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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-30 · Heft 4 (30.1.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (30.1.1884)
Date
1884-01-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 müssen wir allerdings diese Vorzüge blos ans das ״Sagen^ (Necitiren) beschränken; denn hatten sie auch eine beträchtliche Zahl von Meschorerim (Hilfssänger) um sich geschaart, so sangen sie gleichwohl doch nur unisono in den Octaven der verschiedenen Stimmlagen, und dies auch lediglich beim jedesmaligen Ruhe- Punkte einer Gebetsstelle oder Gesangsphrase. Selten nur verstiegen sie sich zum Zusammenklange des Grundtones mit der Terz. Die Art des ״Z u s a mm en s i n g e n s" ist eine Errungenschaft einer späteren Periode und auch eines anderen Landes, und bildet schon einen bedeutungsvollen Markstein in der Entwickelunsgeschichte der Synagogenmusik. Aber auf dem Gebiete des ״Sagens", welches die polnischen Chasanim souverain beherrschten, begegnen wir einer Feinfühligkeit in der Behandlung des Stoffes, die der Beachtung und speciellcn Auseinandersetzung würdig erscheint. Der polnische Chasan war nicht blos bestrebt/ da§ Gemüth seiner Zuhörer durch ein gewisses Präludiren für die hohe Bedeutung der später zu behandelnden Gcbetsstelle vorzubereiten und hierdurch die größtmöglichste Wirkung zu erzielen,' er hatte sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, einer jeden Gebetsstelle auch die dem Inhalte entsprechende gesangliche Jllustration zu geben. Vielleicht leitete ihn auch dabei die Bedenklichkeit, bei Durcharbeitung des reichen Stoffes mit den ihm zu Gebote stehenden einfachen Gesaugsmittcln einförmig zu werden. Dieser Anschauung entstammten die ״Steiger" (Gesaugsmanier). Sie sind unS ja noch beute mundgerecht: Der 01׳ okoäosok-Steiger, s-ka^o rakko-Steiger, tikanto sekakkos-Steiger, misrnor sckir ljom kasekakkos-Steiger re., die, sämmtlich das slavisch-polnische Gepräge au sich tragend, dennoch durch wirklich geniale Modulation eine große Mannigfaltigkeit in sich tragen. In dieser Art der ״Steiger" componirte man auch ״Sachen" (Tonweisen für G^ebetsnummern) und wurden dieselben bei der vollständigen Unkenntnis des Notcnlesens und Notcnschrcibens lediglich durch das Gedächtnis der ״fahrenden Meschorerim" — freilich oft auch arg verstümmelt — selbst den Berufsgenossen ferner Länder übermittelt. Ja, sie unternahmen weite, anstrengende׳ und gefährliche Neisen, diese polnisch-jüdischen Barden, und es ist bei dem großen Anklange, den ihre Leistungen in den jüdischen Gemeinden Ungarns, Mährens, ja selbst auch Deutschlands fanden, keineswegs wunderbar, wenn jede ansehnlichere Gemeinde Israels bestrebt war, einen bedeutenden polnischen Chasan den ihrigen nennen zu dürfen. Diese Verpflanzung der polnischen Gesangsart auf ungarischen, mährischen und deutschen Boden wurde geradezu ein Segen für die gedeihliche Entwickelung des Synagogengesanges und in der Wechselwirkung der ungarischen, mährischeu und deutschen Intelligenz auf die polnische Gesaugsmanier erblicken wir das erste Morgengrauen einer für uns hochwichtigen Epoche. (Fortsetzung folgt.) Ein collegialisches Wort. Von jeher haben die Menschen erkannt, welche Wohlthaten durch Vereinigungen erzielt werden können, ja welche moralische Macht eine enggefchlosiene und geordnete Gesellschaft hervorzurufen vermag. Die Vereinigung von Berufsgenossen, indem sie ihre Kräfte concentriren, wirkt schnell und auf die Gesammtheit bildend; das Herz des Einzelnen wird entzündet und ruft eine nie geahnte, schöpferische Kraft ins