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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-30 · Heft 4 (30.1.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (30.1.1884)
Date
1884-01-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — Was ist eine ״Cantorensthule?^ Von Obercantor I. Lach mann, Hürden (Baiern.) (Schluß.) Ja, höre ich aber noch immer sagen, es wäre halt doch gut, wenn wir eine Hochschule für Cantoren besäßen, die staatliche Anerkennung wäre dann leichter von Starten gegangen, und die Negierung hätte dann einen ganz anderen Neipccr vor uns, wenn wir die Halme unserer Erkenntnis nicht mehr wie bisher aus den Stoppelfeldern mangelhafter Selbftbelehrung hier und dort aufsuchen, sondern unseren Boden selbst frühzeitig von kundigen Landwirthen regelrecht bebauen lassen, um dann eine gesegnet reiche Ernte der Geistesnahrung später erwarten zu können. Wenn wir unter der Autorität einer Hochschule regelmäßige Studien machen würden, welche von ihr bestätigt und besiegelt werden, jo könme auch der Staat gegen solche löbliche Errungenschaft nicht mehr ganz kalt bleiben, er müßte dieses dankbarst anerkennen und uns dafür den Segen seines starken Schutzes gewähren. Meine Herren! Alles dies beruht aufTäuschung und Illusion. So lauge nicht die jüdische Religion selbst unter den Staatsreligionen ausgenommen ist, so lauge können auch die Beamten dieser Religion nichr als Staatsbeamte von der Ne׳ gierung anerkann! werden. Höchstens kann ihre Aufnahme von der Negierung bestätigt und legalisirt werden, wenn nämlich politischerseits nichts gegen den Mann vorliegt, aber sie in dem Bunde der Staatsbeamten aufnehmen, das wird ihr noch lange nicht einfallen. Es gibt ja große und mächtige Staaten (Preußen), wo selbst Rabbiner und Lehrer keiner staatlichen Anerkennung sich erfreuen, wie sollten wir es dann erreichen können? Daher, meine lieben Freunde, wollen wir uns bescheiden und uns eine andere, viel bessere und vortheilhaftere Anerkennung erwerben, die Anerkennung nämlich unserer Brodgeber, unserer Gemeinden. Was nützt es auch, wenn wir die Negierung mit dem Karbatsch ihrer Anerkennung hinter uns, aber die Unzufriedenheit unserer Gemeinden vor uns haben? Diese höchst nothwendige Anerkennung der Gemeinden aber können wir am besten und sichersten erreichen, zwar auch durch eine Cantorenschule, aber die billigste und bequemste der Welt: durch die bildende und belehrende .Cantorenschule' unserer Fachzeitungen nämlich. O, lassen Sie unsere mit vieler Mühe entstandenen und mit wenig Kosten sich zu verschaffenden Fachblätter zur wahren, wirklichen Schule der Cantoren werden! Möge Jeder von uns sich die heilige Aufgabe stellen, die Quelle seiner gesammelten Erfahrungen und seines Wissens, durch die breite Rinne unserer Zeitschriften auch Anderen zugänglich zu machen. Möge Jeder seinen noch so kargen Wissenskrumen auch dem Wissensdürftigen brechen *״הלא פרום לרעב לחמך und seine Erkenntnis zum Eigenihume Aller werden lassen, dann werden die jetzt noch hie und da zerstreut ruhenden und schlummernden Fachkenntniße verallgemeinert und geweckt werden, und wird auch ein Jeder die Zufriedenheit und die mit ihr verbundene Anerkennung seiner Gemeinde sich erwerben können, und unsere Cantoren׳Z ei tun gen werden dann Cantoren-S chu l en werden. Dann werden auch unsere Cantoren-Vereine bei ihrem .Leisten' bleiben können und werden nicht mehr leisten wollen, als sie sollen und können; wie auch unsere Weisen sagen:״תפשת מרובה לא תפשתי תפשת מועט תפשת". Aber, was sehe ich? Das ehrenwerthe Auditorium hat sich allmälig im Laufe der langen Rede verlaufen und hat den Festplatz verlassen; ich predige den leeren Wänden! Ein Mann nur ist noch übrig geblieben, der sich mir feierlichst nähert und nach meiner Hand zur Dankabstattung