Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1884)
- Date
- 1884-01-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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weih Gott was noch, alles nicht, was mit dem Cantorate in manchen Orten in Verbindung stebt. Das ist aber doch gewiss, dass in Gemeinden, wo diese natürlichen oder unnatürlichen Amts-Copulationen stattfindcn, man die genannten Nebenämter mit eben solcher Virtuosität verwaltet wissen will, wie das Can-- torat selbst. Da nun aber mit Sicherheit anzunebmen ist, dass die Cantorenschnle-Schwärmerei nicht allein ans einen winzigen Theil der Collegenschaft, der nämlich das seltene Glück bat in Gemeinden zu kommen, wo das Cantorat frei, ohne jede Bei- Mischung dasteht und das Privilegium des Obereantor-Titels mit sich führt, sondern aus den ganzen Stand sich erstreckt und Rücksicht nimmt, so wäre es doch nur billig, bei der errichteten Cantorenschule noch ein Lehrerseminar, eine Schlachlanstalt, eine Kanzleistube, eine Rednerkanzel zu eröffnen, damit Alle ihre Befriedigung sinden können und die Stiftung somit eine vollkommene sein soll. Ich glaube aber nicht, dass unsere Mittel dazu ansreichen werden, um dies Alles veranstalten zu können, und daher ist meines Dafürhaltens nach auch die Cantorenschule überflüssig *). ׳ Jetzt aber steht uns der Weg zur klaren Beantwortung der allerersten Frage, wie eine eroberte Festung, frei und offen. Bekanntlich hat gerade unser Stand und gerade in der Gegenwart einen so bedeutenden Procentsatz von Capacitäten und Geistes-- Heroen, wie ihn kein anderer Stand verhältnismäßig aufzuweisen vermag, und doch ist das Bedürfnis zur Cantorenschule so unbändig groß? Wo haben diese Zierden des Cantorenstandes für alle Zeiten, ihre fachmännische Ausbildung genossen und mit ihr ihre Größe und Weltberühmtheit gewonnen, etwa auf Canlorenschulen? Singer, Bachmann, Deutsch, Berggrün, diese hell- und reinklingenden Namen, diese leuchtenden Sterne am ein wenig verdüsterten Himmel des Cantorenthums, und noch viele, viele Andere, welcher Cantorenschule haben diese ihre immensen Kenntniße, ihr umfassendes Wissen und fachmännische Größe zu verdanken? Ja richtig! unser allverehrter und gewürdigter Altmeister, unser geliebter Vate^ Sulzer,/ der auf unserer dornigen Laufbahn eine ewige, nie erlöschende Leuchte und bei unserem Ringen und Streben ein unvergängliches, edles Muster sein und bleiben wird, hat er etwa seine weltberühmte Meisterschaft auf einer Cantorenschule erlangt? Und auch wir, die wir — bei Beobachtung aller Formen der Bescheidenheit — auch gerade keine Siümper unseres Faches sind — ich möchte den sehen, der uns dafür hält — auf welcher Cantorenschule haben wir unsere, wenn auch nur geringe fachmännische Kenntniße erreicht? Sollen wir so rührend human sein, dass wir unseren Nachfolgern ihre Bahnen so ebnen, dass sie mit dem ״Blitzzug" ihre Stellen betreten können, und ihnen das Leben so leicht machen, dass ihnen die ״gebratenen Tauben in den Mund fliegen?" Mögen sie so streben und ringen, und zu was bringen, wie wir es gethan haben, dann wird ihnen ihr erworbenes, geistiges und materielles Gut um so angenehmer und werthvoller sein **). (Schluß folgt.) *) Auf welche Weise die Cantorenschule eingerichtet werde, damit sie allen Anforderungen entsprechen könne, dies ist eine andere Frage, deren Erörterung wir uns noch Vorbehalten. Die Red. **) Diese Auffassung erscheint unS als eine recht