Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 40 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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'Gelegenheit ist die Opferwilligkeit der Juden vielfach anerkannt worden und wir, die wir doch ehrliche und strengsittliche Juden sein sollen, sollten hierin zurückstehen? Darum, meine Brüder gewöhnen wir uns Ordnung und Pünktlichkeit an, schon um der Außenwelt Rechnung zu tragen, da doch unser Vereinsorgan sehr verbreitet ist und auch von Nichtcantoren gelesen wird. Mögen wir also, was Raschi erklärt, beherzigen. (2 B-, Cap. 18, V. 6.) צא בגין אשתך ואב אין אתה יוצא בגין אשתך צא בגין בניה Wenn wir schon nicht unseren persönlichen Vortheil darin erblicken, so denken wir an unsere Frauen und Kinder und schließen wir ihren Vortheil nicht aus אב לבנים יודיע• ,Jeder Vater wird es als ein heiliges Vermächtnis seinen Kindern vererben.' (Jesajas 38, 19.) Sollten meine Worte zum Guten etwas beigetragen haben, so wird es gewiß mich und viele Gleichgesinnte erfreuen. Schließlich will ich der Hoffnung Raum geben מי חכם 1יבן אלה נבון וידעם• ,Jeder Kluge und Bescheidene werde meinen Mahnruf nicht übel nehmen und es einleuchtend finden, dass wir durch Vernachlässigung unseres Organes nur die Fahne unseres Bundes entweihen, denn eine Fahne ist das Vereinsorgan, die zu schützen, jedem Einzelnen von uns obliegen muß. Kanitz, im November 1883. Adolf Kohn, Cantor. Erinnerungen an meine MeschorerM. (Fortsetzung.) Eine Zeit lang war ich bei einem kleinen Chasen; d. h. nicht, daß der Chaien klein von Natur gewesen wäre, im Gegentheil, er war sehr lang gewachsen, aber nicht groß im Singen und ganz seinen Leistungen angemessen, war auch die K'hila klein. Dieser arme Mann hatte das grenzenlose Malheur, daß er, so oft er zum singen anfing, stecken blieb, und die Stimme ihm jeden Dienst versagte. So hatten wir dadurch einmal bei einem Hochzeitsschmause einen Cardinalspaß. Als der Chasen nämlich beim ersten Ni86ü6b6raoü wieder stecken geblieben war, sagte der Rabbiner, er wolle etwas erzählen, doch bat er den Chasen im Voraus, sich ja nicht über das, was er eben erzählen wolle, zu beleidigen. In voller Devotion gab mein Chasen dem Herrn Rabbiner die gewünschte Zusicherung, und die um den Tisch Sitzenden drängten sich, so weit es zulässig war, um den Erzähler, denn Alle wußten der Rabbiner wird seine Erzählung humoristisch würzen, da er als solcher bekannt war. Er begann nun folgendermaßen, zum Chasen gewendet: ,Im zweiten Buch Moses heißt es, Go tt erschien dem Moses im brennenden Dornbusch und gab ihm den Auftrag, die Juden aus Egypten zu befreien. Moses fragte nun Gott: Welche Wunder soll ich in Egypten zeigen, damit sie mir glauben, daß Du mich geschickt hast? Darauf fragte ihn Gott: Was hast Du in der Hand? Moses antwortete, einen Stecken! Gott sprach: wirf ihn auf die Erde! Und es ward aus dem Stecken eine Schlange! Da sprach Gott weiter: Nimm die Schlange beim Schwanz! Und sie ward wieder zum Stecken. Nun mein lieber Chasen, Sie sind im Ganzen Sch ...., bleiben Sie immer stecken!' Ueberaus schallendes Gelächter begleitete den Schlußsatz dieser Erzählung und unser Chasen mußte gute Mien-^-zu diesem bitterbösen Spiel machen. Es dürfte den geehrten Leser gewiß interessiren, etwas über den Probevortrag des damaligen Chasen zu hören. Wohl gleicht derselbe mit sehr geringen Unterschieden dem heutigen, wie ein Ei dem andern. Vor 40 Jahren zogen die Chasonim zur Probe, haben die besten Sachen für den Schabes, dem die Probe galt, einstudirt und rechneten auf den besten Erfolg. