Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 40 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — Um jedoch zu unserem Gegenstände zurückzukebren. wollen wir die spätere Geschichte der Synngogeumusik mir besonderer Rücksicht auf deren Charakter untersuchen. Indem wir mit derjenigen der Scphardnn den Anfang machen, so sei als ziemlich evident vorausgeschickt, daß in Spanien Hebräer schon zu sehr alten Zeiten existirten, da die Meuten dorthin von Egypten und Marvcco gekommen waren. Die längste Zeit waren sie in dem vollen Genüsse civiler und politischer Rechte. Während dieses langen Zusammenlebens mit den Mauren und Christen ist es nicht zu verwundern, daß sie den Mustern, welche sie beständig vor Augen hatten, folgten. Dieser Einfluß, welcher sogar in ihrer religiösen Poesie bemerkbar ist, muß natürlich auch auf ihre Synagogenmusik eingewirkt haben. Dies ist gar nicht auffallend, wenn wir bedenken, daß sogar die Peninsular-Christen den figurenreichen, maurischen Gesang noch'im 13. Jahrhunderte benützten, und daß trotz aller Bemü- Hungen des Alfonso VI. von Castilien der alte, römische, einfache Gesang nicht wieder eingerichtet werden konnte. Daher kommt es, daß wir so viele Lieder von ausgesprochen arabischem Charakter in der Sephardi-Musik finden. Der gezierte und geschmückte Styl der maurischen Kunst kommt in vielen Recilativen des spanischen Ritus zum Ausdrucke. Manche der Sephardischen Arien haben hinwiederum den feierlichen Ton der Kirchenmusik. Jene Melodien, welche von der ganzen Gemeinde gesungen wurden, sind viel einfacher und kürzer als die Necitative und sind im Ganzen sehr dem Texte welchem sie zugeeignet wurden, angepaßt. Beinahe die ganze Musik, welche von den Sephardis benützt wurde, hat ihr Entstehen in der Halbinsel. Eine Sammlung wurde von D. A. Solar im Jahre 1857 veröffentlicht. Die Musik des andern europäischen Ritus, der Eskenasi, hat einen ganz anderen Charakter. Die deutschen Juden betraten Europa meistens durch Italien und die Türkei und haben mühevollere Zeiten durchgemacht, als die spanischen. Daher wurde ihre Musik nicht so sehr durch die ihrer Bedrücker beeinflußt. Ihre Melodien besitzen einen mehr individuellen Charakter, wie wir später sehen werden. Vom 16. Jahrhundert augefangeu, finden wir, daß es bei einem Vorbeter Usus war, zu singen, und zwar in einer übertriebenen Weise. Hiebei war der polnische Styl der vorherrschende. Die Melodien waren damals, wie es noch jetzt in den jlavischen Ländern der Fall ist, zusammengesetzt aus Trillern, unendlichen Rouladen, rapiden Scalcn-Passagen, gegeben in allen Tonlagen der Hymne. Die polnischen Vorsänger besorgten besonders in dieser Art die Ausführung und die Synagogcn anderer Länder ahmten ihrem Beispiele nach. Es scheint, daß der polnische Jude, von seinen Nebenbürgern verfolgt und verachtet, es liebte, sich auf das ungeheure Feld der Einbildung zu werfen. An Festtagen stimmt er seine traditionellen Gesänge an und er schmückt sie ohne irgendwelche Leitung in der Wahl der Ausschmückungen, den Gefühlsregungen des Augenblickes sich hingebend, in der oben angeführten Art als Ersatz für ausdrucksvolle und tiefgefühlte Wörter. Sein Gesang ist ein Spiel der Einbildung, nicht durch kalte Berechnung von früher vorbereitet. Der polnische Vorbeter folgt den Eingebungen seines religiösen Eifers, einem unwiderstehlichen Drange, einer Begeisterung, die er so weit treibt, bis die Regung ihn überwältigt und ihn mit sich davon trägt. Sein Gesang kommt von einem Herzen, welches in heiligen Gefühlen zuckt, und das ist eben, was den Gesang