Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1884)
- Date
- 1884-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellung gelangt sind. Hätten diese etwas erreichen können, wenn sie von ihrem Stande auch so niedrig gedacht hätten, wie Sie? Und wenn Sie von einem Provinz-Cantor sprechen, der nach seinem Tode eine Schuld von st. 2000 hinterließ, so beweist dies gar nichts, denn ich kann Ihnen wieder Cantoren nennen, die sich trotz ihres bescheidenen Gehaltes mehr erspart haben, als ihr College in der Stadt. WaS Sie von Ueberläufern aus Theatern gesagt haben, ist nicht zutreffend, man darf eben von einzelnen Fällen nicht aus das Ganze schließen. WaS ich von der anzustrebenden Anerkennung deS CantorS von Seite deS Staates in meinem ersten Artikel geschrieben, halte ich in allen Punkten ausrecht. Die Errichtung einer Cantorenschule soll eben das Mittel zum Zwecke sein, den Staat darauf aufmerksam zu machen, dass die Anforderungen an einen Cantor derart sind, dass er ebenso wie der Rabbiner eine Fachschule absolviren muss. Warum sollen wir uns die Hoffnung versagen, einst, wie unsere College» in Frankreich, auch 7vom Staate als-״Cantoren" im wahren Sinne des Wortes anerkannt zu werden! Was nun schließlich die persönlichen Angriffe' des Herrn Obercanlors Adler meiner Wenigkeit gegenüber, betrifft, sö finde ich für dieselben darin meine Genugthunng, indem ich doch nicht annehmen darf, daß der Herr Obercantor von einem einzelnen Gliede mit mehr Würdigung und Achtung sprechen wird, wenn er den ganzen Stand so rücksichtslos profanirt. Dies die letzten'Worte, die ich zur ״Cantorenschule" gesprochen habe. Blatt. Des Adlers niedriger Schwung. Mit einem gewiffen Zntereffe wird wohl jeder unserer College» die Polemik verfolgen, die sich über die Frage bezüglich der Cantorenschule unvermeidlich entwickelt, denn ,viel Köpfe, viel Sinn', und unser Blatt ist das Organ, durch welches wir uns über Alles verständigen sollen. So wird auch der im letzten Blatte einige Spalten einnehmende Artikel des Herrn Obercantors Adler seine Bestimmung erreicht haben, d. h. er wurde gelesen. Die Zntroduction läßt leider das Finale nicht ahnen, sonst hätte ich für meinen Tbeil auf das Lesen des Artikels lieber verzichtet, als unter Anderem von einem Amtsbrudcr hören zu müssen, es sei an der Zeit, daS Ornat abzulegen, sich als Vorsänger auf die Galerie zur Orgel zu vostiren, mit einem Worte, aus der Kutte zu springen. Herr Adler sympathisirt mit der Hohencmser Gemeinde, die den Cantor entbehrlich machen will, er begeistert sich demnach wahrscheinlich auch für die Idee eines hervorragenden Collegen jenseits der Leitha, der in seinem Blatte dafür plaidirt, dass sich der Rabbiner auch cantorale Fähigkeiten aneignen soll, um. den Cantor zu vertreten, ich aber sage, um ihn allmählich zu verdrängen. Herrn Adler steigt ferner, wie er sagt, die Schamröthe in's Gesicht, wenn er bedenkt, ,einen Mann im Priesterkleide gehüllt zu sehen, der noch vor wenigen Augenblicken in der Schlachtbank seines Amtes gewaltet". Mir und gewiß auch vielen Collegen ist nebst der Schamröthe auch die Zornesröthe beim Lesen solcher Worte in's Gesicht gestiegen. Wahre, tiefe Entrüstung muss sich eines Jeden bemächtigen darüber, dass sich ein Cantor dazu hergibt, seinen Stand so herunter zu setzen. Wie? Hat Herr Adler keine bessere. keine höhere Meinung von seinem Amte? Hat der Cantor blos zu singen, hat er nicht durch sein