hascht, dafür, dass ich ihm scheinbar ans der Seele gesprochen, und mich seiner Gesinnun ebenbürtig gezeigt. Nein! Herr Adler, Ung. - Hradisch, dafür bedanke ich mich schönstens und verwahre mich ganz entschieden und energisch dagegen! Aber gut, dass ich Sie hier vor mir habe. Sie haben zwar Ihres famosen Artikels wegen schon viele Federn lassen müssen, aber ich kann Ihnen nicht helfen, ich muss Ihnen auch noch ein wenig die Federn stutzen, damit Ihr Ideen, flug sich nicht mehr so hoch in die Sonne wagt, bei welchem Sie sich Ihrem lustigen Namensvetter in der Fabel auffallend ähnlich gezeigt haben, dem der schlaue Fuchs höhnisch znrief: ,Nicht etwa — wie die Dichter glauben — um Dich der Sonne zu nähern und in ihren Strahlen Dich zu baden, sondern nur — um besser in die Ferne zu schauen und Dir einen mundenden Fraß zu erspähen, fliegst Du so hoch.' In der Tbat, Sie sind gar zu feinfühlend gegen Ihre Collegen und beklagen ganz ohne Grund das — wie Sie sagen — harte Los des armen ״Cantor-Schochet', dessen, kümmerliches Dasein Sie in den düstersten Farben malen, und zwar nur deshalb, weil — er seiner Obliegenheiten und seines Amtes treu und redlich walten muss. Wahrlich! Sie haben mit Ihrer Philippika einen großen und unverzeihlichen Fehler begangen und haben mit ihr viel mehr geschadet als genützt. Denn was unsere unermüdliche Aufgabe sein soll, die Collegen in ihrem Amte anzueifern, sie zur Psticht und Treue zu ermahnen und ihnen das Amt lieb und werth zn machen, damit wir uns in demselben vervollkommnen und wir dadurch zu dieser geistigen und socialen Stufe einstmals gelangen können, welche die Besseren und Besouneren unter uns mit allen ihren Kräften und mit göttlicher Hilfe anstreben und herbeiführen möchten; kommen Sie und streuen Verachtung aus anstatt Werthschätzung, Haß anstatt unbegrenzte Liebe zu eben diesem Amte, das uns allenfalls ernährt und uns zu achtbaren, bildungsfähigen Menschen stempelt, behaupten sogar: »Dass wir uns dessen schämen müssen". Weshalb sollten wir uns dessen schämen? Deshalb vielleicht, weil wir mit der Ausübung unseres Amtes ein Gottesgebot befolgen, dass wir arbeitsam und fleißig und keineswegs Müßiggänger sind? Mögen sich Diejenigen lieber schämen, die als jüdische Beamten die hohe und heilige Mission des Schochet nicht begreifen, oder nicht begreifen wollen, und auch solche, die dem lieben ״Dolce far niente“ huldigen und mit aller Gewalt sich den ״Obercantor" aufspielen lassen möchten. — Ist daä gar so beschämend, wenn man sich seiner Gemeinde, von der man —- wenn auch noch so knapp — lebt und seine Kinder zu ordentlichen und nützlichen Weltbürgern erziehen läßt, widmet, und ihr treu zu dienen und sich ihr nützlich zu machen sucht? Muss man darüber schamroth werden, wenn man ein hehres Amt -ausübt, das unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert und unsere ganze Zeit ausfüllt, und dadurch vor müßigem Herumschlendern und lästigem Herumflaniren und dabei Anderen die Schnellpost, oder vielleicht gar die Stadtfraubas zu machen, bewahrt wird? Dass das Amt für manchen Collegen nicht so einträglich ist, wie manche andere Beschäftigung, daran hat doch aber das Amt selbst nicht Schuld, sondern die jeweiligen Verhältniße der verschiedenartigen Gemeinden, und da kann doch wahrlich der Cantor- Schochet in Krähwinkel nicht denselben Gehalt beanspruchen, den der Obercantor in Wien oder Berlin bezieht? Daher ist das nur ein müßiges Gerede, wenn man die Mißlage des Ämtträgers dem Amte in den Schuh schieben will. Möge Jeder nur sich zu vervollkommnen suchen und immer weiter nach Vorwärts streben, dieses Amt wird ihm gewiss darin nicht im Wege stehen und, im Gegentheil, ihm noch ermuthigend zurufen: “]«׳והיה ראשית מצער ואחריתך ישגה מאוד'.

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