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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-12-29 · Heft 44 (29.12.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 44 (29.12.1883)
Date
1883-12-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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!mit einer Hast und Eile betrieben werde, wie eine frühere Zeit ׳sie nicht gekannt. Man will eben Früchte ernten und hat doch nickt gesäet, will Erfolge auf der Bühne behaupten, dass ein -Col0l׳atnrstudium im Sinne der alten Meister nickt mehr notbwendig sei für den dramatischen Operngesang, wie er beute verlangt werde, und dass er sogar unfähig mache zum langausgehaltenen Forte-Ton.; Die alten Gesangslehrer aber, sowie überhaupt jeder tüchtige Meisten in der Kunst des Gesanges, betrachten mit Recht den sogenannten Bravourgesang als eine durchaus nothweudige und nützliche Vorschule für Tonbildung und Tonbehandlung, wie ja .auch die alten Sprachen mit vollem -Neckt zunächst als eine wichtige Geistes-Gymnastik bezeichnet werden, die tüchtig und empfänglich macht für jedes höhere Studium. Werden keinem Künstler, wie begabt er auch sein möge nud welches Instrument er auch spiele, gewisse Studien erspart, so muss also auch jeder Sänger, sei er noch so glücklich beanlagt, ein gewisses Maß technischer Schwierigkeiten vollständig überwunden haben, ehe er an den eigentlichen Vortragsgesang gehen darf. Früher, bei den Italienern, verlieh ein schulgereckter Triller erst dem Sänger die eigentliche höhere Künstlerweihe. Wer ihn nicht hatte, den hielt man nun einmal nicht für einen Sänger. Verstand er im Uebrigen kunstgerecht zu singen, so gab man ihm den Titel: ״kr016880r6 della tllusiea, ins. non eantauts^. — Vier volle Jahre währte bei den alten Singmeistern der Enrsus der Tonbildung, im fünften Jahre erst wurde die Dcclamation vorgenommcn. Heute fängt man wo« Möglich mit der Dcclamation an und das Uebrige wird nebenbei betrieben, wie lange der Gesangseursus überhaupt währt, darüber Derlautet nichts. ,Dramatischer Ausdruck' ist das Schlagwort .des Tages. Man sucht ihn nur zu oft in den schroffsten Gegensähen; das möglichste Forte und das unmöglichste Piano werden ,geboten und — bejubelt. Die vielen feinen Bezeichnungen des Ausdrucks, wie die alten Meister sie unterscheiden, erscheinen überflüssig, so z. B. das calando, mancando, smorzando, morendo, perdendo u. s. w., alle nur Nüancirunzen ein und desselben Begriffes: Hinsterben des Tones. Wie beim Maler das Äbtönen der Farbe die unzähligen Abstufungen von Licht und Schatten erzeugt, so soll auch der Sänger malen und schattiren. Die Tonsprache soll unsere innersten Empflndungen in -edelster Form wiedergeben — das ist Gesang. Aber diese inneren -Empfindungen äußern sich jetzt nicht mehr in jenem seelenvollen vibrato der alten Italiener, dem leisen Beben des wirklichen erregten Gefühles, sondern in der unerträglichsten aller Sänger- Anarten, dem trsmulando. Ein alter hochberühmter Sänger rief einst ungeduldig aus : »Lobt mir nur nichtcken heutigen deutschen -Gesang!' ,Sie toben wie vom bösen Geist getrieben Und uennen's Freude, nennen's Gesang!' Aber Eure Operncomponisten sind Schuld daran, sie wollen micht mehr, dass der Sänger singend spreche, sondern dass er sprechend singe. Die Strafe wird schon kommen. Priesterinnen, wie Jenny Lind und Henriette Sontag, werden nicht wieder .auferstehen und die Genien des Wohllautes, wie׳ eine Patti, Artöt, Nilsson, Mallinger und Andere, werden keine Erbinnen Ihrer Grazie hinterlasfen. Die Kunst des Gesanges wird keine .Kunst mehr sein. Es wird eine Zeit kommen, wo jenes geistvolle Scherzwort Nosfini's in Bezug auf die moderne Musik auf die Sänger Anwendung finden,wird: ,es wäre entsetzlich, wenn .das Gesang wäre, aber zum Glück ist es kein