gefühlvolles, erhebendes Gebet seine Gemeinde zur Andacht zu stimmen? Und da weiset er dem שליח צבור. dem Sendboten der Gemeinde seinen Platz zur Orgel, degradirt ihn also zum einfachen Chorsänger? Ich glaube, schamrotb muss man werden darüber, da!s sich ein Cantor finoet, der fähig ist, für eine solche absurde Idee Propaganda zu machen; seine Tinte sogar hätte müssen ״roth" werden darüber, dass sie sich zu solch' unwürdigen Gedanken hat verwenden lasten müssen. Obwohl ich nicht die Ehre habe, das ehrenwerte Amt eines Schächters zu bekleiden, so muss ich gerade für d i e s e Amtscollegen eine Lanze einlcgen. Mir schwebt dabei immer aus meiner eigenen Jugendzeit das Bild jenes ehrwürdigen stN meiner Heimatsgemeinde vor, der, sei es an hohen Festtagen, sei es an Wochentagen, mit wahrhafter Innigkeit und Frömmigkeit die Gebete vortragend, die Gemeinde zur größten Andacht bewegte. Welch' hoher Achtung erfreute er sich bis in sein Greisenalter! Dass er durch mehr alS 40 Jahre auch das Schlach tmesser führte, das tha! seiner Würde und ׳seinem Ansehen keinen Eintrag. Herr Adler weiß dort׳, daß der ganze priesterliche Dienst ehemals im Schlachten der Opserlbiere bestand; ist das Volk auch schamroth geworden beim Anblicke des in die בגדי קדש gekleideten Hohenpriesters? Von diesem heißt es auch: ונשמע קולו בבאו אל'הקדש לפני יהרה das gilt auch von dem Cantor. Also לפני ה dort ist sein Platz, von dorr muß seine Stimme erlönen und von dort wird der Cantor trotz Herrn A. nie und nimmer verdrängt werden. Prag, am 31. December 1883. Obercantor I. Stransky. Vom Kunflgejange sonst und jetzt. (Schluß.) Mit dem Satze Quinctilian'S, des ausgezeichneten römischen Pädagogen (geb. im Jahre 42 nach Chr. zu Calaguris in Spanien): ,Sterben die Hoffnungen, zu denen ein Kind berechtigt, nach und nach ab, so ist cs ein sicheres Merkmal, dass es nicht an ׳Natur, sondern an Pflege gebrach' — beginnend, zeigt der Verfasser, dass der .schlichte treue Muttersinn oft tiefer in das Seelenleben ihres Kindes schaut, als ein Psycholog', und dass daher die Entwickelung einer Fähigkeit der Kinder von Seiten der Eltern erfolgen müsse. Die einzelnen Capitel des interessanten Buches behandeln folgende Stoffe: die Gehörbildung, die Sinnesapparate, im Allgemeinen, die physikalischen Bedingungen des Gehöres, den Gehörapparat, Wahrnehmung und Auffassung des Schalles, den hohen Werth des Gehörsinnes, Pflege und Ausbildung des Gehöres in Hinsicht der Auffassung des Schalles im Allgemeinen und der Stärke im Besonderen, Auffassung der Tonhöhe, der Klangfarbe, des Rhythmus; die Stimmbildung: den Ansprachsapparat (Athmungsmechanik), den Tönungsapparat, den die Stimmen in der Sprache (die Vocale, die Consonanten. die Silben), Unterschied zwischen Sprechen und Singen, den Schulton, die -Stimmen im Gesänge, den Willensapparat, den Gedächlnisapparat, den Gefühlsapparat und die Methode des Gesangunterrichtes in Schulen. Diesen angegebenen Stoff höchst eingehend und gründlich behandelnd, gibt der Verfasser durch Benutzung angeführter zahlreicher, und zwar der vorzüglichsten Werke zugleich dem Leser, respective dem Unterrichtenden, die Mittel an die Hand, selbst umfassendere Studien zu machen und strebt vor Allem darzuthun, dass ״der Gesang als Kunstobject einebesondere, nur durch specielle Kunstübung erreichbare Vorbildung oder Technik ver- 1 lange, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, dass der Sänger