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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-30 · Heft 4 (30.1.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (30.1.1884)
Date
1884-01-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— -L Aber Sie Unzufriedener! Ihnen scheint ja schon gar nichts mehr zu gefallen, und nicht genug, dass der Cantoren-Stand Ihres Beifalls sich leider nicht erfreuen kann, selbst der Stand der Cantoren ist nach Ihrem Geschmackc nicht und Ihrer Meinung nach tadelnswerth. Anstatt nun dem Cantor der Platz in der Tiefe usuett angewiesen ist, wie es heißt: »'״ממעמקים קראתיך ד/ möchten Sie ihn weit nach oben versetzen und ihn bis auf das Frauen- oder Orgel-Chor bringen, was jedenfalls viel angenehmer ist- — Dann aber sott er dort auch nicht mehr in der häßlichen ,Kutte', sondern schön anständig und ballmäßig erscheinen: in schwarzem Fracke, weißer Binde und womöglich hübsch parfümirt und mit Lackstiefeln. Wer noch zu einem sehr in Mode stehenden und der allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Lorgnon es bringen kann, dann ist cs gewiss sehr empfehlenswertb, fleißig damit zu hantiren und die Damen ,,auf's Korn" zu nehmen, und so ihre nicht zu verachtende Gunst im Schnellsturmschritt zu gewinnen. Aber, sehr geehrter Herr College und Obercantor! wie kommen Sie darauf, unser schlichtes Kleid, den unschuldigen Talar, mit dem Epitheton ״Kutte" zu prädiciren? Deshalb vielleicht, weil cs dem geistlichen Kleide nicht unähnlich sieht? Ist Ihnen denn das Sprüchwort nicht bekannt, welches lautet: 7,8alrirus non facit inonaeliuin Ve Und so wenig das Kleid den Mönch macht, ebenso wenig macht cs den Cantor; noch weniger aber hat der Cantor das Kleid gemacht, ober es sich in unrechtmäßiger Weise zngeeigner. Es ist ihm von uralten Zeiten her vorschriftlich angeoronct, bei seiner beiligen Amtsverrichtung ein anderes, von seiner gewöhnlichen Kleidung verschiedenes Kleid und eben solche Mütze, also ein förmliches Ornat, zu tragen (siehe סדר עבודת ישראל׳ יוסף אומץ und noch viele andere Stellen), und daher hat er nicht das Recht, es eigenmächtig ab- Zulcgen. Allein, Sie scheinen unberechenbar und unergründlich, so wie Ihr — wie Sie sagen — ästhetisches Gefühl von wunderlichen Begriffen zu fein, und daher rann man sich in keiner Weise mehr über Sie verwundern. Was wollen Sie mehr, Sie sind ja sogar im Stande, sich bis zur Gedankenhöhe des wohllöblicheu Hohenemser Gemeindevorstandes zu vecstcigen, der leider das entschiedene Malheur hat über eine Gemeinde zu regieren, die gerade ״inmitten einer christlichen Bevölkerung" und dazu noch ״geographisch (?) isolirt steht"; Sie vermögen es, sich für fein Ideal zu erwärmen und ihm eine hoffnungsvolle Zukunft Zu prophezcihen. Das ist in der That nicht mehr zu schätzen und Sie können es noch mit Ihrer sympathisirenden Denkungsart vielleicht so weit bringen, in Hohenems als Cantor, oder besser, als ״Sprecher" angestellt zu werden. Aber da könnte ich Ihnen noch ein schöneres und viel erhabeneres Muster von klcingemeindlicher, civilisatorischer Voranfchreitung zeigen, für welches Sie sich gewiss ebenso sehr begeistern und der geistvollen holden Neformatorin einen Lobhymnns anstimmen werden. Hören und bewundern Sie! was Alles der menschliche Geist herausftnden nnd vollbringen kann. Die jüdische (?) Gemeinde in der großen Seestadt Buchau am Zuider-See, hat es heransge- und für gut befunden, dass es viel besser und ästhetischer und sür den ^,Schames" viel bequemer ist, die Leute durch Glockeugeläute, als durch ״Schulklopfen" in die ״Schul" zu rufen, und daher hat sie seit Jahr und Tag schon auf der Synagoge ein Glocken- Zeläute mit allen Chikanen, wo selbst das Armensünder-Glöcklein bei Todesfällen nicht fehlt, hinaufgebracht, und wird jetzt anstatt zu