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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-11-11 · Heft 38 (11.11.1883) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 38 (11.11.1883)
Date
1883-11-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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- S — ohne daß er es merkte, das Rockfutter auf. Die Taschen seines Rockes waren nämlich herausgeschnitten und die ganzen Schöße bildeten einen großen Sack, in welchem er die auf unsere Kosten aunexirten Backwerke verschwinden ließ. Ich hielt nun meine Hand unter die von mir gemachte Oeffnung und so oft er neuen Vorrath in seinen Nock schob, fing ich denselben auf. Meine College«, welche dieses Manöver merkten, konnten sich des Lachens kaum enthalten, doch sie hielten standbaft aus und zeigten sich heute besonders liebenswürdig gegen den Alten, indem sie, so oft ein frischer Teller mit Backwcrk auf den Tisch gestellt wurde, denselben in seine Nähe rückten. Endlich gegen Schluß der Mahlzeit hob der Alte den einen Rockflügel, der über die Sitzbank hinuntergehangen war, iu die Höhe, um an dem Gewichte die Größe des Quantums zu bemessen. Nach seiner Berechnung mußte für heute schon genügend Proviant darin enthalten sein. Doch wie enttäuscht wurde er, als der Rockschoß sich so leicht emporziehen ließ und der Sack vollkommen leer war. Als wir das verdutzt dareinschauende Gesicht sahen, brachen wir Alle in ein homerisches Gelächter aus, in welches bald die ganze Tafelrunde nach Aufklärung des Sachverhaltes mit einsiel. Der Melamed aber schwor sich nie mehr neben einem Meschorer zu.setzen. Am anderen Tage hatten wir in der kleinen Vorstadt Modlenitz eine Sude und der Alte war wieder da, aber er wartete absichtlich, bis wir Meschorerim Plan genommen hatten, dann setzte er sich uns vis-a-vis und trieb bald dasselbe Manöver wie am vorhergehenden Tage, nur mit dem Unterschiede, daß der alte Schlaumeyer den Nockflügel, der die Bobes enthielt, neben sich aus die Bank legte. Aber ich hatte den festen Vorsatz gefaßt, die durch die Manipulation des Melamed befleckre Ehre unseres Standes vollkommen rein zu waschen und sann auf ein neues Mittel. Bald wares auch gefunden. Bevor wir uns von den Sitzen erhoben — der Alte harte während der ganzen Mahlzeit siegesbewußt und spöttelnd zu mir hinübergeblickt, denn auf die Art. wie gestern, konnte ich mir die Bobes nicht verschaffen — da schlich ich mich von rückwärts zu ihm hin und goß ein volles Glas Wasser in die berüchtigte Tasche, stellte das leere Glas an seinen Platz, schlich nochmals in die Nähe des Alten, und als läge der Nocksiügel nur zu dem Zwecke ans der Bank, damit Jedermann, der sich hinsetzle, weicher säße, setzte ich mich mit ganzer Wucht auf den Rock! Denke Dir nun. lieber Leser, den Ingrimm des Allen! Kelatschen, Zwarkkucken, Powidl- und Zimmlkuchen re. 2c. hatte er in den Rock gesteckt; auf das Alles goß ich Las Wasser, setzte mich darauf und baumelte von links nach rechts in perpentikulärer Richtung eine Zeillang und knciete so den ganzen Inhalt durcheinander, bis ich den teigartigen Brei darin spürte. Der Alte wollte mich um jeden Preis wegbringen, die zunächst Umsitzcnden bemerkten jedoch, was ich mit ihm vorhatte und knüpften immer wieder ein anderes Gespräch an. Ich plauderte mir dem nächsten Nachbar, bis cs mir genug schien, dann stand ich auf und ging meiner Wege. Als wir jedoch ans dem Heimwege ans der Modlenitz waren, begegneten wir unserem Melamed, bittere Thränen vergießend. Äufgefordert von unserem Bassisten, Herrn Löwenthal, warum er weine, vermochte der arme Mensch kein Wort vor Schluchzen und Herzweh hervorzubringen. Mir!hat es sehr leid, einen allen Mann gekränkt zu haben, ich bar ihn deswegen um Verzeihung, er mußte jedoch uns das feierliche Versprechen geben, daß er nie mehr auf Sudes Backwerke in die Tasche stecken werde, hingegen entschädigten wir ihn damit, daß jeder von uns Meschorerim dem Manne 1 bis 2 Stück Bobes freiwillig schenkte, und diese mußte er vor sich auf dem Tische, wo er gesessen, ruhig liegen lassen, bis wir weggegangen waren. So haben wir ihm das Annexiren abgewöhnt, und wir kamen beim Publikum nickt umsonst in Verdacht. