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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-14 · Heft 2 (14.1.1884) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 2 (14.1.1884)
Date
1884-01-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Geschichte besitzen, gesunden werden, haben diese Künste überkommen als zusammengesetzt aus gewissen Urkünsten, die wahrscheinlich noch gar nicht vom Leben überhaupt gesondert waren, oder deren Dasein doch aller Geschichte vorausgeht. So kennen wir z. B. die Poesie (im engeren Sinne) nur als zusammengesetzt aus Dicht- und Sprachkunst; und ebenso die Musik aus Rhythmik und eigentlicher Tonkunst. Letztere zerfällt dann wieder in die Kunst der Melodie und in die der Harmonie: beide .aber, vereint mit der ersten, und jenen allgemeinen poetischen Sinn vorausgesetzt, machen erst die Musik aus. Nohe Völker, so :wie ganz unbildsame und ganz ungebildete Menschen unter uns, haben nun gar keine eigentliche Tonkunst und auch keinen Sinn -dafür, sondern diesen nur für das Rhythmische. Das, was vor ihren Ohren tönt, tönt nicht eigentlich, sondern ballt und schallt -.nur; es ist für sie nur da als Bedingung, das Rhythmische zu bemerken. Die Nebenfragen: Warum wirkt unsere Musik auf sie fast nichts, die ihrige auf uns widerlich? und dergl., sind also keine Fragen mehr. Sie haben keine Musik und auch keinen Sinn dafür. Was auf sie wirkt, ist etwas ganz Anderes, entweder überhaupt, oder doch für sie; obschon es unter die Bestandtheile der Musik mit ausgenommen ist. Haben wir jene Fragen bei Seite gelegt, so drängt sich uns eine andere auf: Warum wirkt bloßer Nhy'.hmus so mächtig auf rohe Völker oder ungebildete Menschen überhaupt? Ich meine: Eben darum, warum er auf die Thiers, ja, warum er auf uns Gebildete gleichfalls — wenn auch nicht so viel, doch offenbar nicht wenig wirkt. Wir können es alle Tage bemerken^ nicht nur Kameele und Elephanteu — auch wir selbst schreiten z. B. munterer und anhaltender, wenn wir in sicherem Tacte schreiten, und es wird uns dies erleichtert, wenn dieser Tact uns gleichförmig und bestimmt von außen her gegeben wird. Bewegung interessirt Alles, was sich bewegt; durch Abgemessenes (bestimmt Beschränktes) in der Bewegung wird uns diese selbst erst recht bemerkbar — wie durch Figur (gleichfalls bestimmt Beschränkles) das Räumliche; und wir haben vielleicht nicht einmal nöthig, erst an jenen Geist der Ordnung und Stetigkeit, der durch die ganze NcuiH' verbreitet ist, und der auch hier sich äußert, zu erinnern. Es ist hierbei Alles unwillkürlich, mechanisch gegeben; und wissen wir's, und folgen mir Vorsatz: so ist das wenigstens gar nicht nolhwendig. - Die Ursachen so heftiger Wirkung und Rhythmen, da, wo sie wirklich statthat, liegen, dünkt mich, weder in ihnen, noch in des Menschen Natur, sondern in zufälligen, äußeren Verhältnissen. Der wilde Nordamerikaner glühet and jauchzet, wenn seine Trommel in starkmarkirten Rhythmen rasselt, seine Pfeife gleichmäßig schwirrt: beide tönen ihm kriegerisch. Er, der Kampflustige, wird also an Kämpfen und Bändigen, an Rächen und Siegen erinnert, und darum glühet und jauchzet er. Der Bergschotte hat eine zweifache Weise, wie seine geliebte Bockpfeife dudelt: jetzt stark, überblasen, schnarrend, in marschmäßig scharf absetzenden Rhythmen: da wird nun er, der Starke, der Nationalstolze, in steter Erinnerung an die Thaten seiner Väter lebend, geistig in das versetzt, was ihm sein eigenthümsichstes, sein herrlichstes Selbstgefühl gewährt: darum, und gewiß nicht wegen des Rhythmus des schnarrenden Bocks an sich, glühet und jauchzet auch Er; und die damit gewöhnlich verbundenen Lieder führen ihm jene Gegenstände seiner Liebe noch bestimmter vor. Jetzt summet die