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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-22 · Heft 3 (22.1.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 3 (22.1.1884)
Date
1884-01-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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- e — Mollen. Der Vater wandte sich an den Erzbischof Sembratowicz und an andere geistliche Behörden, erhielt aber überall die Antwort, daß hier sich nichts thun lasse, wenn das Mädchen selbst das Kloster nicht verlassen wolle. .Auch die Einwendung des Vaters, dass seine Tochter minderjährig sei, nützte nichts. Herr Philipp besuchte dann mehrere Male seine Tochter und redete ihr gütlich zu, bis sie eines Tages in Gegenwart der Nonnen erklärte, ihrem Vater folgen zu wollen. Die Vorsteherin des Klosters wollte aber das Mädchen nicht freigeben. Der Vater eilte zum Domherrn Bilecky. Dieser sagte, er müsse sich selbst davon überzeugen, ob das Mädchen gehen wolle. Es verging ein halber Tag. Am Nachmittag kam der Vater mit dem Domherrn ins Kloster; inzwischen wurde aber das Mäd. chen von den Nonnen bearbeitet, nnd es erklärte, im Kloster bleiben zu wollen. Herr Philipp wandte sich an die Lemberger Polizei-Direction und an den Statthalter, aber Alles umsonst! Chase Nifke Philipp wurde von 2 christlichen Mitschülerinnen beredet, ins Kloster zu gehen und wird dort seitdem sestgehalten. Mit dem Vater hat man Sie auch nicht einen Augenblick allein gelassen, immer wurde Sie von den finsteren Nonnen beobachtet. Das Gesetz bestimmt, daß eine minderjährige Person ohne Zustimmung der Eltern oder des Vormundes den Glauben nicht wechseln könne. Herr Philipp wird jetzt den Prozeßweg betreten. Ob aber inzwischen an seiner Tochter nicht die Taufe vollzogen werden wird, kann man natürlich nicht wissen. Berlin. Ein alter Freund des Verstorbenen erzählt im ״Berl. Tagebl." folgende Erinnerung an die Jugendzeit Lasker's: ״Die Trauerkunde, die der Telegraph über den Ocean zu uns herübergesandt, lenkt unseren Sinn zurück nach jenem kleinen Posener Städtchen Jaroclu, wo einst Eduard Laster das Licht der Welt erblickte und die ersten Schritte in's Leben that. Wir stehen vor einem unscheinbaren Häuschen. Drinnen waltet ein ernster fleißiger Mann — der Vater unseres Lasker — am Tage seines mühsamen Gewerbes; sein kleines Eisen- und Glaswaarengeschäft erfordert die ganze Kraft des Mannes, der den Mangel an baaren Mitteln durch Intelligenz, Rührigkeit und Sparsamkeit ersetzen muss. Des Abends aber, wenn die Feierstunde geschlagen, verwandelt sich der bescheidene Handelsmann in einen emsigen Jünger der Wissenschaft, der in den verschlungenen Gangen der talmudischen Dialektik ebenso zu Hause ist, wie in der logisch geschlossenen systematischen Weisheit eines Maimonides und Moses Mendelsohn, der die tiefsinnigen schwungvollen Klänge der Psalmen, wie die der späteren jüdischen Poesie eines Jehuda Halevi und Gabirol mit Begeisterung in sich ausnimmt. Unter solcher Leitung bildete sich der kleine Eduard heran, wuchsen ihm die Schwingen des Geistes; er horchte begierig auf, wenn der Vater daheim oder auf Spaziergängen von den Leiden des jüdischen Volkes, aber auch von seiner wunderbaren Erhaltung und seinen geistigen Großthaten, von dem Siege des Göttlichen und der stttlichen Kräfte über Bosheit und Elend erzählte. Mit acht Jahren hatte er die fünf Bücher Moses im Urtext überwunden, hat er sich zugleich in den Gedichten Schiller's heimisch gemacht und übersetzte er die ״Theilung der Erde" in's Hebräische. Eifrig und mit Hast, als ahnte er, dass ihm hinieden nicht lange Frist vergönnt sei, setzte der Knabe seine Arbeiten fort; das Studium der Bibel und des Talmud befruchtete und schärfte seinen Geist, und als er mit dem dreizehnten Lebensjahre nach altem jüdischen Brauch in den Verband der Synagoge ausgenommen wurde, da konnte er in seiner Confirmationsrede Zeugniß davon ablegen. dass er mit Nutzen vom Baume jüdischer Weisheit gepflückt hatte. Das war die erste Rede Lasker's." — Vor Kurzem wnrde ein Comitä unter Vorsitz des Beiliner