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien.. Der verehrte Präses des österr.-ungar. Cantoren- Vereines, Herr Obercantor Josef Singer, hatte aus Anlaßder glücklichen Entbindung Ihrer kaiserlichen Hoheit, der Durchlauchtigsten Frau Kronprinzessin Stefanie, eine Festhymne componirt und dieselbe dem Kronprinzenpaare ehrfurchtsvoll gewidmet. Im Laufe der vorigen Woche wurde dem Obercantor Singer vom Obersthofmcisteramte des Kronprinzen folgendes Dank- und Anerkennungsschreiben zugesandt: ״An Seiner Wohlgeboren Herrn Josef Singer, Obercantor der israelitischen Cultusgemcinde in Wien rc. rr. Seine kaiserliche und königliche Hoheit, der Durchlauchtigste Kronpriltz baden mit Wohlgefallen die Höchstdemselben. ans Anlaß der Geburt der Durchlauchtigsten Erzherzogin Elisabeth gewidmete Festhymne entgegenzunehmen und zu bewilligen geruht, daß aus dem Titelblatts die WidmungSanuahme ersichtlich gemacht werdeu köune. Zugleich haben Seine kaiserliche Hoheit anbesohlen, Euer Wohlgeboren für diese loyale Kundgebung treuer Anhänglichkeit an das Allerhöchste Kaiserhaus Höchstseine dankende Anerkennung auszusprechen.' . L axenb n rg, am 2. November 1883. B v m b e l l e s. Die Annahme dieser Widmung und die Würdigung derselben von Seite des Kronprinzen gereicht nicht nur dem Com^ ponisten, sondern auch dem ganzen Cantorenstande zur höchsten Ehre und wir können unseren wackeren College» Singer, der während der kurzen Zeit seiner hiesigen Amtswirksamkeit schon so bedeutende Erfolge errungen hat, gewiss anf's Herzlichste beglück wünschen. Wien. .Ai o 111 e f i 0 r c i n Wien!" Diese drei Worte gingen diese Woche in einem Theilc der Residenzstadt von Mund׳ zu Mund, bis man sich endlich vom Zrrthum überzeugt hatte. In einem Kaffeebause der inneren Stadt saß nämlich ein alter Herr, der zufällig einen hohen Hemdkragen trägt und dessen Gesichtszüge wirklich an den edlen Sir erinnern. Der alte Herr hatte seinen Kaffee getrunken und nahm eben ein Zeitnngsblatk zur Hand, als er sich von sämmtlichen Gästen umgeben sab. Einer der Gäste harte nämlich die Bebauplnng ausgestellt: ,dort sitzt Monlefiore!* rasch standen alle aus, um dem vielgenannten' Menschenfreunde.ihre Verehrung zu bezeugen. Dock der Greis, ein echter Wiener, rief unwillig: ,Wirds denn ka Ruh geben? Kann man hier net ruhig an Kaffee nehmen?" Verblüfft liefen die Angeführten von dannen. Wien. Sonntag den 4. d. M. fand im hiesigen Leopoldstädter Tempel die Trauung deS Frl. Pauline Goldsteiu — der Tochter desersten Cantors an der benannten Synagoge, Herrn Josef Goldstein —-׳ mit Herrn M. Groß, Bankbeamter in Wien statt. Der Tempel war inall' seinen Räumen gedrängt voll von Hochzeirsgästen und vor ein Bild, wie man es nur an den hohen Feiertagen zu sehen gewohnt' ist. College Goldstein vollzog selbst die Function und begann feinen- Vortrag mit sichtlicher Rührung. Die Hoch;eitsgesänge, sämmtlich e ^pon Sulzer, z wurden von dem aus diesem Anlässe bedeutend ver"' stärkten Ehorpcrsonale unter der trefflichen Leitung des Ehordirigenten' Herrn S. Singer exact zur Ausführung gebracht.

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