anziehend macht. Er verachtet das ernste und bemessene Benehmen seiner Collegen in anderen Ländern; er vergißt, daß man ihm zuhört und daß die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf ihn concentrit ist. Meistcnthsils besaß der Vorsänger eine Tenorstimme, welche sehr angenehm und sehr prächtig in den hohen Noten klang. Der Vorsinger unternahm oft eine lauge Reise, um seine Studien zu vollenden oder seine Talente zu entfalten. Er war gewöhnlich von einem Sopran und von einem basso profondo begleitet. Sie reisten zu Fuß und in Gegenden, wo keine Juden wohnhaft waren lebten sic von Brod und Milck, damit sie das Gesetz nicht übertreten. Wenn sie in Plätzen, wo Juden lebten, anlangten, wurden sie von denselben immer sehr freundlich empfangen und ihnen erlaubt, den Sabbathdienst zu führen. Kein Mitglied der Gemeinde, und die selbst in sehr entfernten Dörfern wohnenden Mitglieder, vergaßen nicht die Gelegenheit, sie anhören zu kommen, und alle trugen ihr Scbärflein bei, um dieselben zu belohnen. Dieses nomadische Leben führte der Vorsänger bis er eine ihm convenirende Stelle fand. Die Vorsänger waren meistens fromm und in der biblischen, sowie auch talmudischen Gelehrtheit sehr versirt und ihre wissenschaftlichen Besprechungen wurden sehr oft mehr als ihr Gesang geschätzt. Die Meisten von ihnen besaßen nicht die geringste Musikkenntniß. Das Obr allein diente den Assistenten als Leiter, um ihren Führer zu begleiten und eine völlige Harmonie herrschte gewöhnlich unter ihnen. Der Baß pfle te tiefe Noten, oft künstlich modificirt hervorzubringen, um das Fagott oder das Clavier nachzuahmen. Der Tenor (der Vorbcter selbst) und der Soprano durchstreiften die unbeschränkten Regionen der Einbildung und ließen freies Spiel dem Uebermaße ihrer Phantasie. Sie pflegten Läufe und Passagen in Terzen und Sexten oder in Gleichklang auszuführeu. Der Vorsänger pflegte Necitative anzustimmeu, welche er mit zehntausend Verschönerungen überhäufte, entweder allein oder in Begleitung seiner zwei Sänger. Der Gesang war oft besonders brillant und trotz seiner Sonderbarkeit und Unvereinbarkeit verfehlte er nie, die Bewunderung der Andächtigen hervorzucufen. Steinschneider's Bemerkungen über die Vorbeter vor einigen Jahren sind kaum schmeichelhaft zu nennen. Er sagt nämlich: die jetzigen Ausführungen, besonders die der polnischen Sänger, welche so sehr bewundert werden von Personen, welche sich durch dieselben die religiösen Gefühle ihrer Jugendzeit ins Gedächtniß zurückrufen, ein- oder zweimal des Jahres, deren Gefühle entweder durch Nachlässigkeit oder den mechanischen Besuch des Gotteshauses erstorben sind, werden durch eine Art Necitative charakterisirr, die so wenig Bezug auf das Musikmaß hat, daß es diealten Melodien verdirbt Diese Sänger berücksichtigten so wenig die Einfachheit der Musik, daß ihre Ausschmückungen sogar die Bravuren der italenischen Opernsänger oder die Leistungen moderner Pianisten übertrifft, ohne auf die Ungleichheit zwischen ihnen und ihren Mitsängern zu denken. (Fortsetzung folgt.) Die Pflege der Mufik der den alten Hebräern. (Schluß.) Die bei allen damaligen Völkern gewöhnliche Kleidung der Priester in feiner Leinwand, war auch die Tracht der Priester und Tonkünstler bei den Hebräern, doch mit dem Unterschiede, daß die Leinwand der Musiker weiß und ungefärbt blieb, die Priester aber roth oder blau einhergingen. Die weiße Farbe wurde für die Farbe der Unschuld und Reinigkeit gehalten. Die heilige Schrift läßt die Engel in langen weißen Kleidern vor den Menschen erscheinen; bei dem Gottesdienst der Juno und