Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 41 (5.12.1883)
- Date
- 1883-12-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch in anderen Fällen geht es dem Cantor noch schlimmer, namentlich, wenn er an Zähren vorgerückt ist.-- Die jüngere Generation kennt ihn gar nicht, oder will ihn nicht kennen und' man ruft ihm zu, wie einst unsere Vorfahren dem Samuel zugerufen: הנה וקנת זשבת .Siehe, du bist alt und krank geworden'/ und er soll in seinen alten Tagen das Bündel schnüren und den Wanderstab ergreifen. — Soll nun unter solchen Umständen der Cantor vor den Vorstand hintreten mit der Bitte, um Unterstützung des Cantorenvereines, oder auch nur um Abonnirung auf das Vereins- Organ? Was wird er da zu hören bekommen? Vielleicht folgendes: ,Wirklich, wir haben kein ander Geld auszugeben! Ein Cantor braucht eine Zeitung? Wozu! Soll er sich lieber Obacht geben auf seine Sach', auf die Gänsefüße! am Roseb chodesch Adar! Eine Chuzpe, ruft ein Anderer vom grünen Tische. — Seit 14 Tagen schacht er schon den dritten Ochsen trefe! Soll er lieber von ״siwcbe scblomim־ lesen, wie eine Cantorenzeilung. Ein Cantor eine Zeitung, ruft ein Dritter. ein schöner ״Tikanto Schabbos‘־' ist mir lieber, wie alle Zeitungen zusammen! — .Entmuthigr wendet sich der Arme, Vielgcplagte an manche vermögliche Gemeiudemitgliedcr, die wobt nicht dem Vorstand angehören, jedoch ein gewisses Renvmmve in der Gemeinde besitzen, auch zuweilen eine ostentative Frömmigkeit zur Schau tragen, und angeblich begeistert für das Judenthum sind. ,Belieben, geehrter Herr, diese Nummer der Cantoren- Zeitung zu lesen, ich bin überzeugt, Sie werden nach gepflogener Lectürc, dieselbe mit Genugihuung aus der Hand legen und das Blatt abonniren/-Nach einigen Tagen kömmt der Supplikant in der freudigen Hoffnung, dem Organe ein neues Abonnement zugesührt zu haben. — Da erhält er auch da eine abschlägige Antwort. — ,Sein fari. — Was hat man davon — bei Concursausschreibungeu wird man wirklich darauf Rücksicht nehmen, daß nur dem Acccptirten die Reisespesen vergütet werden. Uebrigens halte ich zwei politische Zeitungen — sage zwei/ — So geht es überall mit wenigen Ausnahmen! Ich habe wohl etwas grau in grau gemalt, glaube jedoch ein treues Bild entworfen zu haben; gerne gestehen wir es, daß es noch wackere Gemeindevorsteher gibt, die es mit ihrem Amte ernstlich und aufrichtig meinen; aber wie oft wird ihnen dieses schöne und uneigennützige Amt verleidet — gerade durch die oberwähnte Gleichgiltigkeit und so manches biedere Gemeinde- Oberhaupt wird gerne in die Gardinenpredigt seiner Ehehälfte einstimmen. Wozu soll dir das? ,Warum sollst du dich bei jeder Kohlssitzung ärgern? Wenn du von einer Sitzung nach Hause kömmst, mundet dir nie das Nachtmahl. — So lange bist du schon Roschhakohl, soll es jetzt ein Anderer probiren!" Aus dem Angeführten resultirt zweierlei: Erstens der Cantor kann beim besten Willen, den Verein zu unterstützen, seinen Intentionen nicht immer entsprechen, da cs sich bekanntlich nicht gegen den Strom schwimmen läßt. Wichtiger und folgenreicher ist aber das Zweite! Es lautet: Schaart Euch zusammen, haltet fest aneinander, wahrt und fördert die Vereinsintcressen nach möglichen Kräften, denn in ihrem Gedeihen liegt auch das Eurige. Trachtet daher vor Allem, eine Pensionscassa zu errichten, auf daß Euere Theuern, wenn die letzte Stunde schlägt, nicht ganz verlassen bleiben. Austerlitz, am 2. Dezember 1883. Simon Diamant, Oberlehrer. Eingksendet. Nachfolgender Artikel wird uns von einem rabbinischen Mitarbeiter unseres Blattes gewissermaßen als