Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-01-06 · Heft 1 (6.1.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 1 (6.1.1884)
Date
1884-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452961--0857-3454935
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 2 — gibt, die eine Phrase von der Thatsacke zu unterscheiden, die traurigen Gegensätze zwischen Wortkram und Ausführung zu ergründen vermögen. Wir schwiegen, aus verschiedenen — wir gestehen, unberechtigten — Rücksichten, als man der Cantorenwell die Ansicht kundgab, sie brauche keinen Verein — und man bald darauf an die Gründung eines eigenen Vereines schritt; wir schwiegen immer noch, als man uns später plausibel machen wollte, der Verein brauche keine eigene Zeitung, es genüge, wenn man für Vereiusbedürfnifse sich einer bestehenden Zeitschrift anschlöße — um nach nicht gar langer Pause eine vom Sprecher selbst redigirle Zeitung in's Leben zu rufen; — wir schwiegen — weil eine solche Handlungsweise sich selber richtet und keines weiteren Commcutars bedarf; allein das Zurückdrängen der Anschauung, angesichts des vorliegenden Falles, wäre ein Frevel, den wir keinesfalls verantworten könnten. Wie ist es möglich, fragen wir, dass Jemand, der irgend einer gemeinnützigen Wirksamkeit seit mehreren Jahren dient, vor der Inangriffnahme eines ähnlichen Unternehmens ernstestcns warnt, ohne zu befürchten, dass man die Absicht gar so leicht errathen kann. Mau eiferte allerdings anfangs nur gegen die Errichtung einer Cantoreuschule alS Specialanstalt, und dieser Gedanke enthielt ein Körnchen Wahrheit — allein der Eiferer verliert gar leicht die Contenance — deshalb die Aufstellung der folgenden uns unbegreiflichen Dogmen — die Cantorenschule sei unmöglich. 1. ״ — weil das s wenn wir weniger Cantoren hätten, käme e s gar n ich 1 z u sot chen Erniedrigungen." 2. ״Eine Cantoreuschule kann auch, j ahre l an g leer stehen. Die Cantoren selbst s chi l der n ihren Stand in d en gre l l ste n Far den rc. und das sollte j u nge Le ule ver locken, die Cantoreuschule zu besuchen und sich überhaupt dem Stande zu widmen." 3. Das pädagogische Moment. — ,Be i jeder anderen Schule werden für die Schüler die Vorkenntniße, die Aufnahmsbedingungen und die F req u e n t a ti o n sz e it v o r g e s chr i e b e n- Beim Cantorat aber ist einzig und allein die Gabe der Natur für den Erfolg des Unterrichtes maßgebend. Große Leistungen, besonders poetische Natur, kann man n i ch t l e r n e n rc.' *) Aus der reichen Blumenlese unfaßbarer und absonderlicher Doctrinen, die als Beweismittel gegen die Cantoreuschule gelten sollen, wollen wir für heute nur diese drei angeführten unter der Loupe gesunden Menschenverstandes betrachten. ,Wenn wir weniger Cantoren hätten, käme es nicht zu solchen Erniedrigungen." Also nicht die fachmännische und sonstige Untüchtigkeit ist die Ursache des moralischen Niederganges irgend einer Menschenclasse, sondern die große Anzahl der Berufsgenossen. Allein zugegeben, wir acccptiren diesen Passus, spricht derselbe nicht geradezu für die Creirung einer Cautorenschulc? — Wenn die Anzahl der jüdischen Vorbeier herabgeminderl werden soll, so muss vor Allem die cantorale Freizügigkeit aushören, d. h. es darf T oder P nicht ans eigener Machtvollkommenheit, sondern durch den Ausspruch eines Lehrercollegiums zum Canror ernannt werden. Dieses Lehrcreollegium nun wird, kraft seiner Verantwortlichkeit, darüber wachen, dass nur reise und