engherzige. Ist eS nicht geradezu nothwendkg, dass auf allen Gebieten des menschlichen Strebens, sei es in der Wiffenschaft, in der Kunst, im Handel und Gewerbe jede nachfolgende Epoche sich die Errungenschaften der vorhergehenden zu Nutzen mache, wenn nicht jeder Fortschritt behindert werden soll. Die Red. Vereinsnachrichten. Montag den 11. Februar, 7 Uhr Abends, findet in Prag auf Grund der behördlich genehmigten Statuten die Constituirung ״der Zweigniederlassung des ö st e r r e i ch i s ch - ungarischen Canto rc nv er eines in Böhmen", sowie die Wahl des Ausschusses statt. Zur Theilnahme au derselben sind alle Mitglieder des Cantorenvereines, welche in Böhmen domiciliren und mit ihrem Vereinsbeitrage nicht ein halbesJahr im Rückstände sind, berechtigt. Nach §. 9 des Organisationsstaiutes der Zweigniederlassung für Böhmen sind durch das Plenum ein Obmann und acht Ausschußmitglieder zu wählen. Die Wahl geschieht durch Stimmzettel, welche entweder am Wahltage persönlich vor der Wahlcommission abgegeben oder auch mindestens 3 Tage vor dem Wahltermine an den Obmann des,Wahleomite's, Herrn Obercantor I. Stransky, Prag. Geistgasse Nr. 9, eingesendet werden können. Dieser hat die eingelangten Stimmzettel unerösfnet der Wahlcommission zu übermitteln. Um einer Stimmenzersplitterung vorzubcugen, verweisen wir auf die in Nr. 2 der österreichisch-ungarischen Cantoren- Zeitung, vom 14. Jänner 1884, veröffentlichte Candidatenliste. Die Stimmzettel, sowie das Verzeichnis der wahlberechtigten Mitglieder werden in den nächsten Tagen an alle Mitglieder des österreichisch-ungarischen Cantorenvereines in Böhmen ein׳ gesendet werden. Um einer Verwechslung der durch die Post an den Obmann der Wahlcommission eingesendeten Stimmzettel mit Privatbriesen vorzubeugen, möge jeder Absender das Couvert mit dem Worte ״Wahlangelegenheit" überschreiben. Aer Dorstand des österr.-ung. Cantoren-Vereines. Kleine Chronik. Kin jüdisches Mädchen im Kkoster. In einem Lewberger Kloster wird ein jüdisches Mädchen gegen den Willen ihrer Angehörigen, vielleicht gegen ihren eigenen Willen, gefangen gehalten. Ueber diesen Fall theilt der Prager Modewaarenhändler Herr I. Philipp, der Vater des Mädchens, Folgendes mit: Herr I. Philipp in Prag war in erster Ehe mit einer Tochter des Wolf Kreps in Lemberg verheirathet. Als seine Frau starb, schickte er sein damals fünf Jahre altes Töchterchen Chaje Rifke zu seinen Schwiegereltern nach Lemberg. Später heiratete Herr Philipp zum zweiten Mal. Das Kind blieb immer in Lemberg, der Vater schrieb ihm immer Briese und er erhielt auch solche von seiner Tochter. Im vergangenen Jahre ersuchte Herr Philipp seine Schwiegereltern, das Mädchen zu einem Besuche nach Prag zu schicken. Im December erhielt Herr Philipp eines Tages ein Telegramm aus Lemberg, in welchem ihm mitgetheilt wurde, daß seine Tochter verschwunden sei. Gleichzeitig wurde er angefragt, ob das Mädchen sich nicht vielleicht bei ihm in Prag befinde. Herr Philipp telegraphirte zurück, daß seine Tochter in Prag sich nicht befinde und ersuchte um weitere Nachrichten. Bald theilte man ihm mit, dass seine Tochter im Nonnen- Kloster des Basilianer-Ordens in der Striergasse zu Lemberg sich befinde. Am 26. December reiste der Vater nach Lemberg in's Kloster. Hier wurde ihm seine Tochter von zwei Nonnen ן vorgeführt, sie wollte aber von ihrem Vater nichts wissen und ' erklärte, im Kloster bleiben und zum Christenthum übertreten zu