Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1884)
- Date
- 1884-01-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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ob die Gesänge von einer Person oder in Chören oder auch von Beiden zugleich als Wechselgesänge ausgesührt wurden. — Es scheint, als ob bei der Zerstreuung der Juden, gleich anderen Kleinodien, auch eine diesbezügliche Auszeichnung zu Grunde gegangen sein mäße, und dies dürfte der Grund sein, dass die Geschichte, diese treueste Berichterstatlerin entschwundener Epochen, nach dieser Richtung eine solch' beklagenswerthe Lücke aufweist. — Dieser fatale Umstand raubt dem Forscher auf synagogalmusikalischem Gebiete jedwede Möglichkeit, einen Vergleich zwischen unserer heutigen Synagogenmusik und jenen Tempelgesängen zu Jerusalem anzustellen. — Was nützt es wohl, wenn der Warblinger Prediger Speidel zu erklären versucht, daß die Nekudoth eine fünftönige Skala bildete, nach welcher unsere Ahnen schon in vierstimmigen Chören gesungen haben sollen? Schon Forkel verwarf ja diese Theorie und wir müssen dieselben aus dem Grunde zurückweisen, weil ja die Nekudoth eine Errungenschaft späterer Jahrhunderte (Mose Nakdan) ist und demnach von den Juden der Tempelperiode keineswegs gekannt waren. — Was nützt es, wenn Kirchner in seiner NusurAia univsrsalis die ganz interessante Darstellung gibt, daß die Neginoth die Tonzeichen für die Tempelmusik zu Zion waren; wir sind leider außer Stande, zwischen den Gesangsphrascn der Neginoth und unserer heutigen Synagogenmusik einen Verwandtschaftsgrad aufzufinden. Selbst die Gesänge der ersten Christen, die ja zumeist Juden waren und ihre Sangesweise zweifelsohne in den neuen Glauben mit hinübcrnahmen, bieten für unsere Untersuchung keinerlei Anhaltspunkte. 1m& sind wir erst beim Ambrosia nischen und Gregorianischen Gesänge angelangt, dann verlieren wir faktisch jedweden Boden für unsere Forschung. Wir würden vielleicht nachdenkend beim Madrigal verweilen, wenn uns nicht schon die Etymologie des Wortes als auch dessen Geschichte und Wesen eines Ändern belehrte. Auch die Compositionen Nossis (Anf. des 17. Jahrhrnderts) wie die des im Anfänge unseres Jahrhunderts lebenden jüdischen Musikers Nathan tragen das den heutigen Synagogalmelodien eigenthümliche Gepräge nicht. Es scheint nun, daß unsere Glaubensgenossen bei ihrer Einwanderung in die Neue Heimaih gar keine typischen Gesänge mitbrachlen oder auch dieselben im Lause der Jahrhunderte vergessen hatten und sich nun gezwungen sahen, die Volksmelodien der Nationen, unter denen sie lebten, auf sich einwirken zu lassen und dieselben durch Anordnung resp. Anpassung für ihre Gebetsstücke zum Synagogengesange zu erheben. — Unter allen den Volksmelodien jedoch ist es nur eine Gattung, die durch ihr natürliches Änschmiegen an den hebräischen Text, wie auch durch ihre mächtige Wirkung auf das Gemüth des Juden bereits Gemeingut der gesammten Judenschast geworden, gelungen, sich das Prädicat ״Synagvgale Gesangsweise" anzueignen. Wir kennen sie ja alle, die sich meistens in Moll bewegenden Melodien mit ihrem eigenthümlichen Melisma, ihren verminderten und übermäßigen Intervallen, die in hervorragender Weise ge; eigne! sind, innige Bitte wie feste Zuversicht, tiefe Trauer und fromme Freudigkeit auszudrücken; die eine Gefühlsinnigkeit in sich bergen, welche sie qnalisiciren, unsere heiligsten Gebetstücke in solch' eminenter Weife musikalisch zu illustriren, dass ihre Zauberkraft selbst von Nichtjuden anerkannt werden muss. Synagogale Gesangsweise, polnische Gesangsweise, hebräische Melodie, das ist unseres Erachtens ein Begriff. Es wird von verschiedenen Seiten gegen diesen