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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-14 · Heft 2 (14.1.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 2 (14.1.1884)
Date
1884-01-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Oder, was ist denn am Ende alle Bildung? Sie erstreckt sich doch wahrlich nicht bloß auf gesellschaftliche Verhältniße und Sitten; auch nicht blos auf Wissen und Meinen. Was ist sie, und waS ist sie werih, wenn sie nicht auch in unsre Willens- und sittliche Kräfte, und eben damit in unser inneres und äußeres Schassen und Handeln entschieden eingreift? — Wir Alle wissen und gestehen: Maaß halten in jedem, sei, wie die erste Frucht, so das erste Zeichen wahrer Bildung. Maaß halten ist nicht möglich, wo nur die Sinnlichkeit ausgereizt wird: es ist aber nicht nur möglich, sondern wird auch am leichtesten, wenn und wo alle Theile unseres Wesens gleichmäßig aufgeregt und beschäftigt werden — einander die Wage halten. Ich brauche nicht zu wiederholen, wo dies geschieht. Und wenn es nun geschieht, wenn wenigstens die Stimmung dafür in dieser Stunde wirklich erreicht — durch oft wiederholte solche Stimmung aber auch die Fähigkeit dafür überhaupt gemehrt, die Wirklichkeit erleichtert wird: da wollen wir klagen oder anschuldigen, dass es geschieht und wodurch es geschieht? da wollen wir als Schwäche verschreien, was wir sonst als herrlichste Blüihe der Kraft anerkennen? Doch wie leicht schweift man hin ins Unnöthige, das sich von selbst versteht, wenn man Gegenstände berührt, die Einem am Herzen liegen i Ich wollte eigentlich nur sagen: Dass unsre Musik auf uns weniger heftig wirkt, als jene Rhythmik auf Ungebildete, liegt zunächst an uns, aber nach unsern Vorzügen; dann, an ihr, als Kunst, wieder nach ihren Vorzügen. Aber, indem wir eingestehn, dass unsre Musik -so heftig, so leidenschaftlich nicht wirke, gestehen wir keineswegs ein, daß sie nicht mächtig, groß und zum Großen wirken könne, und wirklich wirke. Kleine Chronik. Wien. Donnerstag den 10. d. hielt College L. Stern, Cantor und Ncligiouslehrer in Fünfhaus, im dortigen Handels- und Gewerbevereine einen Vortrag über ״die Schule der Jugend und die Lebens schulet Der Vortrag über dieses schwierige Thema, welches Herr Stern mit vieler Fachkenntnis und in sehr geistreicher Weise behandelte, wurde von dem zahlreich anwesenden, distinguirten Publikum höchst beifällig ausgenommen. Wien. Wir haben bereits in einer der früheren Nummern unseres Blattes die Meldung gebracht, dass Sr. kais. und königl. Hoheit Kronprinz Erzherzog Rudolf die aus Anlaß der Geburt der Erzherzogin Elisabeth von unserem Präses, Herrn Ober- Cantor Josef Singer gewidmete Festhymne entgegenzunehmen geruhte, und dem Componisten hiefür seine allerhöchste Anerkennung aussprach. Herr Obercantor Singer ließ nun zwei prachtvoll ausgestattete Exemplare dieser Composition auch Sr. Majestät, unserem allergnädigsten Kaiser, sowie dem Könige von Belgien ehrfurchtsvoll überreichen. Beide Monarchen geruhten dieselben anzunehmen und ließen dem Herrn Obercantor I. Singer anerkennende Dankschreiben zukommen. Wir glauben mit vollem Rechte behaupten zu können, dass die Annahme der Widmung sowie die anerkennenden Zuschriften .von diesen allerhöchsten Persönlichkeiten nicht nur Herrn Obercantor Singer, sondern dem ganzen Cantorenstande zu großer Ehre gereichen. . Wien. (Die äußeren Rechtsverhältniße der׳ Judengemeinden.) Aus Pest wird berichtet: Zwischen dem ״ungarischen Minister Trefort und dem Baron Conrad schwebt schon seit zwei Jahrdn?ein Schriften- Wechsel über die conforme Regelung der äußeren Rechtsverhältniße d ex Judengemeinden in beiden Hälften der Monarchie. » Schon im Jahre '-e 1882 richtete der österreichische Cultusminister Baron Conrad eine' 1׳ Note hieher, in der er anfragte, auf welche Weise die jüdischen Gemeinden in Ungarn organisirt feien, denn