klopfen, in Schul geläutet. — Was sagen Sie dazu, he? Nicht wahr, unübertrefflich, süperb! Aber fürchten Sie nicht, die Gemeinde Buchau findet keine Nachahmerinnen und steht geographisch, wie moralisch — der Lächerlichkeit zum Preis — isolirt da, wie es die Gemeinde Hohenems jetzt erst recht bleiben wird. — Ich rathe Ihnen als College, kehren Sie um und entfernen Sie sich nicht gar zu weit von der Denkweise Ihrer Collegen, denn sonst droht Ihnen derselbe Fluch des Jsolirtseins. Ein ol'jectives Urtheil. Trotz des passiven Verhaltens, mit dem ich bis heute der ganzen Cantorenschul-Debattc gegenüber stand und auf die Gefahr hin, der von mir selbst gerügten Viclschreibmanie, geziehen zu werden, will ick es zum ersten und allerletzten Mal mit etlichen markigen Strichen klarlegen, dass sämmtliche, in dieser Debatte geltend gemachten Momente, sowohl für, als gegen, einer kritischen Sonde nicht Stand zu halten vermögen. Wer kennt nicht die Legende von jenem Chasan und Baß, welche auf dem Sprunge eine Kunstreise anzutreten — eine damals allgemeine und landesübliche Sitte — einen Pact schlossen, demznfolge jeder ersungene Gewinn in drei gleiche Theile, wovon an den Chasanschef zwei und der restliche dritte an den Baß zu vertheilen sei. Und wenn ich einen Schatz fände, meinte der Baß, einer plötzlichen Eingebung folgend, müßte ich Ihnen auch dann Zweidrittel wohlgezählt abführen? Selbstverständlich, replicirte der Chasan. Was! schrie der entsetzte Baß, Sie Tyrann, Sie, Sie —. Ein verrätherischer Knall dnrchzitterte die Luft, ähnlich einer schallenden Ohrfeige-Chasan und Baß lagen sich in den Haaren. Damit aber war der Streit noch lange nicht beigelegt; man ging daher zum Ortsrabbi und trug ihm diesen cause celebere zur weisen Entscheidung vor. Nach Anhörung dieser köstlichen Jeremiade sprach der Nabbi schmunzelnd, jedoch mit gewichtiger Nichleriniene: Und der Schatz, wo ist er? Verblüfft schauten die hadernden Künstler einander an, daran hatten sie ganz vergessen. Nach einer kurzen, stillschweigenden Panse erwiederte der Baß, welcher merkwürdigere Weise früher als der viel ältere Chasan seine ganze Fassungskraft wieder erlangt, ja, lieber Rabbi, meint er begütigend, das ist nur so ein möglicher Präcedcnzfall. Sprach's und nahm Neißans, vielleicht, um nach dem vermeintlichen Schatze zu fahnden. Dieser Schatz hat verzweifelte Aehnlichkeit mit der Cantorenschnl-Debatte. Indessen ist mit einem bloßen Ammen- Märchen, wie dieses, ein Federstreit, der von Freund nnd Gegner mit gleicher Zähigkeit geführt wird, noch niemals von der Tagesordnung gestrichen worden. Versuchen wir es demnach, an der Hand von nicht wegzuescamotireuden Thatsacheu die Grund- und Bodenlosigkeit einer Discussion zu beweisen, die vermöge ihrer phantasmagorischen Natur höchstens dazu geeignet ist, das noch nicht genug in Ansehen stehende Cantorenthum gänzlich zu mißcreditiren. Betrachten wir das Ding von seiner Vorder- und Kehrseite, so entrollt sich unseren Blicken ein spiegelklares Bild. Znnächlt die Frage: Welche Definition haben die streitlustigen Collegen für die ureigentliche Beschaffenheit einer Cantorenschule? Es wäre doch durchaus nothwendig, über eine Cansalität von gleicher Tragweite alle diesbezüglichen laut gewordenen Ansichten fummarisch zu kennen. Hieraus ergeben sich zwei noch bei weitem vollwichtigere Fragen: Wer soll die Instandsetzung und wer die Financirung einer ausschließlich dem Cantorenftande zu widmenden Schule besorgen? Etwa wir, eine handvoll Vierguldenmänner?! Gefetzt aber, wir vermöchten dieses Wunder einer staunenden Welt zu zeigen, wir vermöchten es, und sei es mit Hintansetzung aller vom Cantorenvereine für dessen Mitglieder, eventuell deren Witwen und Waisen zu gewärtizenden Vortheile — was doch

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