vollständig ausgebildete Candidaten der Berussausübung zugeführt werden und sintemalen, wenigstens in der ersten Zeit, sich auch die Einwandernden einem Examen unterziehen müßten, so ist es leicht faßbar, dass durch die von einer staatlich anerkannten )Lehranstalt überwachte Angelegenheit, die Anzahl der Cantoren ^sich vermindern und durch die snccessive Einsetzung nur tüchtig ausgebildeter Vorbeter, unser schöner Stand entschieden gehoben *) Alle in gesperrten Lettern gedruckten stellen sind einem Aufsatze, welcher in der Dezembernummer der ungarischen Beamtenzeitung veröffentlicht wurde, w ö r t l 1 ch entnommen. Die Redaction. Reo. Isidvr Frankel von Obercantor M. Rose n h a u p t in Nürnberg. (Schluß.) Seine erste Amtslhätigkeit begann er damit, einen Knaben- und Mädchenchor einzuführen, was großen Anklang fand. Fränkels Ansehen wuchs nun von Tag zu Tag und mit ihm auch sein pecuniäres Einkommen. Er wurde im wahren Sinne des Wortes beliebt und war namentlich allen Deutschen ein theilnehmender, helfender ,Vater', wie er bis heute genannt wird.' 12 Jahre lang hatte Frankel auch alle rabbinischen Functionen, wie als בעל קדושין rc. iii seiner Gemeinde versehen, und während des Krieges mit dem Süden wurde er von der Regierung zum ״Caplan" ernannt und zog als solcher mit den Truppen in's Feld. Anfangs der 60er-Jahre kam der berühmte Rabbiner Herr Dr. Jastrow an seine Seite. Es ist besonders bervorzuheben, dass derselbe stets in Eintracht, Liebe und collegialer Freundschaft mit Fränkel lebte und ihn in allen seinen Unternehmungen unterstützte. Welche Beliebtheit Fränkel sich, nicht allein in seiner Gemeinde, sondern auch außerhalb derselben erwarb, tritt in folgendem Factum lebhaft zu Tage. Im Jahre 1866 fand näm-!ich eine große Ausstellung und Verlosung für das jüdische Hospital in Philadelphia statt, bei welcher ein angekauftes, sehr werthvolles silbernes Theeservice — es kostete über 800 Dollars — demjenigen Rabbiner oder Cantor auS den vereinigten Staaten zu Eigenthnm verehrt werden sollte, der die meisten Stimmen erhält. Jedes Los. das je 50 Cents kostete, hatte eine Stimme abzugeben. 5000 Lose waren in der Urne, wovon 4778 Isidor Frankel zuflelen. Diesem Gewinne folgte eine nach Tagen zählende Haussestlichkeit bei Fränkel und großer Jubel in der jüdischen Bevölkerung Philadelphias. Am 13. Elul 5630, oder am 9. September 1870 wurde der neue herrliche Tempel der Gemeinde ״R0ci6f-8ch01(ra1" eingeweiht, bei welcher Fränkel selbstredend in hervorragender Weise fungirte. Im Jahre 1871 reiste Fränkel mit seinem ältesten Sohne nach Deutschland, um seine vielen Verwandte und Freunde in der alten Heimat zu besuchen*). Vor seiner Abreise gab ihm seine Gemeinde ein großes Abschiedsbankett, 800 goldene Dollars Reisegeld und ein kalligr. ausgcführtcs Ehrendiplom auf Pergament. Nicht minder wurden ihm viele ehrende Privatgeschenke zu Theil. Bei seiner Rückkunft wurde er am Bord wieder feierlich empfangen. Sein 25jähriges Amtsjubiläum wurde in der Synagoge in würdigster Weise gefeiert und dem Jubilar bei dieser Gelegenheit ein Geldgeschenk von 1500 Dollars baar überreicht. Als Sänger nimmt Fränkel eine hervorragende Stellung ein. Er sang nicht selten mit seiner Tochter Rosa in Coneerten und erntete stets großen Beifall. Seine schöne Baritonstimme ist noch heute, in seinem hohen Greisenalter klangvoll und be- _ ) *) Er kam natürlich auch nach Wien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.