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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-22 · Heft 3 (22.1.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 3 (22.1.1884)
Date
1884-01-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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,Barte des Kaisersgleich, der bekanntlich zum lehrreichen Sprüchworte für muffige Streiter geworden ist.AEbenio ist's mit dem jetzt geläufig gewordenen Stichworte .Cantorenschule'. Nach den scharfen Debatten der für und wider streitenden Parteien in diesen geschätzten Blättern zu urtbeilen, und aus der Vehemenz und Unnachgiebigkeit des heißen Kampfes zu schließen — wo bei es aller Versicherung der Unparteilichkeit und Objectivitäl auch an obligaten Seitcnhieben leider nicht fehlt — könnte man wahrlich glauben, dass der ehrenwerthe ״Oesterr.- Ungar. Cantoren-Verein" über eine namhafte, unverwendbare Summe Geldes verfügt, die nicht anders zur Verwertbung gelangen kann, als nur durch Anlegung eines öffentlichen Institutes, und nun bandelt sich's darum, auf welche Weise dasselbe am besten und vortheilbaftesten sich reutireu würde, und wie es den Theilhabern die größten und gewinnreichsten Dividenden abwerfen könnte. Aber liebe Brüder und verehrte Collegen! Wie ist das denn eigentlich bei Ihnen? Ist Ihr Verein nicht Hauptsächlich dazu bestimmt, die Witwen und Waisen Ihrer dabingeschiedenen Collcgen, sowie die Invaliden Ihrer Kampf- und Leidensgenossen zu unterstützen und sie nicht verhungern und verkommen zu lasten? Bedenken Sie dock nun! Wenn Sie aus dem Vereinsgelde eine Camorenschule errichten, so sind nicht Sie die eigentlichen Erbauer derselben, sondern eben jene Witwen und Waisen, welche jetzt dafür mehr darben werden müssen, und jene Invaliden, die Ihnen für ein Stückchen Brod mehr, das Sie ihnen für dieses Geld verabreichen, viel dankbarer sein würden, als für noch so große musikalische Gaben, die Sie ihnen aus der sogenannten Cantorenschule mitbringen werden *). Allein, von allen mitsprechenden Gefühlszründen hier abgesehen, geziemt es sich doch wohl für jeden denkenden Menschen, seine Wünsche zu präcisireu und das Ziel, welchem er zucilt und welches er anstrebt, genau zu kennen und sick vor Augen zu führen, damit es nicht so aussieht, als hätte er nur — wie man sagt — das ״Tellerchen vom Himmel" verlangt, welches bekanntlich sehr schwer herunter zu reichen ist. Ebenso mußten auch wir das jetzt so hochtönige paroleumäßige Schlaawori ״Cantorenschule"' erst genau untersuchen, um zu sehen, wie weit es mit unseren socialen und amtlichen Verhältnißen zu vereinbaren ist. Wir müßten uns also vor der Grundsteinlegung zu diesem großartigen, vom Tranmes-Architecten selbst entworfenen Baue, folgende Fragen erst vorlegen: Ist es ׳ überhaupt unumgänglich nothwendig, ein solch kostbares Institut für unsere Ausbildung in's Leben zu rufen? Im Falle nun diese Cardinalfrage mit ״ja"' entschieden werden sollte, müßte man dann auch darüber erst schlüssig werden: Welche Disciplinen dort gelehrt werden müssen, um einen allseitigen, für jede Gemeinde brauch, baren und passenden Cultusbearnten — um diese handelt es sich hier hauptsächlich — herzustellen? Sollte man noch beiden diese Fragen entscheidenden Experten Sinn für Folgerungen, Hinsichtlich der wunderbaren Verkettung zwischen Ursache und Wirkung, voraussetzen können, so würde auch diese Frage am Platze sein: Woher und wieso ist in uns dieser lobenswerthe, die Bildung unter den armen Sterblichen anstrebende und fördernde Wunsch entsprungen? Meine Phantasie ist kühn und so fühle ich mich im Geiste plötzlich als Festredner auf den Grundsteinlegungs- Platz versetzt, wo mir die ehrende Aufgabe zu Tbeil wird, die Bedeutung dieses löblichen Unternehmens zu schildern, sowie die *) Tie irrige Auffassung, dass die Cantorenschule aus dem Vereinsfonde gegründet werden solle, haben wir schon früher berichtigt