er fei entschldsseu, die Re- , or'ganisation der jüdischen Gemeinden in Oesterreich durchzuführen und möchte die einschlägigen Verhältniße Ungarns kennen lernen. Unmittelbar darauf übersendete Minister ׳Trefort feinem österreichischen Collegen das in Geltung bessndliche Statut der neologen und orthodoxen Jndengemeinden in Ungarn und schilderte sehr eingehend die bestehenden Verhältniße, die von der Art seien, dass auch er, Trefort, fest entschlossen sei, die Regelung derselben demnächst in Angriff zu nehmen. - Zu Beginn des Jahres 1883 richtete wieder Trefort eine Note an Baron Conrad, in der er anfragte, welche gesetzlichen Bestimmungen und Verordnungen in Oesterreich bezüglich der Oualification der Rabbiner in Geltung feien, denn er hege die Absicht, bte .. jüdische Matrikensührung zu reorganisiren und die Oualification derjenigen Persönlichkeiten besonders festzustetten, welche die Matriken zu, . führen haben. Baron Conrad beantwortete auch diese Zuschrift sofort, und die Folge davon war der bekannte Erlaß Trefort's, durch welchen feftgestellt wird, daß nur solche Personen zur Führung von Matriken; berechtigt sind, die mindestens das Unter-Gymnasium absolvirt haben. In feiner Antwortnote griff Baron Conrad auf die bereits früber von ihm aufgeworfene Frage zurück, ob Trefort geneigt wäre, die äußeren Rechtsverhältniße der Judengemeinden im Einvernehmen mit . ihm zu regeln. Im October 1883 langte abermals eine Note deS׳ Baron Conrad ein, worin er mit Rücksicht auf den bevorstehenden Zusammentritt des Reichsrathes die Beantwortung dieser Frage urgirt, denn die österreichische Negierung hege die Absicht, diese Frage ganz besonders mit Rücksicht auf die Zustände in Galizien bald zur Entfcheidung zu bringen. Das ungarische Cultnsministerium hatte mittlerweite davon Kenntnis erhalten, daß im Jahre 1881 im österreichischen Cultnsministerium wegen Feststellung eines Statuts für die jüdischen Gemeinden eine EnquZte abgehalten worden fei. Da das Operat derselben aber hier unbekannt war, wurde von der endgiltigen Beant- Wortung der entscheidenden Frage die Mittheilung dieses Operates. nachgesucht. Diesem Wunsche ist Baron Conrad nachgekommen. Inzwischen haben die Districis-Präsidenien der jüdischen Gemeinden Ungarns in dieser Angelegenheit Herrn v. Trefort bekanntlich ein Memorandum vorgelegt, und aus der Antwort des Ministers an die׳ Deputation der Districts-Präsidenten geht hervor, daß die Regelung dieser Verhältniße in Bälde durchgeführt werden wird, und zwar in. beiden Hälften der Monarchie. Die aus Wien hier eingelanfenen Nachrichten lassen annehmen, daß Trefort und Baron Conrad ein congruentes Vorgehen in dieser Frage beobachten werden. Livorno. Der Bau der großen neuen Synagoge ist Ende vorigen Monats fertig geworden. Die Synagoge hat 3000 Sitze. Der Obernnd Landesrabbiner von Rom, Herr Girundi, hielt die Eröffnungsrede, welche zwei volle Stunden in Anspruch nahm. Der Landesrabbiner beklagte, dass im ganzen Jndenthume Mißverständniße obwalten, die Orthodoxen stehen.der Bildung hindernd im Wege und die Fortschrittler, verursachen Hinderniße der weiteren Entfaltungunserer Religion. Der Tempel ist den Einen, die Synagogen den Andern nicht recht. Zu bedauern ist es, dass unsere Juden den schönen, immer glücklichen Mittelweg nicht kennen wollen. Zur Er-׳ öffnung des Gotteshauses entsendete der Papst einen Vertreter seiner allcrheiligen Person, welcher Umstand eine freudige Erregung im italienischen Judenthum? hervorries. Aer chinestsche Kaiser. Als der junge Kaiser China 's vor Kurzem gekrönt wurde, besuchte er nach chinesischer Sitte die Gottes- Häuser sämmtlicher Consessionen, die in der Hauptstadt vorhanden'sind׳ Nachdem er die Kirche seines Glaubens besucht hatte, und "dort nur etwa eine halbe Stunde verweilte, begab er sich in die große jüdische׳

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