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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-12-05 · Heft 41 (5.12.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 41 (5.12.1883)
Date
1883-12-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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nickt prophetische Begabung und divinatorische Eignung gehört, daß in kleineren Fortfchrittsgemeinden, die das wahre, anfgeklärte Judenthum des Geistes zum öffentlichen Ausdrucke bringen und ihrer freisinnigen Tendenz gemäß darstellen wollen, der bloße Cantor und wenn er auch noch so geschult und musikalisch gebildet ist, noch so stimmungsvoll fungirt. dieser hohen Mkffion nicht gerecht werden wird^). Damit will durchaus nicht gesagt sein, daß der Berns des Cantors nicht ebenfalls ein heiliger sei, jedoch involvirt es eine Trübung und Fälschung der Wahrheit, wenn man überhaupt die Synagoge als einzigen und alleinigen Träger des Judenthums hinstellt 6)וישכח ישראל את עשהו ויק היכלות, dagegen den Rahbiner ignorirt oder nur als nothwendiges Uebel duldet, als Luxusmöbelstück gelten läßt, wie es in so vielen österreichischen Gemeinden leider der Fall ist בהכ׳־נ מותר לעשותו בהמ״ד. Unter Einem sei es mir gestattet, auf einen diesem Thema verwandten Aufsatz in einer früheren Nummer dieses geschätzten Blattes znrückzukommen, und darauf in Kürze pauschalster zu erwidern. Herr Oberlehrer Diamant in Austerlitz, schwärmt und erwärmt sich in auffallender Weise für den altväterischen מנהג des ׳דוכן welche Ceremonie unter den heutigen Verhältnißen in den meisten Gemeinden, gelinde gesagt, einen Anachronismus bildet, und nur dort meines unmaßgeblichen Erachtens noch gewiffermaßcn aus Pietät eine Berechtigung als historische Reminiscenz hätte, wo die Ahroniden auch wirklich an Neligiöfiiät und Würdigkeit ihre Glaubensbrüder überragen, wie es zur Zeit des Tempelbestandes in Jerusalem sein sollte — heutzutage aber, nur in den allerseltensten Fällen vorkömmt. Daher gilt hier das: ממזר ת״ח קדם לכ״ג ע״ה und sollte nach meinem Dafürhalten vom Rabbiner, oder einem Schristgelehrten der Segen gesprochen werden, oder es beim Vortrage der כי כ durch den Vorbeter sein Bewenden haben. Wohl statuirtc der Talmud seinerzeit den Grundsatz: קדשה לשעבר׳ קדשה לשעתא־לעת״ל dock mag dies in anderer Beziehung seine Richtigkeit haben; jedenfalls können wir die Auffassung vom Wiederausbane des Herodianischen Tempels zum Zwecke des Opfercnltus nur als ein Ideal für die Zukunft begreifen, um dadurch wie durch die Hoffnung auf ein selbst-! ständiges Reich, das Nationalgefühl zu beben und zu beleben. ׳ Wer also in gewohnter Träumerei und gedankenloser Schwärmerei sein religiöses Bedürfnis so gere eil hat, und nicht ansteht, diese Idee im Gebete zu verkörpern, der möge darin i Trost und Ermunterung finden — Männer der Bildung und! Duldung werden ihm dies nickt verübeln — sie selbst aber als Vertreter des modernen Zeitgeistes erkennen und erklären 1111־ umwunden, daß solche Ziele und Ideale nicht realisirt werden, ihre Verwirklichung undenkbar ist, demgemäß widerstrebt es ihnen, beim Beten anders zu sprechen, als sie denken. V6ru8. 