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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-11-19 · Heft 39 (19.11.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 39 (19.11.1883)
Date
1883-11-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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alten Melodien, welche unverändert bleiben sollen. Gegen das Ende des 13. Jahrhunderts zählte ein französischer Rabbi (Nathan) eine angenehme Stimme und artistische Gabe des Stückes zu den Hauptekgenschaften eines tüchtigen Chasan (Precentor). Zu dieser Zeit hören wir zuerst von Meschorerim, die Vrahonen von unseren Kirchensängern, welche dem Cbasan halsen, und besonders an den Festtagen. Der berühmte Rabbi und Chasan, Jacob ^evi aus Mainz (bekannt als derMahari^, welcher im Jahre 1427 starb, hat den Credit, der erste zu sein, welcher die Ordnung der Liturgie festsetzte und bestimmte. Es ist ans den Minhagim, herauszegeben von einem seiner Schüler, ersichtlich, daß die verschiedenen Gemeinden besondere Gesänge batten, welche mündlich zu den Nachfolgern übergingen. Hier finden wir auch die Regel, die gewohnten Melodien nicht zu ändern, und es wird von einem gewissen Chasan erzählt, welcher einst in Natibor den Gottesdienst mit Melodien, welche in Oesterreich in Gebrauch waren, versah. — Eine andere Anecdote in diesem Werke gibt uns eine Idee, in welcher Verehrung liturgische Melodien damals gehalten wurden. Ein Chasan von Ratibor, welcher einfach die Kadisch am Neujahrstage hersagte, anstatt ihn zu singen, wurde dafür mit dem Tode seiner Tochter bestraft. — / Nach Jung kann die Verdopplung der Worte in dem Manuskripte, nur auf die Wiederholung jener Worte im Gesänge Bezug haben. Sowohl in deutschen wie auch in spanischen Ritualen stnden wir Hymnen und Gebete, welche bezeichnet sind, daß sie nach der Arie irgend eines wohlbekannten Liedes gesungen werden sollen. In den Avignon und Carpentaas Ritualien beläuft sich die Anzahl dieser Hymne-Arien aus ungefähr 150. In einigen Manuskripten und sogar in alten gedruckten Auflagen kann man ein anderes Lied entdecken in der Mitte einer Hymne. Sogar vor 450 Jahren erfahren wir, daß viele Melodien schon in Vergessenheit gerathen waren und einige Pijutim ganz ausgelassen wurden. Daß dieselbe melodische Phrase durch oen ganzen Dienst, wie es jetzt geschieht, gebraucht wurde, ist deutlich aus der Construction vieler Theile des 170261׳, Maarib, Selichoth 2c. zu ersehen. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen an meine MeschorerM. (Fortsetzung.) Den nächsten Purim hatten wir einen anderen Baß, Namens Awner Jacvbsohn, er war aus Hegyalja in Ungarn und aus .der Schule von Hirsch Leb hervorgegangen. Hirsch Leb, der damals in Paks Chasen war, sang das Polnische im modernen Sinne, verstand aber auch das Zusammensingen sehr gut, und darum nahm man seine entlassenen Meschorerim recht gerne auf. Awner war ein vielgeplagter Mann, denn er hatte so manche fixe Ideen. Er las mit Vorliebe das neue Testament und jedem christlichen Theologen hätte es alle Ehre gemacht, mit derartigem Fleiße das neue Testament und die heiligen Evangelien zu studiren. Eine andere Eigenthümlichkeit dieses Mannes war es, niemals ohne einer^ großen Kleiderbürste, die er im rückwärtigen Sacke seines Rockes stecken hatte, auf die Gasse zu treten. So oft er unwillkürlich mit Jemandem in Berührung gekommen, nahm er die Bürste aus dem Sacke und putzte seinen schon stark abgeschabten Nock ab. Mit besonderer Vorliebe sammelte Awner auch die kupfernen Vierkreuzerstücke, die damals in Circulation kamen und hätte lieber gehungert, als eines von seiner treuen und lieben .Heerde wieder auszugeben. In den Erholungspausen