und weisen auch in unserem heutigen Leitartikel daraus hui, dass Cantorenvereiu und Cantorenschule, was die Bestreitung der Kosten der letzteren betrifft, nichts mit einander zu schaffen haben. Die Red. -L — obigen, allerdings nicht unwichtigen Fragen einer eingehenden Betrachtung zu unterwerfen und sie nach Kräften, aber auch nach innerster Ueberzengung, offen und ehrlich zu beantworten. Ich will daher systematisch darin verfahren und mit der zuletzt aufgegebenen Frage anfangcn, um so folgerichtig bis zur ersten zu gelangen. Unbestreitbar ist das Verlangen nach einer Caniorenschule durch die frequenten Rabbinerschulen und Lehrerseminaren in uns entstanden, indem wir mit Recht nicht minder nach Kenninißen und fachmännischer Tüchtigkeit, und dadurch nach Ansehen und womöglich auch nach Einfluß und Anerkennung ringen und streben. Ein solcher Neid — wenn cs einer ist — ist verzeihlich und vollständig erlaubt, indem er nur den.Wissenssegen unter der Menschheit verbreitet, und von ibm heißt es ja: קנאת סופרים תרבה חכמה♦ Allein bauen etwa Rabbiner Rabbinerschulen, oder Lehrer Seminarien? Die Ersteren erstehen, wenn ein dazu bestimmter Fond von einem hochherzigen Stifter vorhanden ist, und die Letzteren baut die Regierung, weil die Volksbildung ihr zunächst am Herzen liegt und sie ihrer am nöthigsten bedarf. Aber nicht allein Dieses. Die Rabbiner und die Lehrer besitzen wohl Schulen und — sozusagen —7־ Erziehungs-Anstalten, weil es eine unbedingte Notbwendigkeit für sie ist und für ihr einstiges Walten. Ihr Berus ist die Menschheit zu belehren und sie quasi zu erziehen, da kann mit) darf wohl eine solche hohe und behre Mission nicht der Willkür und dem eigenen Ermessen überlassen werden; da muss es ein wachsames Auge geben, das darüber zu wachen und zu entscheiden bat, ob der betreffende Lehrcandidat den Grad' der Reife und wissenschaftlicher Selbstständigkeit besitzt, um dieses. Las Wohl und Wehe der Menschheit angehende Amt übernehmen und es fach׳ und sachgemäß verwalten zu können. Und doch hat es auch vor dem Entstehen der Rabbiner-, schulen große und hochgelehrte Rabbiner gegeben. Ich brauche nur die weltberühmten Namen zu nennen: Sachs, Iellinek, Kämpfe und noch mehrere Andere, um die Wahrheit meiner Behauptung zu begründen. Unsere Thätigkeit hingegen, ist eine innerliche, aus sich selbst entwickelnde Kraft, die mehr auf Selbststudium und Liebe zum Fache, als aus Schulzucht beruht. Wir haben die schwere, aber um so erhabenere Ausgabe׳ mit unserem angeborenen Talente und unserer Natur gäbe die Menschheit zu erbauen und sie aus den mächtigen Flügeln der warmen und wahren Empsindung himmelwärts empor zu heben; das kann keine Schule uns gewähren, wenn es nicht im Menschen schon im Voraus in bedeutendem Maße vorhanden ist. Und weil die liebe Natur ihre Gaben verschiedenartig austheilt, so gibt es wohl .große" und .kleine" Cantoren — wie es große und kleine Violin-, Clavier- 2c. Spieler, große und kleine Redner, Dichter 2c. gibt — aber keine großen und kleinen Nabbinex und noch weniger große und kleine Lehrer. Die Sache von einer anderen Seite betrachtet und somit zur zweiten Frage übergehend, müssen wir ohne alle Umschweife zugestehen, daß alle anderen Schulen die ganze Zukunft ihrer Jünger umfassen und folglich aus ein Ziel nur lossteuern. Wenn der Nabbinats-Zögling ans seiner Hochschule Talmud, Philosophie, Rhetorik und was noch Alles studirt, so kommt das Alles dem künftigen Rabbiner zu gute und ist damit vollständig fertig; seine Promotion bezeichnet gleichzeitig seine spätere Lebens-Laufbahn. Ebenso der Lehrerpräparänd, der Philolog und so weiter. Was ist aber dem Cantorats-Eleven damit gedient, wenn er eine Cantoren-Hochschule absolvirt und also das Cantorfach vom ff schon kennt? Da ist er erst noch kein Religions- oder Elementar-Lehrer, noch kein שוחט! kein Secretär, Prediger und

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