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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-11-19 · Heft 39 (19.11.1883) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 39 (19.11.1883)
Date
1883-11-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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wacker die üblichen tactgem äßen Accorde milstimmten. Was wollte jedoch einmal der böse Zufall? — Eines schönen Jom-״ Kipurs zu Schacharis stand Reb Jaakow beim Betpult im Weißen Kittel, den Talis über den Kopf, und betete vor. Die andächtigen Zuhörer kannten mehr oder weniger die Piecen, die da kommen sollten, denn sie wiederholten sich alljährlich: Alles ging ganz glatt ab bis zum verhängnißvollen Momente, da der Imru lelohim an die Reihe kam. .Reb-Jaakow begann mit dem vorschriftsmäßigen Minjone und hätte im zweiten Satze die Polonais beginnen sollen; alle Welt lauschte, aber unser Reb Jaakow konnte sich des Anfangs nicht entsinnen. Der Angstschweiß stand in erbsengroßen Perlen gleich auf Gesicht und Stirne. Das Publikum konnte man jedoch nicht warten lassen, und eine große Kunstpause durfte nicht entstehen. So stiess denn der arme Mann wie es eben ging, einen Satz nach dem andern hervor und wir Meschorerim machten gar keine Miene, ihm aus dieser Verlegenheit zu helfen. Ich stand als Kolsingerl zwei Treppen höher als die Andern, unmittelbar neben Reb Jaakow und barte große Mühe, mich des Lachens zu enthalten. Nun war mir der Spaß denn doch schon zu toll, und beim vorletzten Satze, .fing ich mein Soli an, das ich eigentlich im dritten Satze nach dem Anfänge hätte singen sollen? Wie eine Zentnerlast fiel es dem. armen Menschen vom gedrängten und gedrückten Herzen. Was half es aber? — Er hätte für sein Leben den Polonais recapituliren wollen, aber kaum gefunden, hatte er sie auch schon wieder verloren, denn er mußte doch regelrecht im Minjone schließen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Wie alljährlich zu Martini hat auch Heuer Sein" Majestät der Kaiser eine Deputation des Preßburger israelitischen Cultusgemeindevorstandes in Audienz empfangen, welche einem alten Brauche gemäß, zehn ,Martinis-Gänse in der kaiserlichen Kammer abgegeben hat; vier davon sind für den Kaiser, zwei für die Kaiserin und je zwei für den Kronprinzen Rudolf und für die Kronprinzessin Stefaniebestimmt. Stöcker aögeölitzt. Vor einiger Zeit wurde in mehreren Blättern mitgetheilt, daß der viclberusene Berliner Hofprediger aus Anlaß der Lutherfeier,, nach London zu gehen beabsichtigte, um dort das ,wahrhafte Echristenthum' nach Stöcker'scher Facon zu predigen. Die Freunde des Herrn Hofpredigers hatten für diese Gastrolle die leihweise Ueberlassung des vornehmsten Saales in London, den Rathhaussaal nämlich, vom Bürgermeister erwirkt. Kaum war aber diese Gefälligkeit des Lordmayors in London ruchbar geworden, als auch schon an allen Ecken und Enden ein solcher Sturm der Entrüstung losbrach, daß er sich schließlich genöthigt sah, die ckVewillung zurückzunehmen, und thut er dies mit folgender, für den Mucker auf Gastrollen nicht sehr schmeichelhaften, öffentlichen Erklärung: ״Als ich die Bewilligung für die Versammlung in Mansion House ertheilte, glaubte ich, dieselbe hinge mit der Lmherfeier zusammen, welche unter dem Protectorate des Lord Shaftesbury veranstaltet werden sollte. Ich erfahre jedoch, daß der Hauptredner in derselben ein gewisser Stöcker, das Haupt der Antisemitcn Berlins ist und von den Juden als der Haupthetzer Deutschlands angesehen wird. Unter diesen Umständen muß ich die Bewilligung des Mansion House sür die Versammlung widerusen, da Stöcker ein Mensch