seines ^Studiums, die doch sehr kärglich zugemefsen waren, überzählte er sie immer mit solcher Selbstbefriedigung, wie der Caspari die goldenen Münzen in den Glocken von Corneville. Derartige Menschen in den Reihen der Meschorerim zu finden, gehörte wohl nicht zu den Seltenheiten. Gelegentlich eines Besuches in Verbo, woselbst damals ,Awrom Chasen* war, lernte ich ein kleines, schwarzes Bassetl, Namens Schmule Aegypt, kennen. Derselbe war ungefähr 30 bis 32 Jahre alt, kleidete sich immer nach neuester Mode und lebte in der Einbildung, ein großer Liedersänger zu fein, trotzdem er von deutschen Liedern blos eines, der Waldstrom benannt, sang- Damals ließ es sich noch leidlich anhören. Als ich ihn jedoch vor zwei Jahren hier denselben Waldstrom singen hörte, ach! wie düster schaurig klangen die hohlen Töne! Schmule war ein alter Mann geworden und hat es leider so weit gebracht, dass er mit seiner ״Begleiterin*, der Quitarre, von Ort zu Ort ziehen mußte in Wirihs- und Kaffeehäusern gegen ,Sammeln' spielte. Leider wollten die damaligen Meschorerim in den seltensten Fällen irgend etwas lernen, und Schmule Aegypt war einer derjenigen, die viel zu wissen glaubten. Aus seinem Schicksale mögen die heutigen Meschorerim die weife Lehre ziehen, ihre Mußestunden einem nützlichen Zwecke zu widmen, und sei er welcher immer, sie werden hingegen davor geschützt sein, in ihren alten Tagen Nachfolger Schmule Aegypts zu werden. In Waag-Neustadtl mußten wir, wie es auch zu jener Zeit in allen anderen ungarischen Gemeinden Sitte war, in die Häuser gehen, um Chanuka und Purim zu machen. An dieser althergebrachten Gewohnheit, welche nebst dem Telleraufstellen bei Beschneidungen und Hochzeiten die Emolumente der damaligen Meschorerim bildeten, dürfte heute kaum mehr in einer Gemeinde festgehalten werden. Bei dieser Gelegenheit pflegte gewöhnlich der Bassist das große Wort zu führen, doch er that dies in einer solchen Weise und wiederholte sich alljährlich in seinen langweiligen Ausführungen derart, daß sowohl wir als auch die Baalbalim schon im Vorhinein wußten, was der Mann Vorbringen werde. So oft wir nämlich bei einem Baalbos in's Zimmer getreten waren, begann er von den Erlebnissen seiner Vorfahren zu erzählen und schloß von der Bedeutung dieser auch auf die Größe seiner, wohl noch nicht existirenden Nachkommen. Wäre dies immer so fort nach seinem Geschmacke gegangen und hätte sich unser Tenorist, Herr M. Grünzweig, ein Muster eines guten Collegen und wackeren Meschorers, sich im Namen Aller nicht so energisch gegen die allzugroße Redseligkeit des Bassisten verwahrt, ich glaube, wir stünden heute noch dort und wären noch nicht zum Singen gekommen. In Neustadt! lebte damals ein alter, hochachtbarer, Baalbos, Namens Reb Jakow Engelsmann, dem durch fast fünfzig Jahre bereits allemal die hohe Ehre zu Theil wurde, am Versöhnungstage Schacharis vorzubeten. Am ersten Tage des Monates Elul lud er alljährlich die Meschorerim zu sich, um ,onzulernen." Wir folgten gerne seiner Einladung und kamen zur gehörigen Stunde zu ihm in die Wohnung, da wir regelmäßig mit einer guten Jause traetirt wurden. Spotten ließ sich der Mann nicht, er war leutselig, gastfreundlich und honett. Dafür haben wir ihm aber auch ordentlich zugehalten und sowohl er wie wir, waren höchst zufrieden. Mit besonders großer Vorliebe pflegte er den Meehalkel-Chajim. und Imru lelohim stundenlang zu probiren, obzwar wir als eingefleischte alte Meschorerim diese Kleinigkeiten im wahren Sinne auswendig kannten, aber j ihm, dem alten Manne, machte es namenlose Freude, so oft die Melodien des Inan lelohim, eine Polonaise sang und wir recht

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