Vertheidigungsschrift der Hohenemser Gemeinde zugesendet. Trotzdem wir nicht der Ansicht des geehrten Einsenders sind, übergeben wir dennoch, um dem Principe, audiatur 6k altera pars, gerecht zu werden, denselben der Oeffentlichkeit, sehen uns jedoch veranlaßt, einige berichtigende Noten hinzuzufügen. Hochgeehrte Red action! Zn Nummer 37 dieses geschätzten Blattes beschäftigt . sich der Leitartikel mit der angeblich zu weit gehenden Reform in der Hohenemser Cultus-Gemeinde, welche aber weniger durch sachliche, als persönliche Gründe bekämpft wird/) 8in6 ira 6t studio betrachtet, kann ich den Sachverhalt insofern richtig stellen, daß die dortige Vorstehung nicht im entferntesten daran dachte, in ibrem Circular an die, um den daselbst erledigten Posten competirenden Rabbiner, irgendwie Herrn ProfessorfSn l z er naheznrrcten,׳) zumal dieses Schriftstück gar nicht zur Beroffentlichun,/) bestimmt war und ausschließlich den Zweck verfolgte, die Bewerber von der in der Gemeinde herrschenden Richtung zu verständigen''). Wenn auch sonst das nomo propheta in pätria Geltung findet, so wird hingegen im Geburtsorte des Herrn Prof. Sulzer, dessen bedeutenden Fähigkeiten und großen Verdiensten um die Hebung der Weihe und Würde des Gottesdienstes, um Regelung und Veredelung des Tempelritns und der liturgischen Melodien vollste Gerechtigkeit zu Theil und verdiente Anerkennung in Wort und Thal gezollt. Doch unbeschadet dessen, steht es der genannten Gemeinde frei, nach ihrem Geschmacke und Gutdünken die Tempelordnung einzurichtcn, und wenn sie es dem geistigen Niveau ihrer durchwegs intelligenten Mitglieder entsprechend sindet, das Hauptgewicht auf Predigt und rationelle Reform durch deutsche Gebete und Lieder zu legen, so kann ihr sicherlich dies Niemand verwehren oder verargen, da ja das N2122 VPV 2D ein allbekannter, allgemein gilliger Grundsatz und das Beten mir Verständnis gewiß die Andacht zu stärken und zu steigern geeignet ist. Ob aber beregre Einrichtung nach Zo!t oder Pbilippsohu den Namen ,Zukunftsmusik" verdient, und anderweitige Nachahmung stnden wird, bleibe für jetzt dahingestellt; soviel kann immerhin als bestimmt vorhergeiagt werden, wozu durchaus 1) Diesen Vorwurf müssen wir mit Entschiedenheit zurückweisen. Trotzdem in dem Rundschreiben der Hohenemser Gemeinde dem Cantorate jede Existenzberechtigung abacsprochen wnrde, haben wir uns in dem angefochtenen Leitartikel die größte Mäßigung auferlegt und die Angriffe in rein sachlicher Weise erwiedert. Die Red. -) Wir haben auch gar nicht behauptet, daß die Gemeinde H. dem Herrn Professor Sulzer nahe treten wollte, sondern beleuchtet, in welcher Weise sie ihn zu ehren glaubte. Die Red. 3) Ob die Absicht bestand, das Circular zu veröffentlichen oder nicht,, ist für uns nicht maßgebend. Wir halten uns nur an die Thatsache, daß dasselbe faktisch in der ״Neuzeit" veröffentlicht wurde. Die Red. ־>) Der Zweck erhellt doch sehr klar aus dem Wortlaute des Circulars. Es heißt daselbst: .Um alles Langweilende, in Folge desien Störung 'Veranlaffende und die Achrung vor dem jüdischen Cultus Gefährdende aus der Synagoge zu entfernen und auch den Synazogencnltus dem Verständnisse der christlichen Bevölkerung, inmitten welcher die Hohenemser^ jüdische Gemeinde geographisch isolirt steht, näher zu bringen, darum ist dem deutschen Worte und Liede beim Gottesdienste viel Raum gegeben. — Darum ist auch das Cantorat mit seinem an die mittelalterliche Judenschule erinnernden Singsang, aber auch mit seinem modernen theatralischen Pomp beseitgt worden." Kann man etiva noch deutlicher reden? Die Red.