Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-14 · Heft 2 (14.1.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 2 (14.1.1884)
Date
1884-01-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452962--0866-3454945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einen dieser alten Herren befragen, was er gelernt, w i e l a n g e er studirt und welche Prüfungen er bestehen mußte, man wird ehrfurchtsvoll den Hut lüften vor dieser Summe von Wissen, vor diesem Beherrschen der profanen und geistlichen Musikliteratur, vor diesen umfassenden Kenntnissen im Hebräischen rc. ES war allerdings kein geordnetes Studium, sondern ein Zusammenraffen der geistigen Schätze, dem jene Nestoren sich bingeben mußten, aber gearb e itet wurde und Gottlob, diese geistige Anregung und dieses wissenschaftliche Streben hat ein Emporblühen des jüdischen Cantorenthums bewerkstelligt, wie es noch keine Periode auszuweisen hatte. — Das zu jener Zeit eingestreute, ethische Samenkörnlein keimte im Stillen, setzte Wurzeln an und brachte farbenprächtige, saftige Pflanzen hervor. Jenen Bestrebringen einer vergangenen Zeit dürfen wir die Anerkennung nicht versagen, dass sie der Urbeginu all' der Errungenschaften waren, deren das jüdische Cantorenthum sich zu erfreuen hatte. Und nun stehen wir, die wir das Erbe jenes Vermachtnißes antretcn, am Markstein eines neuen Zeitalters. Die Anspräche an unser Wissen und Können haben sich gesteigert; die abnehmende Gläubigkeit beding!, ein Gegenmittel für dieselbe in unseren bedeutenderen Leistungen zu schaffen; zudem gesellen sich die durch jahrelange, emsige Geistesarbeit vorbereiteten, beträchtlich׳ bedeutenderen Leistungen der Herren Rabbiner und fordern uusere Kraft zu einer entsprechenden Gegenbestrebung heraus. Wie ist cs nun möglich, fragen wir, dass man, angesichts solcher Thatsachen, die Anschauung kundgibt, dass ein Cantoreneleve zur Ausnahme in eine eventuelle Cantorenschule .keinerlei Vorkenntniße zu besitzen, keine Aufn ahms beding un, gen zu erfüllen, keine Frequentat i o nsz eit einzuhalten brauche, sondern dass es genüge, wenn Leuts mit Begabung und rascher Auffassung, die im Tempel viel gehört und das Gehörte verdaut hatten, blos sechs Lectiouen zu nehmen brauchen, in welchen ihnen einige Erklärungen und Beispiele aufgeschrieben und veranschaulicht werden, um einen sicheren Leitfaden für ihre künftige A m t i r u n g m i t z u n e h m e n‘, wie es auf Seite 33 in Nummer 5 der ungarischen Beamtenzcitung zu lesen ist? Oder auf ders e'ben Seite zweite Spalte, allwo geradezu gegen das L ern e n geeifert wird: .Wozu lernen, wenn man das Gelernte nicht einmal verwerthen kann. In jedem anderen Amte macht der Functionär Gebrauch von seinen Wissen rc. — während der rationell gebil^ dete Cantor gegen seine Ueberzeugung bestrebt sein muss, einem v e r d o r b e n e n G e s ch m a ck e z u huldigen, sonst kann er sich nicht behaupte 11.* Was soll man nun zu solchen Expeetorationen hinzufügen? Dort betont man die Unwissenheit der Cantorcnjüngcr, indem man beweist, sie brauchen keine Vorkenntniße rc., hier stellt man der Unwissenheit der Cantoren geradezu einen Geleitsbrief aus, und perhorrescirt die Kenntnisse des rationell ausgebildeten Fachgenossen; man bekämpft das durch fachgemäße Ausbildung bedingte Vorgehen in Kunst und Wissenschaft, dem besseren Geschmacke neue Bahnen zu eröffnen, selbst mit Hintansetzung des eigenen Vortheils, der eigenen Person für die ideale Weiterent- Wicklung einer heiligen Sache zu kämpfen, und sucht armselige Gründe dafür anzuführen, »dass der rationell ausgebildete Cantor, wenn er sich b e h au p ten w il l, bestrebt sein muss, einem verdorbenen Geschmacke zu huldi gen'', wie es Seite 33, 2. Spalte, Zeile 25 u. w. in Nr. 5 der ungarischen Beamtenzeitung zu lesen ist. Es kann demgemäß nicht wundern, wenn der Schreiber jenes