Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 41 (5.12.1883)
- Date
- 1883-12-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- S — den, nebst einem freiwilligen Geschenk zur Weiterreise. Zch war hochfroh,׳ denn meine Geldvorräthe -waren ziemlich erschöpft, in jeder Tasche war die Ebbe sichtbar. Sonntag Vormittag ließ mein Baalbos seine Droschke Vorfahren, ich mußte einsteigen und in höchst eigener Person verfrachtete er mich in die K'hila Szerdahely, direct in Kohls- Haus, wo der Chasen Fischele wohnte. Mit Fischele war ich. wie früher ermähnt, schon aus Alt- Tura bekannt und kaum stieg ich aus dem Wagen, stellte mich mein Baalbos auf folgende Art dem Chasen vor: Hier bringe ich Ihnen Ihren neuen Baß! Fischele hatte keine Ahnung, daß ich der Baß sei, von dem ihn schon Freitag der Hühnerjud, der aus Wien gekommen, erzählte. Fischele staunte mich an und als ich ihn mit einer nicht zu verkennenden nachgeahmten grunzenden Saite einen ,guten Tag* zurief, da brach er in ein schallendes Lachen aus und erkannte mich, aus alter vergangener Zeit. Freude über Freude gab es in Fülle. Ich mußte natürlicb sofort in's Zimmer und er stellte mich seiner Frau vor, über die ich wahrhaftig erschrack. Er ein schmächtig kleines Manderl, bartlos, schielend, sie hingegen lang gewachsen, stark und blühend aussehend. Zch mußte ihm erzählen, wieso ich auf die Idee gekommen war, zu ihn als Baß zu gehen. Nach meiner Erzählung, die ich zwar aus Rück׳ sicht der vorgeschrittenen Vormittagsstunde so weit es möglich war, abkürzte, kamen wir überein und ich sollte vorläustg als Baß bei ihm bleiben. Von stxem Gehalt war noch keine Rede, ich erhielt gutes Quartier bei seinem mittlerweile verwitweten Tenorsinger, Hermann Herrenfeld, Kost erhielt ich bei ihm und das ,Telleraufstellen" an Sudes und Chasenes bekam ich als Gratification und vorläustges Honorar! Zch blieb in Schütt-Szerdahely nahezu zwei Monate und wollte zum Wanderstab greifen, aber Fischele vertröstete mich damit, wir werden nach Waizen, über einen Schabbes um vorzubeten fahren, wobei sich mir .etwas mehr Einkommen heraussieht. Ich hatte wahrlich nichts zu versäumen und lebte lustig und guter Dinge, wie als Meschorer, ich nahm das Leben wie es kam, gewann ihm aber n u r die bessere Seite ab. Kummer kannte ich damals nicht! Fischele war ein guter polnischer Chasen und ich als Baß, Herrenfeld als Tenorist und ein Kollsingerl, welches auch ziemlich einzesungen war. setzten uns im Hochsommer des Zahres 1857 auf, und fuhren nach Waitzen zwischen Komorn und Pest gelegen, um den darauffolgenden Samstag vorzubeten! Wir haben alle das unsere gethan, jeder hat seine Pflicht erfüllt und das Ergebniß war glänzend. Wir alle hatten Ehre und das Beste war, wir verdienten ein schönes Sümmchen in klingender, Pardon, in papierner Münze. Sonntag Nachmittags fuhren wir mit dem Dampfer nach Pest. Wir stiegen in Wolf Böhm's Gasthaus in der Königsgasse ad und machten ein wenig Toilette. Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den damals dort beflndlichen Meschorerim und Freunden des Gesanges und Abends mußten wir singen. Singe, wem Gesang gegeben! sagte einmal ein großer Monn. DiesenNath habe ich gewissenhaft befolgt, denn seit meinem achten Lebensjahre bis heule zu meinem siebenundvierzigsten, trotzdem ich längst mehr kein Meschorer bin, singe ich, und weiß Gott, wenn ich das Malheur hätte, 200 Jahre zu leben, werde ich noch immer singen! Wie ich im Eingänge ersuchte, falls sich noch wo welche Personen sinden sollten, die .in meine Erzählung verflochten wurden, dieselben mögen nicht böse über mich sein, so wiederj hole ich auch jetzt beim Abschlüsse meiner Erzählung die Versicherung, falls ich irgend Jemanden durch dieselbe gekränkt hätte, daß es ganz ohne Absicht gewesen sei. Kleine Chronik. Wien. Wie wir von sicherer Quelle erfahren, soll an Stelle des verstorbenen Herrenhausmitgliedes Baron Simon von Winter׳ stein, Herr Baron Albert von Rothschild zum Herrenhausmitgliede ernannt werden. Budapest. Das zwischen dem aus dem Tisza-Eßlarer Processe bekannten Vertheidiger Dr. H e u m an n und dem Sicher-׳ heitscommissär Vay in Nyiregyhazi stattgefundene Säbel-Duell ist zu Gunsten des Dr. Heumann ausgefallen. Dieser blieb unverletzt, während Vay sebr schwer in der Brust verwundet wurde.׳ Die Ursache dieses Zweikampfes war folgende: Dr. Heumann spazierte mit einem angesehenen Manne, Namens K a l l a y, auf der Straße. Da kam Georg Vay hinzu, der den Sieg der Vertheidiger im Tisza-Eßlarer Processe nicht verschmerzen kann und fragte Kallay: ״Wie können Sie sich mit einem solchen Menschen ans der Straße zeigen?" Hierauf ließ ihn Dr. Heumann zum Duell fordern. Georg Vay ist jener Commissär, welcher zwei der jüdischen Angeklagten durch Wasserfolter marterte. Von anderer Seite wird Folgendes berichtet: ״Der für Georg Vay so klägliche Ausgang des Zweikampfes hat überall großes Aufsehen erregt, da man auf ein solches Ende gar nicht gefaßt war. Der Ex-Commissär Vay ist ein Goliath gegen Heumann, der sich hier so heldenmüthig wie König David er* wies. Georg Vay rühmte sich vor dem Duell mit den Worten: ,Ich werde diesen jüdischen Knirps aus Barmherzigkeit nicht tödten, sondern ihm zum ewigen Schaudzeichen mit dem Säbel die Nase abhauen." Die Freunde des Ex-Commissärs lachten übermüthig über diesen ,lustigen" Einfall und meinten scherzend, es werde Trauer in Israel geben. Unter solchem Gerede kam die Stunde des Kampfes heran. Herr Vay griff mit blinder Wnth seinen Gegner an; dieser aber beschränkte sich nur darauf, die Hiebe von sich abzulenken. Heumann wartete die Ermüdung des Gegners ab. Plötzlich trat eine Pause ein: Heumann hatte einen Hieb erhalten, welchen jedoch die Aerzte für unbedeutend erklärten, so daß der Kampf bald wieder ausgenommen wurde. Vay, machte es wieder wie früher, er verlegte sich auf das wüthende Dreinhauen; Heumann währte sich kaltblütig. Endlich, als Vay noch immer mit seinem Sabel nach der Nase des Gegners zielend, den Arm erhob, blieb seine Brust natürlich ungeschützt; diesen Moment benützte Heumann und führte einen kräftigen Hieb gegen des Gegners Brust und das Duell war — entschieden. Dr. Trai 1 ler, ebenfalls vom Tisza-Eßlarer Processe her bekannt, untersuchte die Wunde seines Freundes und erklärte die Verwundung für so schwer, daß eine Fortsetzung des Kampfes nicht zulässig sei. Von anderer Seite wird gemeldet, daß auch Dr. Heumann — wenn zwar nur sebr leicht — verwundet worden sei. Budapest. ,Der Minister des Innern, Ministerpräsident Tis za, hat die Behörden an den Landesgrenzen beauftragt, den aus Galizien oft nach Ungarn kommenden Wunder-Rabbinern den Eintritt nach Ungarn zu verwehren und gegen solche, die schon im Lande sind, mit Ausweisung vorzugehen.. In der Begründung dieses Auftrages wird gesagt, daß die Wunder-Rabbiner den armen Juden Ober-Ungarns viel Geld abnehmen.'