Leben. Daß ohne einen Anstoß und eine Anregung von edlen Männern, ohne Sympathien und Gemeinschaft mit unseren Gemeinden, wir nichts erlangen und nichts zu Stande bringen würden, wollen wir keineswegs in Abrede stellen. Nichts ist uns daher nöthiger als Einigkeit und Friedensliebe und ein Organ, durch welches wir uns verstehen müssen. Jeder muß zur Er- Haltung, durch das Organ, seine Cinmüthigkeit bekunden, wohlgemeinte Anregungen nicht als Träumereien deuten, die Milbe nicht als einen Schimmel ansehen und die Zeit nicht mit Hypothesen und vulkanischen Ausbrüchen verschwenden, sollen sich nicht all die schönen Errungenschaften, wie Leib und Glieder in der bekannten Fabel, auflösen. Nicht immer vermögen wir ko 61 Pe mit einander zu verkehren, unsere Gedanken und Gefühle auszutauschen, darum sind, es die belehrenden und aufmunternden Artikel unserer ״Vereinszeitung", die gleichsam wie der Generalbaß einwirken sollen, d. h. wo durch einzelne Zahlen ganze Harmonien angedeutet werden, und ״Harmonie" unter unsern Bernfsgenossen und Amtsbrüdern muss das Losungswort sein. Nur auf diese Art gelangen wir zu den göttlichen Tönen, die der A c c o r d unserer Gemeinschaft, wie gesagt, angibt und mit Kadenzen Mordenzen, Trillern u.!. w. abwechselt, und wir werden eine bessere innere und äußere Gestaltung unseres Standes erhalten. Von der Sorglosigkeit dürfen wir uns jedoch nicht einwiegen lassen, denn weder der Vorstand noch unsere Genossenschaft kann im strengsten Sinne des Wortes ein Mitglied glücklich machen. Nur die Mittel zum Glücke, d. h. zur Zufriedenheit, können uns gewährt werden, zugleich mit Anleitungen, sie gewissenhaft zu gebrauchen; aber nur auf dieser Gewissenhaftigkeit, auf der freien und vollen Uebung der eigenen Kraft, beruht allein das Glück, die Zufriedenheit und die Wohlfahrt der Familie und deren Zukunft. Unser Verein ist daher in doppelter Hinsicht der Aufmerksamkeit der Synagogen-Gemeinden zu empfehlen und -vermöge des Guten, das er stiftet, müßten dieselben es nicht nur durch einen Händedruck äußern, sondern auch in ihrem Haushalt eine ׳besondere Rubrik in Summa ... für den Cantorenbund einschalten. Wir wollen durch unsere Eintracht und Harmonie die höhere und wahre Humanität üben, um den Werth unseres Amtes zum Steigen zu bringen! Und wenn das Schicksal ein Glied aus unserer Kette gerissen, und ein Leben, das nicht nur uns, sondern auch einer Gattin und Familie theuer war, gefordert, wenn die Bürde des Amtes und die Sorgen des Daseins über das Haupt hingegangen ist und alle Kraft und Farbe des Haupthaares mitgenommen hat; wenn ein allgemein Geehrter unter uns von Stürmen und Sonnenschein verwittert dasteht; wenn sich der Sommer des Lebens in einen kalten Winter verwandelt hat; wenn das Blut kalt durch die Adern schleicht und die ehemaligen Busenfreunde nicht mehr sind, wenn die Gemeinden Israels Hand und Herz ihrem Bruder und oder gar seiner gedrückten Familie kalt verschließt, dann fächelt die brüderliche Liebe wie mit lauer Frühlingsluft die gefurchte Stirn, und Dank entquillt den bebenden Lippen, die so oft auf das Herz der Gemüther eingewirkt, Dank lispelt die betrübte Gattin, die unversorgte Familie den Stiftern des Cantorenbundes. Es ist ein Dank, der mehr Werth hat, als ein Monument aus Erz und Stein- Wo ich reden soll, will ich Niemals furchtsam schweigen. Und wo Pflichten fordern, mich Unerschrocken zeigen; Gott nur scheu'n und sein Gericht, Aber Menschenurtheil nicht, l Collegialischen Gruß und Handschlag von . J M. Tintner in Bunzlau Schlesien (Preußen).

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