Oberbürgermeisters, Herrn F. Forkenbeck, gebildet, welches für eine Bestattung Lasker's sorgen soll. Außer dem Oberbürgermeister von Berlin gehören dem Comits an: Der Präsident des deutschen Reichstages, der Präsident der jüdischen Gemeinde, Herr Ludwig Bamberger und einige intime Freunde Lasker's. Auch in Bremem wird eine' würdige Leichenfeier stattfinden. Laster hat gar kein Geld, sondernblos eine Bibliothek, einige Ehrengeschenke und ungedruckte Schriftenhinterlassen. — Darüber, wie Lasker's Bruder in Amerika reich wurde, berichtet man Folgendes: Sein Schwager hatte die Bekanntschaft eines׳ Irländers gemacht und diesem, als er sich in Noth befand, 100 Dollars geliehen. Jahre vergingen darüber, der Schwager des jüngeren Lasker hatte jenes Darlehensgeschäft längst vergessen. Da wird er eines Tages in Galveston, wo er mit dem jüngeren Lasker in Compagnie ein bescheidenes Mühlen-Geschäft besaß, durch einen Diener nach dem- Bahnhof beschieden, wo ihn ein Herr dringend zu sprechen wünsche. Beide Compagnions begaben sich ungesäumt nach dem Bahnhofe. Hier stellte sich dem Schwager Lasker's ein Herr mit der Frage vor, ob er sich seiner nicht mehr entsinne. Die Antwort lautete verneinend. Erft als der Fremde den Schwager Lasker's daran erinnerte, dass er es׳ sei, welcher einst jenes Darlehen von 100 Dollars empfangen, erkannte er ihn. Der Fremde war kein anderer als der seit' Jahren zum vielfachen Millionär gewordene Irländer. Lange Zeit hatte er seinen Gläubiger vergebens gesucht, und als er ihn endlich ermittelt, war er unverzüglich nach Galveston geeilt, um seiner Dankbarkeit Genüge zu leisten. Jenes Darlehen von 100 Dollars hatte dem Ir-!ander viel Glück gebracht. Er schenkte seinem wiedergefundenen Freunde sofort 100.000 Dollars in Baar und eröffnete den beiden Compagnions für ihr Geschäft einen nach belieben zu verzinsenden unkündbaren Credit von 500.000 Dollars. Jerusalem. Unter dem Namen ,«עזרת. נדחים״ לתפארת םשר וישראל hat sich eine Gesellschaft gebildet, die es sich zur Aufgabe stellt, den Namen des Sir Moses Montefiore und seiner seligen Gattin Judith dadurch zu ehren, dass sie bestrebt ist, allen jüdischen Ans- Wanderern, welche in's heilige Land kommen, Arbeit zu verschaffen und ihnen zu jeder Zeit nach Maßgabe der Kräfte helfend und rathend beizuspringen. Der Verein verfolgt eine sehr beherzigenswerthe Absicht, durch Anstrebung des gedachten Zweckes verzweifelnde Juden den Händen der Missionäre zu entreißen, welche die Nothlage unserer Brüder benützen, um ihre Seelen für die ״allein feelig machende" Kirch e einzufaugcn. Die Aufgabe, die sich der Verein gestellt, hat unverkennbare Schwierigkeiten in sich; aber in Anbeiracht der Erhabenheit derselben steht eine kräftige Förderung der Gesellschaft von allen Seiten in Aussicht. ßairo. In einer ausführlichen Cvrrespondenz wird dem ״Arch. isr." Bericht über den Zustand des Judenviertels während der Cholera- Epidemie erstattet. Nach demselben wurden die Juden in Cairo verhältnißmäßig am geringsten von dieser schrecklichen Krankheit heimgesucht; die Juden haben sich auch strict an die von den europäischen Aerzten veranstalteten Verordnungen gehalten und eine rühmenswerthe, gegenseitige Opserbereitwilligkeit gezeigt. Das Mißverhältniß in der Sterblichkeit bei den Juden gegenüber der arabischen Bevölkerung war ein so großes, dass es der Regierung auffiel, so dass sie bei dem Rabbiner nach der Ursache dieses günstigen Verhältnisses fragen ließ, welcher dasselbe als eine besondere Gnade Gottes bezeichnet, was jedenfalls richtig ist, nichtdeftowenigec aber die Folge der strengen Befolgung der ärztlichen Anordnungen gewesen. 300 Inden wurden von der Krankheit befallen, von denen 16 (53%־) starben, darunter 5, welche der Krankheit erlagen, bevor Sanitätsmaßregeln ergriffen worden waren. 10. Jänner. Die Todtenfeier für Lasker wurde heute Nachmittags in der Synagoge auf der fünften Avenue abgehalten. Der Zutritt war, wie man der ״Daily News" meldet, nur gegen Karten gestattet. Die Betheiligung war eine enorme. Achthundert

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