Aufsatzes für Cantoren- Eleven, die keiner Vorkenntniße bedürfen, für nach 6 Leetionen absolvirte Cantoren, die kein rationelles Wissen zu haben brauchen, sondern dem verdorbenen Geschmacke huldigen müssen, nicht den Muth hat, die staatliche Anerkennung anzustreben, ja sogar dieselbe einige Zeilen weiter bekämpft, indem er behauptet: »Ein solches G e s e tz s o l l m a n n i ch t w ü n s ch e n u n d wünscht man es, so ist es nicht zu erreichen/ -— Allerdings Cantoren, mit solchen, von der ungarischen Beamtenzeitung angeführten und gewünschten Fachwissenschaften ausgerüstet, werden und dürfen sich niemals einer staatlichen Anerkennung zu erfreuen haben. Es zuckt daS Herz in tiefem Weh zusammen, wenn man solchen Auslassungen gegenübersteht, wenn die Errungenschaften, die mit unsäglicher Mühe erkämpften Errungenschaften einer ganzen Periode eines im Emporblühen begriffenen Standes nicht etwa der geschichtlichen Nothwendigkeit, sondern der Laune eines Einzelnen zum Opfer fallen sollen; wir sagten der Laune eines Einzelnen, weil wir nur zu sehr überzeugt sind, dass der Autor jenes Aufsatzes der Beamtsnzeitung. der intelligent genug in, die historische Weitergestaliung des jüdischen Cantorenthums zu erfassen, der ja alle Phasen des Emporblühens unseres Standes persönlich mtüt'bic, von der Hinfälligkeit seiner Kundgedungen durchdrungen ist, und lediglich gedrängt von der N o t h l a g e, in welche ihn die Befriedigung einer Laune versetzte, solche Anschauungen in die Welt setzt, von deren Gegentheil'er überzeugt ist. Der Herr Autor jenes Aufsatzes weiß es nur zu gut, dass ein Cantoreleve unseres Zeitalters bedeutende Vorkenntniße mitbringen, eine Reihe von Jahren unter tüchtiger Anleitung studircn müsse, um zu genügen; er weiß es nur zu gut, dass für das Erlernen der verschiedenen Dis׳ ziplinen des cantoralen Wissens, Stimmausbildung, Musiktheorie, Vortrag, ׳דינים יחזנות Vorlesen der Thora rc. rc., weder das . Ersatzmittel des Anschließens an ein Seminar, noch eine Lshrkraft allein ausreicht. אק מלאך אהד־ ערשה שתי שליחות; es ist ihm durchaus nicht fremd, dass namentlich die Träger von Kunst und Wissenschaft die hohe Mission zu erfüllen haben, auf Geschmack und Anschauungsrichtung ihrer Umgebung veredelnd einzuwirken und es daher strengstens vermeiden müssen, der Geschmacksverwilderung Concessionen zu machen; es kann ihm unmöglich ein Geheimnis sein, dass unsere Collegen in Frankreich sich des Schutzes des Staates und dem entsprechend auch eines social- und künstlerisch bedeutenden Aufschwunges zu erfreuen haben rc. :c., und dennoch greift cr zu den unmöglichsten Argumenten, um seine aussichtslosen Pläne zu unterstützen, feine gewagten Be- Hauptungen zu motiviren. Er nennt unser Vorgehen ein theoretisches, im Gegensatze zu dem ]einige», welches ,auf Erfahrung'' beruhe; als ob wir wirklich erst der Schulbank entwachsen, oder als. ob eS ein solch' himmelweiter Unterschied wäre, ob einer 30 oder 20 Jahre amtirt; es fragt sich ja blos, wo und wie er amtirte. Wir brechen in unserer Auseinandersetzung plötzlich ab, weil die Bitterkeit, die sich unser bemächtigt, leicht auch aus der Feder fließen könnte, was wir vermeiden möchten. Nur eine Erklärung können wir unmöglich zurückdrängen : Die N o t hläge, von der wir oben sprachen und welche solch' unfaßbare und unbegreifliche Dogmen in die Welt schickte, wird höchst wahrscheinlich die betreffenden Kreise zu einer ferneren, ähnlichen Thätigkeit veranlassen. Wir müssen dieses tiefstens bedauern, indem die angeführten Aufstellungen' der ungarischen Beamten- Zeitung das Resultat unrichtiger Vorbedingungen sind. Wenn man vor der Inangriffnahme irgend einer Thätigkeit nicht den I Verlauf und das Ziel der Arbeiten genau geordnet hat, so wird nran zumeist während der Arbeit von Zufällen überrascht, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.