Gesang!' Ein rechter Gesangslehrer wird stets von seinem Schüler werlangen, dass er die geistliche Musik ebenso gut wie die weitliche zu singen, wenigstens zu betonen verstehe, den schweren wie den leichten Vortrag, also die grammatischen, oratoriscken und pathetischen Accente in gleicher Weile zu verwenden wisse. Der Styl des Theaters, der Kirche, des Concsrtiaales soll ihm gleichmäßig, geläufig sein. Früher war dies auch der Fall. Das Recitativo parlando, die veredelte Weise des obligaten Necitativs, das a tsmpo-Necitativ des Arioso wurde auf das sorgfältigste studirt, der geistlichen Arie wie der Bravour-Arie die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet, und nebenbei das Lied in seinen verschiedcnen Formen aufs treueste gepflegt. Wir dagegen fangen schon an, bestimmte Oratoriensängec und Liedersänger, Coloratursänger und dramatische Gluck-, Mozart-, Wagner- und Verdi- Sänger zu unterscheiden, aber leider nicht, weil nach eingehendem' Studium und vollendeter Ausbildung die Individualität eines Sängers ihn darauf hinweist, sondern — weil er möglichst rasch in irgend einer Weise Erfolge zu erlangen wünscht. — Wohin aber sollte es führen, wenn man diese Beschränkung der Studien auf die Spitze treiben wollte? Oder sollen wir uns vielleicht mit besonderen Recilativ-Sängern, Trillerküustlern, Mordent- Sängern, Mezza-Bocisten, Fortisten u. s. w. begnügen?! Wir müssen immer und immer wieder betonen: der Sänger muss eben Alles lernen. Alles studiren, gleichsam ein musikalisches Abiturienten-Examen bestehen, dann erst kann er sich, wie der Schüler einer Hochschule, für ein bestimmtes Fach entscheiden. So lange freilich im Gebiete des Musik-Unterrichts so viele Unberufene die gläubigen und Erfolg-sehnsüchtigen Schüler anlocken und ihnen Dampfausbildungen in Aussicht stellen, ist für einen Aufschwung der Gesangskunst wenig Hoffnung. Ich möchte auf den Anfang meines Buches verweisen: auf die unendliche Wichtigkeit der Wahl eines Gesangslehrers. Louis Ehlert, der geistvolle Musikkritiker, hat neuerdings, trotz der bereits im Jahre 1848 von A. B. Marx vergeblich gemachten Bestrebungen gleicher Art, in einem schönen und warmen Briefe an den preußischen Cultusminister eine staatliche Prüfung aller Musiklehrer als eine absolute Nothwendigkeit betont. Alle musikliebenden Väter und Mütter müßten diese Petition unterschreiben und befürworten. — Sie wird sicher gleich der Schrift von Marx: »lieber Organisation des Musik- Wesens' noch viel von sich reden machen und sicherlich in anderer Form wieder auftreten. Als die Hauptfehler unserer jetzigen angehenden Sänger bezeichnet man die undeutliche Aussprache, den dunkeln Halston und das Tremulando. ,Die undeutliche Aussprache der Sänger', sagt Hauslick, ,ist ein Cardinalfehler, gegen den anzukämpfen man nachgerade müde wird. Es fehlt den Sängern der Oper an jeder Führung, jeder Anleitung. Es fehlt dem Opern-Jnstitut eine Persönlichkeit, die — sei es ein ,Vortragsmeister' oder Capellmcister oder Gesangslehrer —- den einzelnen Sänger regelmäßig unterweist und corrigirt. Jedes Operumitglied singt und spricht, wie es will, es muss schon ein ungewöhnlicher Mißgriff stattflnden, wenn der Capellmcister es wagen soll eine Primadonna oder einen ersten Tenor in dem Vortrage einer Phrase zu corrigiren. Die undeutliche Aussprache wird, da sie die Regel bildet, von dem Publikum wie ein nothwendiges Uebel hingenommen. Mit Unrecht. Eine tüchtige Unterweisung und ein unermüdliches redliches, eifriges Streben deS Sängers vermögen viel gegen diesen Fehler.' Und ich meine, nicht nur gegen diesen, sondern gegen alle Fehler des Gesanges vermag neben der Hilfe eines gewissenhaften Lehrers strenge Selbstkritik und energischer Wille des Sängers das Meiste!

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