ist, welchem kein Lordmayor ‘ in Mansion House zu sprechen erlauben würde. Die Juden Londons gehören mit zu unseren geachtetsten Mitbürgern und ein Lordmayor kann ihre Gefühle gegen solche religiöse Hetzereien nicht unbeachtet lasten, ich aber am allerwenigsten, da ich. diese Hetzereien immer verdammt habe. Fo w ler, Lordmayor von. London." Aus Wumänieu. Als ein Beispiel rumänischer Zustände wird der Berliner ,jüdischen Presse' Folgendes mitgetheilt: Vor Kurzem verklagte ein christlicher Advocat den Juden Moreno in Rimnik- Sarat wegen 60 Francs und die Eidesleistung wurde gerade auf Samstag. bestimmt, obwohl man wußte, daß ohne den Rabbiner der Schwur nicht stattfinden kann und dieser am Samstag nicht zum Gericht gehen wird. Während nun der Rabbiner am bestimmten Samstag in der Synagoge betete, erschienen in derselben zwei Gerichtsdieuer mit der Vorladung und forderten ihn auf, sogleich mit ihnen zu gehen und vor allem Len Empfang der Vorladung schriftlich zu bestätigen. Der Rabbiner erwiederte: ,Heute ist Samstag, wie ihr seht, halte ich soeben den Gottesdienst ab und als Israelit darf ich den Sabbat nicht entheiligen'. Als die Gerichtsdiener die Vorladung zurückforderten, wies der Rabbiner auf die in der Synagoge anwesenden Hunderte von Personen hin, welche Zeugen des Empfanges seien : Die Diener möchten dem Richter melden, er, das religiöse Oberhaupt der Gemeinde, könne die Eidesleistung eines Israeliten am Samstag nicht zulasten und betrachte einen solchen Eid als null -und nichtig. Die Gerichtsdiener erwiderten hierauf, der Rabbiner solle sich in Acht nehmen, er werde eine hohe Strassumme zahlen müssen. Richtig verurtheilte der Richter den Rabbiner wegen seines Nichterscheinens zu hundert - Francs Geldstrafe! Ans Gonstantinopek wird dem .Wiener Israelit" über die Beschneidung der kaiserlichen Prinzen, welche dieser Tage daselbst stattfand, Folgendes berichtet: Alle Staatsgebäude, Kasernen us. w. waren glänzend illuminirt, um dem Volke auf diese Weise die stattsindende feierliche Ceremonie der Beschneidung der kaiserlichen Prinzen anzukündigen, deren Namen folgende sind: Mehemed Selim Efendi׳ Abdul Medschid Efendi, Mehemed Seif Ed-din Efendi, Mehemed Zuad-din Efendi (Sohn des früheren Sultans Abdul Aziz) und endlich Ibrahim Tcwsik Efendi, Bruder Sr. Majestät des Sultans. Der Sultan ließ öffentlich bekannt machen, dass an diesem Tage an Allen ans dem Volke die Beschneidung vollzogen werden kann, und dass die mit dieser Cerenomie verbundenen Spesen aus der kaiserlichen Privatcaffe bestriten werden. Diese Gelegenheit benützten sebr viele Mohamedancr, sogar Leute höheren Alters, die bisher die mit Spesen verbundene Beschneidung wegen Geldmangels an sich nicht vollziehen ließen. Auf diese Weise erreichte die Zahl der zu Beschneidenden viertausend. Der Sultan erließ zu dieser Ceremonie Einladungen an Persönlichkeiten hohen Ranges,-damit sie dem feierlichen Acte beiwohnen. Dieser Act hat um 4 Uhr 25 Minuten Morgens (nach türkischer Zeitrechnung) statlgefunden. Der Ceremonie folgte ein Galadiner, an welchem 245 geladene Persönlichkeiten, Hauptsächlich vom Personale des Scheik-Ul-Jslam theilnamen. Seine Majestät der Sultan führte bei diesem Festmahle den Vorsitz im Prachtsaale. Am nächsten Tage kam die Reihe an die zu Beschneidenden aus der Aristokratie und dann aus dem Volke. Während der Vollziehung dieses Actes spielten alle kaiserlichen Mnsikcapellen die schönsten und lustigsten Stücke. Der Sultan beschenkte ärmere Knaben mit je einem Anzug und einem Gold- oder Silberstücke, nachdem an ihnen der religiöse Act vollzogen worden war. —

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