spuren dieses großen politischen Künstlers. Andere mögen formvoller geredet, Ändere eine staatsmännischere Haltung bewahrt haben, aber so immer schaffend, im Volke und in der Volksvertretung, so im ganzen Wesen mit dem öffentlichen Leben verknüpft, tritt mir keine Figur neuerer Zeit entgegen. Zwar schien in de׳ letzten Jahren der Nuhmeskranz, der ein Jahrzehnt lang ihn geschmückt, ihm entrissen werden zu sollen, was im Wirken der׳ Volksgunst und im Völkerleben nichts Unerhörtes ist; auch Cobden konnte, wie unser Freund, nach zehnjährigem Wirken fürs Volk kein Mandat sinden, als er die kriegerische Politik Palmerston's mißbilligte. Das wirst keinen Makel auf unseren Freund, aber׳ wenn eine Nation sich so schwer verkennt, daß sie den, der in der Zeit, als die edelsten Träume der Nation erfüllt wurden, in der Reihe der besten Arbeiter voranstand, vergißt, dann reißt' ein Volk sich selbst den Nuhmeskranz von seinem Haupte. Aber es war nur Schein, daß Lasker's Ruhm im Untergehen gewesen sei. Der Tod ist ein großer Künstler; wie er die׳ äußere Gestalt des Menschen zerstört, hebt er auch über die Grenzen von Raum und Zeit. Als die Nachricht: Lasker isttodtt von jenseüs des Oceans zu uns drang, ging durch das ganze deutsche Volk ein Ruf der Dankbarkeit. Bewunderung und Trauer, und dieser Moment allein stellte die Gerechtigkeit wieder her^ die ihm ein Moment geraubt zu haben schien. Fehlte heute auch die ofsiciöse Welt, so wird doch keine Verleugnung von Oben das deutsche Volk des Bewußtseins berauben, daß Lasker einen Ehrenplatz im schönsten Theile seiner Geschichte einnimmt. Auch׳ das Ausland erwies ihm Ehre, und das Votum des amerikanischen Congresses bei seiner Bestattung soll uns ein Vorbild׳ sein. Er batte nichrs vom Wesen eines Volksverführers, keinaristokratisches Prestige, was ihm die Herzen gewann. Daß er׳ aus dem Innern seines ganzen Volkes heraus sprach — nur da-! durch konnie er ein Jahrzehnt lang die Anschauungen seiner Mitbürger bestimmen. Lasker war nicht so sehr Freihetis- und Volksmann, als׳ Mann des Rechtes. Oiecbt und Gerechtigkeit waren die Gottheiten,, die ihn leiteten; sie führten ihn so seiner höchsten Großthat für die Nation, der Schöpfung eines gemeinsamen Rechtes, zu, aber er war hier nicht frei von Uebertreibungen, und sein hohes Ideal eines Richters bewirkte jene Mängel in dieser herrlichen Gesetzgebnng, welche die Erfahrung wird verbessern müssen. So führte, ihn sein Nechtsgesühl auch zu jener mächtigen Attaque gegen die Eorruption im Eisenbahn-Coucessionswesen, die im Ganzen heilsam gewirkt hat, aber doch auch den gesunden Elementen im- Wirthschaftsleben zu nahe trat. In der Wendung der Wirthschaftspolitik hielt er sich anfangs kühl zurück. Erft als er sah^ daß man das tägliche Leben des armen Mannes belasten wolle zu Gunsten bevorzugter Elasten unter dem Scheine, dem armen Manne Wohlthaten zu erweisen, da erfaßte sein Nechtsgesühl den Kern jener Wandlung, und er sprach jenes Wort der .aristokratischen Politik", welches an leitender Stelle am schärfsten traf. Nachdem der Redner ein Bild von Lasker's rastloser Thätigkeit im Einzelnen, von feiner Güte und Wohltbätigkeik entworfen, fuhr er fort: — ,Zu den schmerzlichen Gefühlen,. ' die Lasker in den letzten Jahren erfahren mußte, gehört auch jene Bewegung, dis, da die Zeit den Fanatismus des Glaubens nicht mehr verträgt, den Fanatismus der Naee erfand; aber׳ sie schmerzte Lasker, weil sie einen Flecken schuf auf dem Ehrenschilde der deutschen Nation, nicht um seiner selbst willen. Er׳ war zu edel, um ihre ganze Gemeinheit zu fassen." Der Redner schloß: ״Lasker starb nicht an gebrochenem Herzen, denn solche Männer haben einen zu großen Glauben an sich und an die׳ Welt, um sich durch flüchtige Erscheinungen beirren zu lassen. Er ist an Ueberarbeiiung gestorben, an dem Uebermaß seines- Pftichtgefühls. Aber diese Hingebung war auch sein schönster Lohn, und sein Lebensabend war verklärt durch die Reise im jenes große Land, in dem er einen Theil der Zukunft dev