theure Bockpfeise leiser, doch auch in scharf abgesetztem, sich ewig gleichem, nur nicht so heftig markirtem Rhythmus: da wird nun er, der Innige, der Treue an die Freuden seiner Hütte und die Gegenstände seiner Zärtlichkeit erinnert; er sehnt sich, er klagt, wieder nicht um des rhythmischen DudclnS, sondern um der Erinnerungen willen, in die es ihn versetzt, und welchen die, mit diesen Melodien immer verbundenen Nationallieder um so bestimmter und lebendiger aufregen. Will man die Sache näher haben, so beobachte man die Beschaffenheit und die Wirkung gewisser Tänze auf das Volk, eben in den auch für Musik am wenigsten gebildeten Provinzen unseres Vaterlandes: z. Bder tirolischen, steiermärkischen Tänze: die Beschaffenheit und die Wirkung ganz gemeiner Märsche: und man sieht der Hauptsache nach dasselbe. Die Musik wirkt auf das Volk keineswegs so gewaltig; oft dürfte man auch hier sagen: sie haben keine, und für Las wenige Melodische und Harmonische dabei keinen Sinn; (ist ja doch die Herrlichkeit und Wirkung viel größer, wenn z. B. der Mann mit der Baßgeige diese berumdreht, und, statt die Saiten im bestimmten Rhythmus zu streichen, auf den Bauch des Instrumentes, in demselben Rhythmus, paukt) nur das Rhythmische wirkt auf sie: aber auch dies bei weitem nicht so gewaltsam, als man sich immer wieder erzählt; sondern, wo so etwas Gewaltsames gewirkt wird, geschieht dies durch andere, alle Musik nichts angehende Dinge, die sich bei raschem Tanzen oder soldatischem Maschiren einzusinden pflegen und nicht erst vorgezählt zu werden brauchen. Nun aber zur Hauptsache. Die Präliminarien stehen, denk' ich, so: Von einer Wirkung der Musik, im genaueren Sinne des Wortes, aus ganz Ungebildete kann eigentlich feine Rede sein; auf sie wirkt entschieden nur Rhythmus: aber auch dieser nicht in dem Grade, als man gemeiniglich behauptet. Was man von so heftigen, großen Wirkungen dabei bemerkt, ist Folge von eigentlich nicht dazu gehörenden, nur in der Idee oder im Gefühl damit verbundenen Dingen. Warum wirkt nun unsere Musik, bei welcher zum Rhythmus, statt dessen, was dort hinzutritr, noch die gesammte Kunst der Töne (Melodie und Harmonie) kömmt, mit welcher großentheils noch die besondere Kunst des Dichters (in der Gesangmusik) verbunden wird: warum wirkt sie auf uns viel weniger mächtig und heftig, als jene leere Nhythmik auf Ungebildete? Ich will nicht ausführlich darauf antworten, sondern nur einige, wenn auch vielleicht nicht befriedigende Gedanken, fragmeniarisch noch hersetzen. Darf denn überhaupt, wenn die Rede ist von irgend einer Kunst im edleren Sinne des Wortes, wo also Sinne, Verstand und Herz gleichmäßig beschäftigt, wo Schönes dargestellt wird; darf da überhaupt heftige, gewaltsame Wirkung erwartet, gewünscht — ja, wenn sie auch zu bewerkstelligen wäre, absichtlich hervorzebracht werden? Ist es denn nicht vielmehr die Bestimmung, der Preis der Kunst, alles Gewaltsame im und am Menschen zu mildern, das Leidenschaftliche zu bändigen, das Nohe zu befettigen? Und werden nicht vielleicht jene Wünsche, Anforderungen und Anklagen, geschähe eS auch von den berühmten Philologen, oder von fleißigen Geschichtsforschern, aus- und nachgesprochen, ohne daß man recht weiß, was man damit will? So liegt also das weniger Hinreißende, weniger Gewaltsame in dem Wesen der Kunst, und zwar als einer ihrer Vorzüge. Es liegt auch in dem Wesen menschlicher Cultur überhaupt, und wieder als einer ihrer Vorzüge. Der Gebildete soll über- Haupt weniger ganz hingerissen werden, und ist er wirklich ein solcher, so wird er's auch nicht — sogar schon aus physischen von selbst einleuchtenden Ursachen: vielmehr aber aus geistigen und moralischen.

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