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, Probevorträge selbst mit in Activität durchzumachen und aber auch vielen solcher Vorträge als Zuhörer beizuwohnen. Als ich noch in Action, d. h. Meschorer war, hatte ich das Unglück, mit einem Chasen nach einer mährischen größeren Gemeinde zum Probevortrage zu wandern. Bei dieser Reise hatten alle Götter sich gegen uns verschworen. Vorerst brach uns auf der Hinreise — wir fuhren auf einem gewöhnlichen Land- oder Bauernwagen — das Rad entzwei und wir entkamen nur mit dem bloßen Schrecken. Als wir hierauf in einem eledenden Dorfe in der Schänke übernachten mußten, da war von Ruhe keine Rede, denn es wurde gesungen, getanzt, und bei einem Bauerntanz in Mäbren, wie es daselbst Sitte und Brauch ist, kann man unmöglich schlafen. Diese Nacht werde ich im Leben nicht vergessen. Der Chasen war ein schwächlicher, magerer Mensch, der Baß ein dicker, unproportionirt gewachsener Mann, denn er war nahezu so dick, als hoch. Dieser Baß hieß ,Schime Worscht'. Alle meine Herren Collegen in Ober-Ungarn werden denselben wohl kennen, und zwar schon aus dem Grunde, weil er als der größte Fresser in Meschorerim-Kreisen — und das will viel sagen — bekannt war. Er hat alle Chasonim buchstäblich aufgefressen. Namentlich die Chasenten hatte jedesmal Schreckenstage zu bestehen, so oft Schime Worscht gekommen war. Aber Schime Worscht aß mit Vergnügen und Behagen, wie selten irgend ein anderes sterbliches Menschenkind. Sonst war dieser Meschorer eine grundehrliche Haut. Ein junger Tenorist von beiläufig 17 Jahren und meine Wenigkeit vervollständigten das Quartett. So ausgerüstet mit Meschorerim, sattsam mit Sachen vorbereitet, daß Alles bis auf's J-Tüpferl in bester Ordnung war, trafen wir Donnerstag in der vorerwähnten K'hila zum Probevortrag für den darauffolgenden Samstag ein. Selbstverständlich war der erste Weg, den der Chasen machte, zum Vorsteher. Damals gab das hinlänglich Stoff zum Meinungsaustausch in einer so alten Gemeinde zwischen Chasen, Kohl, Meschorerim und Baalbatim. Wir wurden, wie beute ein Trupp durchziehender Soldaten, in diversen Herbergen bequartiert und nachdem wir unsere Toilette, so weit es ging, in Ordnung gebracht hatten, wurde die erste Probe, und Nachmittag die Generalprobe abgchalten. Freitag war Rasttag. Ja, damals war es nicht derart wie heule, heute wohnt der angekommeue Cantor im Hotel und womöglich ersten Ranges, damals hingegen mußte der Chasen mit Allem vorlieb nehmen, und wurde bei einem alten Chasen, oder sonst irgendwo beherbergt. Und die Meschorerim! O Du mein Gott, wie es halt gegangen ist. Die armen Leute waren genügsam und verlangten gar so wenig, sie mußten stille Dulder sein, um nicht gleich das eingewurzelte Vorurtyeil hören zu müssen: ,Sehst De, alle Meschorerim sind ases penemer! Derartige häßliche Eigenschäften verdienten wahrlich diese Meschorerim nicht. Es gab schon welche, aber dies waren eben nur die Ausnahmen. Guter Laune waren sie alle, Spässe aller Art faßte der Meschorcr rasch auf, schlagferrig und mit gesundem Verstände ausgerüstet, begabt mit klugem Blick, wie kaum ein zweiter Stand aufzuweisen hatte, und darum, daß sie mehr Verstand hatten und gescheidter als gewöhnliche Leute waren, wurden sie von denjenigen, die dümmer waren, als asus ponim bezeichnet. Ich erlebte eine Scene, die sich in meiner Gegenwart zwischen einem Tenoristen und Vorsteher abspielte, die ich zu verschweigen als eine Sünde halten würde. Vorausgeschickt sei noch, der Vorsteher war ein plumper, gewöhnlicher Kaufmann, ein Geldprotzen, ein Emporkömmling, und darum wählte man