Ausspruch ein gewichtiges Veto eingelegt' werden; wir appelliren jedoch an die Erfahrungen Unserer Berufsgenossen — an die Erfahrungen, die wir mit Vorführung der verschiedenen Gesänge der andächtigen Menge gegenüber gemacht, und wir sind der Zustimmung für unseren Ausspruch gewiß. Singen wir selbst dem deutschesten Juden uns saus taukef in deutscher Weife mit dem Aufgebote unserer vollen Stimmkraft, unserer zartesten Lyrik, unserer ganzen Hingebung vor, — er bleibt, bei aller Achtung vor unseren Gesangsmitteln und unserer Kunst, der Hauptsache nach — kalt —; Eindrücke ganz anderer Art werden jedoch mit dem Vortrage desselben Gebstsstückes mit polnischer Gesangsweise erzielt. — Es ist ja allbekannt, daß der polnische Jude sich von der deutschen Gesangsart unwillig abwendet, wir haben es jedoch noch nie erfahren, daß die polnische SangeSweise — würdevoll und edel vorgetragen — dem deutschen Juden gegenüber ihre mächtige Wirkung verfehlt hätle. Hier ist der Platz und Hier wollen wir, es unumwunden aussprechen — seist auf die Gefahr hin, als musikalischer Mucker verschrieen zu werden — daß der Synagoge eine ernstliche Gefahr drohe, wenn diese kalten, aus einem fremden Boden gepflanzten Choräle mit unterlegtem hebräischen Texte unsern herzerhebenden Gesängen jemals den Rang streitig machen köunten. ״Die Gemeinde soll singen", höre ich rufen; ״es muss auch in der Synagoge der Ordnung wegen endlich der Gemeindesang eingeführt werden". Gewiss wünschen auch wir den Gemeindegesang, aber für den aus der Kirche entliehenen müssen wir dringend danken. Oder sind wir wirklich bankerott an Melodien, haben wir etwa keine Berechtigung, dem musikalischen Theile unseres Gottesdienstes ein der Synagoge eigenthümlicheS Gepräge zu geben, dass unsere Componisten die Kirche um Asiistenz angehen müssen, wenn sie einen I/oho dodi schreiben?— Sollten wir wirklich von den christlichen Musikgesetzen nichts Wichtigeres gelernt haben, als langathmige weiße Noten Häuf einen Chataf-Pasaeh zu setzen? Was hat der Kirchenstyl in der Synagoge zu suchen? — Ebensoviel als die Messe — obgleich dieselbe eine anerkannte Kunstform in sich schließt oder auch der gothische Bauftyl bei den Synagogenbauten in Anwendung kommt und kommen darf. So lange die Baukunst ihr ganzes Bestreben aufbietet, um unsere Synagogen in der ihr eigenthümlichen Stylart würdig herzustellen; solange die Malerei ihr Bestes hergibt, um bei Ausschmückung unserer Synagogen forgfältigft zu erwägen, welche Kunstform zu wählen oder zu lassen sei, um auch stylgerecht zu bleiben; so lange man bei Feststellung unserer Gebetsstücke immer wieder zum Urtexte oder höchstens einer Uebersetzung desselben zurückkehrt, so lange sollen und müssen doch wahrlich unsere modernen Synagogenmusik-Componisten auch ihr Schärflein dazu beitragen, um ihren Geistesproducten gleichfalls ein synagogales Gepräge zu geben. Wir werden bei Besprechung der Werke unserer verehrten Componisten eingehender auf dieses wichtige Thema zurückkommen und durch Vorführung entsprechender Nummern darzuthun uns erlauben, welche wesentlichen Merkmale unsere synagogalen Com׳ Positionen haben müssen, wenn dieselben ihrer eigentlichen Aufgäbe entsprechen, d. h. auf die Benennung ״synagogal-musikalische Kunstform", einen Anspruch erheben dürfen. (Forts, folgt.) Was ist eine ,.Cantorenlchule?" Von Qbercantor Z. Lach mann, Hürben (Baiern.) Es gibt Streitobjecte, deren oberflächlicher Wortlaut die von ihm berührten Geister zum lustigen Kampfe aufacht und in ihren Reihen eine hartnäckige Meinungsverschiedenheit heraufbeschwört, wenn man aber die Sache genau bei Lichte betrachtet und ihr auf den Grund kommt, so ist sie bis auf ein Haar dem