Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 40 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3452915-3452955--0811-3454885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
— 2 — die Oeffentlichkeit trugen, da ging eine Umwälzung am Cantorenhorizonte vor sich. Alles erwachte aus dem langen Winterschlafe und blickte munter in die Welt. Brüderlich reichten wir uns die Hände, um in gemeinsamer Arbeit unseren Stand in den eigenen Augen und in den Augen der ganzen Welt zu heben. Wir waren freudig überrascht von der großen Summe von Geist und Intelligenz, die wir bei unseren Standesgenossen vorfanden und hegten die feste. Zuversicht, wenn diese all' ihr Können für den Verein cinsetzen, wenn sie das Wirken des Vorstandes einmüthig unterstützen, dann müssen wir bald an unserem Ziele angelangt sein. Was lehrte aber die Folge? Bei kleinlichen Dingen und persönlichen Reibungen führte Jeder das große Wort, wo es aber galt, für das Vereinsinteresse zu wirken, für das materielle Erstarken desselben zu handeln, da blieb Alles ferne. Jndisferentismus machte sich allerorts breit, Apathie und Gleichgiltigkeit riss ein. Wir aber glauben cs unserem Stande schuldig zu sein, alte die Säumigen an die Erfüllung ihrer Psticht zu mahnen, und so rufen wir Ihnen zu wiederholten Malen zu: ״Es möge Niemand glauben, daß er seiner Pflicht dem Vereine gegenüber entsprochen, wenn er seinen statutarisch festgesetzten Beitrag entrichtet, es wäre dies ein sehr gefährlicher Jrrthum. Jeder trachte auch auf andere Weise für den Verein zu wirken, die Gemeinden und ihre Mitglieder, die doch auch ein Interesse daran haben sollten, für die Zukunft ihrer Beamter: möglichst vorzusorgen, an ihre Schuldigkeit zu mahnen. In dieser Wirksamkeit dünke sich Keiner zu hoch, Keiner zu gering. Niemand darf sich hievon ausschließen, er erfüllt hiemit nur eine heilige Psticht gegen seine Collegen, gegen sich selbst und seine Familie; denn kein Mensch weiß, was der kommende Tag in seinem Schoße birgt." Geschichte und Charakter -er Synagogen- Musik. Eine Schrift des Herrn Franzis L. Cohen, gelesen vor der Jews Literary Society, 4. Februar 1883. IV. Von den frühesten Zeiten her, haben fromme Leute gegen die Mißbräuche der unwissenden Chasanim und Sänger protestirt, welche ihre eigene Musik auf Kosten wahrer Frömmigkeit und Ergebenheit stellten. Schon in dem 12. und 13. Jahrhundert sehen wir dieselben starken Angriffen von Seite satyrischer Poeten ausgesetzt, Charisi, Jbn Sabara und Immanuel aus Nom, welche, wie Strohschneider sagt, aüe Autoritäten anführen, für die physikalische Verbindung zwischen einer angenehmen Stimme und einemleeren Schädel. Immanuel in seinem geistreichen ,Mahbereth", legt diese Worte in den Mund eines mit sich selbst zufriedenen Chasän: ״Was mich anbelangt, wenn ich das Keduschah oder Jozer oder Keroba gebe, oder wenn ich am Versöhnungstage bete, oder die Megillah am Purim lese, oder En Komocho an Feiertagen bete, oder einen Psalm recitire, so benütze ich das mächtigste Zittern, das ich meiner Stimme verleihen kann. Und wenn ich am Sabbath-Chason die Hapbtora lese, oder die Liimolb, oder die traurigen Sachen in Jeremiah, können Sie jedes Auge in Thränen und jede Zunge zum Stillschweigen gebracht sehen. Wenn mir Jemand, mein Herr, sein Haus und sein Eigenthum für meine Stimme geben würde; würde ich mit ihm nicht wechseln, aber auch meine Stimme nicht verändern', j Manche Poeten singen ihre Hymnen mit denselben Lauten an, s wie die ursprünglichen spanischen Wörter zum Liede מרומי על מה s anstatt ״mudrame mi alma“, oder נורה ÜV für ״senora"; aber dieser Gebrauch wurde immer getadelt. Einige jüdische Schreiber studirten Musik. Judah Mus« cato (gest. 1090) bespricht die sinnlichen Wirkungen des Phrygischen, Lydiscben und Dorischen Weisen. Wir müssen deshalb nicht überral'cht sein, Spuren des gregorianischen einfachen Gesanges in der Synagogenmusik zu finden. Sein Zögling, Abraham Porta Leone in seinem 8״obi1t6 Haggibborim“ zeigt eine große Familiarität mit musikalischen Sachen. Nach ihm ist Leone di Modcna des Erwähnens werth, da er den Charakter der Melodien de Nossis vertheidigte. Einer der hervorragendsten Personen in der Geschichte der jüdischen Musik, ist Salomon de Rossi, geboren zu Mantua im Jahre 1570 Er schrieb viele Madrigale, Canzonetten und Sonaten für das Clavier, aber für uns liegt das Hauptinteresse in seinem ״Schirim ascher TSchlomo" (Gesänge Salomons). zuerst von Bragadini zu Venedig, 1623 gedruckt. Nach R. Judah Arie zu Modena, war de Nossi ein ausgezeichnetec Musiker und Gesangprofefsor am herzoglichen Hofe zu Mantua. Er war seiner Religion sehr anhänglich und von Christen und Juden geschätzt. Er schrieb 28 Stücke für vier, fünf und sechs Stimmen (Baß, Tenor, Alt) und alle diese gediegenen Musikwerke wurden sehr gut ausgenommen. De Nossi wünschte sehr die religiöse Musik feines Volkes zu erneuern. Daß er seine Arbeit zu einer Zeit veröffentlichte, wo die italienischen Juden so sehr den Verfolgungen ausgesetzt waren, ist ein Zeichen seines moralischen Muthes. sowie auch, wie beliebt und sicher er sich bei Hofe fühlte. Nebst seiner Musik findet sich noch eine Schaale Utesschubah zwischen vier berühmten Rabbis, welche mit Autorität entschieden, daß die Einführung des Singens (vocal musie) nicht den talmudischen Regeln ent« gegen sei, sondern, daß es im Gegentheil, ein gutes, nützliches und würdiges Werk ist, dessen Wirkung und Zweck es sein soll, aus der Liturgie gemeine und leichtfertige Arien zu entfernen und den Gemeindemitgliedern einen Geschmack für gute heilige Musik beizubringen. Dieser Beschluß endigte 'mit einem Anathema (Oberem) gegen Alle, die sich gegen diesem rabbinischen Beschluß -auflehnen, oder die Gesänge De Rossi's fälschen würden. Es war lange, bevor sich ein anderer Musiker erhob, um die begonnene Arbeir Ee Rossi's weitcrzusühren. Es ist höchst interessant zu lesen, wie Josef Nördlingen im Jahre 1630 die Juden von Frankfurr sehr ernsthaft tadelte, weil sie ihren Töchtern Klavier zu lernen erlaubten. Seine Eiliwenduug scheint jedoch nicht viel Wirkung bervorgebracht zu haben. Sein Enkel Joses Koschmann gibt -uns manche interesfante Einzelheiten über Chafonus und bezieht sich auch in denselben auf die Ausführungen der Gesänge Raphael Meldola- Die .hebräischen Melodien', für welche Lord Byrons Worte geschrieben wurden, sind von Nathan im Jahre 1829 veröffentlicht worden.