5) Diesbezüglich verweisen wir auf den Schulchan Aruch. Die damaligen Rabbinen waren doch gewiß nicht weniger eifersüchtig auf ihre Stellung und für das Wohl des Judenthums nicht weniger besorgt, und dennoch heißt es im Schulchan Aruch, daß in kleineren Gemeinden, die nicht beide Beamte erhalten können, vorerst ein Cantor angestellt werden solle. D. Red. b) Wir haben weder die Synagoge noch den Cantor als den einzigen und alleinigen Träger deS Judenrhums, sondern den Cantor als den Träger deS Gottesdienstes hingestellt. Die Red. Erinnerungen an meine MeschorerM. Schluß. , Als ich im Jahre 1859 nach Pest zurückkehrte, schlug ich meine jetzt innehabende Carriere ein, trotzdem ließ ich keine Gelegenheit vorübergehen, mit Chasonim und Meschorerim zu verkehren, denn ich intreffirte mich sehr für den Cantorenftand mit Allem, was drum und dran ist. Im Monate Mai war ich von Wien, an einem Donnerstag, zu Fuß nach Preßburg gegangen. Als ich gegen Schwechat kam, wurde ich von einem Landfuhrwerk, deffen Leiter ,einer von unsere Leute" war, eingeholt. Mein Aeußeres mußte dem armen Menschen großes Mitleid eingcflößt haben, denn er rief mich näher und lud mich ein, mit ihm zu fahren. Da erfuhr ich nun, der gute Mann sei ans Sckütt-Szerdahely und führte allwöchentlich viele hundert Hühner und sonstiges Gestügel nach Wien, auf Samstag jedoch kehre er wieder heim. Als ich mich dann weiter nach den Gemeindeverhältnissen daselbst und nach dem Chafen erkundigte, erfuhr ich, dass in Schütt-Szerdahely Fischele als Chafen sei und dass er einen Baß erwarte. Da kam mir der Gedanke, mich für diesen Baß auszugeben. Der gute Mann war durch diese Eröffnung überglücklich. In Schütt-Somerein verließ ich jedoch Freitag Mittag das Gefährte und marschirte per pedes nach Gelle, ein elendes Dorf. Ich langte gegen 6 Uhr Abends an und kehrte in das einzige Gasthaus, das sich daselbst befand, ein. Ich fragte den Wirth, der Jude war. och ich wohl bei ihn über Schabbes bleiben könne. Da meine Habseligkesten sehr gering waren, wollte derselbe vorerst wissen, wer ich denn eigentlich sei, und als ich ihm sagte, ich bin der neue Baß von Schütr-Szerdahely und so spät Freitag dürfe ich doch in eine so fromme Gemeinde, wie Szerdahely nicht kommen, war der Mann zufrieden. Samstag Früh schickte der Wirth zu den in der Umgebung wohnenden Juden und ließ ihnen die Mitlheiluug machen, sie mögen Vormittags Alle zu ihm kommen, und er glaube wohl ich werde etwas zum Besten geben, oder aber mindestens beim Vormittags-Gottesdienste vorbeten. Die Leute k.imen stimmt Frauen und Kindern und das Facit war. ich mußte vorbeten. Damals waren die Juden dort sehr frommm nach ihrer althergebrachten Weise, das merkte ich sofort, denn jeder Kommende hatte sein Sacktuch um den Leib gebunden und den Talis wie einen Shawl umgewunden. Das Gesicht war glatt barbirt und die Fragmente des Anrums pickten noch fest an den Rändern des rund um das Gesicht stehenden Bartes. Ein Tisch wurde rasch als Betpult improvisirt, ich nahm nach dortiger Sitte den großen, langen, wollenen Tallis über meinen Kopf und fing an, in echt polnischer Weise vorzubeten. Als ich das Sefer ans dem Kleiderfchrank entnommen und das Sch'ma Jisroel laut gesungen halte, und mich zum Leienen stellte, da war ick mit dem Tropp in einemfort auf Kriegsfuß. Mein großes Glück war, daß die Anwesenden entweder meine Fehler nicht merkten, oder mich absichtlich nicht in Verlegenheit bringen wollten. Die Mischeberach's beim Leienen verstand ich meschorerisch zu meinem Vortheile auszunützen. Ob der von mir Aufgerufene wollte oder nicht, ich machte einen tüchtigen Mifcheberach und dis Spende war nur für mich. Ich konnte wohl nicht verlangen, daß die Leute, die so bigottisch und fromm waren, mir gleich auch meinen Obulns in die Hand drücken, aber sie schickten mir Sonntag Früh alle meine Spen-

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