Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 38 (11.11.1883)
- Date
- 1883-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 SSabrlicb, der selige Ober-Cantor Löwen stamm war ein 1 ״Zoknatb paneaob^. Er verstand das Echte vom Unechten, das! Edle vom Unedlen zu scheiden und das Geläuterte harmonisch zu verarbeiten. Es ist eine große Aufgabe, den ganzen Inhalt des dritten Bandes zu besprechen, ja eine Unmöglichkeit, den ganzen Garten botanisch-musikalisch zu ordnen. Veilchen, die wohlduftend, bescheiden unter Rosen blühen, will ich pflücken, sie sammeln und ein Feststräußchen für kommende Tage meinen Freunden und Brüdern aus Nah und Fern winden. Traulich, herzvoll — nicht als lamentoao blickt hoffnu ngsvoll und tröstend, mir der Würde des Priesters in A-moll gekleidet, das herrliche, königliche Owinu malkenu ba־mn•. Himmelan trägt es unsere Bitten zum Vater, und Heil und Verheißung verkündend, schließt cs wonnevoll in O-dur. Was siehst Du mich so staunend an? — Ich errathe. — Die hebren und ehrwürdigen, ernsten Klänge berühren Dein zart besaitetes Herz. ein lento in G-moll anschlagend, läßt Dich andächtig stille Hallen. — Es ist ein Glaubensbekenntnis der Väter, das ״mechalkel eliajim“, das aus Dich so mächtig einwirkt, um mit Zuversicht in G-clur zu schließen. ״Es gibt ein Wiedersehen!" Ein ganzes, treues Herz ruht in dieser edlen Composition. Höre, wie mit Geisterstimmen spricht Dich anfangs der ganze unesane tokef an. doch in immer mächtiger und mächtiger werdenden Klängen wirkt es auf Dich eiu und verkündet in himmlischen Tönen: Gott lenket die Schicksale aller seiner Geschöpfe! Eine ergreifende, klassische Arbeit, die in vielen Tacten an ״Händel" erinnert. Was hast Du nur wieder? Warum rollt eine Thräne über Deine Wange? —Der Chasan trägt inbrünstig flehend, ״molto .68p1688׳ivo“, eingreifend in die Bedeutung des Tages den 13״ajom liaras 010m“ in E-moll vor und schließt mit dem herrlichen E־dur die Heiligkeit des Gebetes. (War Franz Schubert ein Freund des seligen Löwenstamm?) Ich weiß, was Du sagen willst. — Am Altäre stebt der Schellack Zibbur, und er allein recitirl mit Ausdruck und reumütbigem Gestäudniß 0110״ towo rfoneeho“, bis auch die Gemeiude feinem Nnfe folgend, ״oschamnu“ bußfertig bekennt. Freund, empsindest Du, was der Meister mit dieser Composition geschaffen? Und mit diesem Gedanken beschäftigt, durchwandere ich den Garten, um der Veilchen mehr noch für Dich, mein Freund, zu sammeln, Du sollst ja ein Sträußchen erhalten! — Und wie das Veilchen sein Köpfchen sinken läßt, so auch der Mensch. Siehe — schon sind wir bei der Todtenfeier angelangt — und ein Adagio für Chor und Cantor in der fragenden Bitte ״Adonai mo odom“ bewegt Dein frommes Herz und verbindet Dich geistig mit den Heimgegangenen, mit Allen denen, die Dir im Leben lieb und!Heuer waren. Diese edle Composition, seelenvoll mit der feinsten Nuancirung vorgetrageu, wirkt hinreißend, wie auch der trostvolle Psalm 16 in E-moll eine vollendete Arbeit zu nennen ist. Die Sonne neigt sich zum Niedergange, kühle Schatten deuten den Abend an, Kerzenlicht erhellt das Heiligthum und noch einmal, mit süßer Stimme beginnt der Cantor den Eeilak-Eadiack, die Melodie, welche so angenehm dahinfließt, so charaktervoll die Schlußandacht einleitet. Wie kunstgerecht und ehrfurchtsvoll ging der Meister seelig mit diesem Chasonoth zu Werke, ohne dasselbe zu beeinträchtigen. , , Möge es mir gelungen sein, das schöne Werk einigermaßen beleuchtet zu haben, dann wird auch jeder Amtsbruder, dem der liturgische Gesang kein unwillkommener Freund ist, Erbauung, Belehrung und Liebe für seinen Beruf im ,Löwenstamm' finden und die kleine Ausgabe nicht scheuen und bereuen. M. T i n t n e r, Cantor und Religionslehrer in Bunzlau, Preuß.-Schlesien. Erinnerungen an meine MelchorerM. (Fortsetzung.) In Neustadt! stieg zu jener Zeit die Population enorm, und die Folge hievon war, dass wir manche Woche sechs, acht, ja oft sogar zwölf Beschneidunzsfeste mitzumachen hatten. Derartige Feste bildeten für mich eine bedeutende Einnabmsquelle, denn bei meinem Engagement wurde mir das Recht zum ,Teller aufstellen' cingeräumt. So oft nämlich eine Hochzeit oder ein oben erwähntes Fest stattfand, wurde der Chaseu mit den Meschorerim hiezu geladen, um nach Gutdünken der Festgäste die üblichen Aliackeberack'a zu singen, zum mindesten jcdoch, hatte der Chasen die Function des ״Benschen" nach beendigter Mahlzeit. Unmittelbar nach dem Benschen stellte ich, laut meinem verbrieften Rechte, einen leeren Teller auf den Tisch, um ebenfalls einen kleinen Obolus in Empfang zu nehmen. Welch' bittere und dennoch reiche Erfahrungen ich beim ״Teller aufstellen^ machte, darf ich denn doch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen. Wenn Du, lieber Leser, je im Leben für irgend Jemanden schnorren gehen solltest, sei es in Form einer Collecte, oder sonst in irgend einer Weise, so merke es Dir genau: Anfängen muß man bei den Wohlhabenderen, dann fuccesive hinab zu den Minderbemittelten; ferner gehe man niemals ״fechten“ zu Einem, der hungerig i!t, denn da ist der Betreffende mißmuthig und gibt entweder nichts, oder verschwindend gering. Besonders vorsichtig sei jedoch beiden Frauen. Jede unter diesen mußte ich aus Erfahrung mit einem besonderen Lächeln ansehen und sie griffen in die Tasche, legten jede etwas auf den Teller und ich war immer zufrieden. Doch kehren wir zurück zum Schacktiner-Melamed. So oft wir eine Sude beiuchreu, war auch der alte Melamed dort zu treffen. Dais man die Mesa-orerim nicht am Tische obenan setzte, ist ein guter -— wollte sagen verd orbensr — alter Brauch, aber selbst ״unten", wo, wie man zu sagen pflegt, man schon aufhört L'stlin zu legen, setzte sich der alte Melamed sofort neben mir! So oft nun ein Teller mit Backwerk vor uns gestellt wurde, damit wir davon genießen sollten, da griff der alte Melamed mit beiden Händen in denselben und brachte alle Bobes sofort an sich. Dabei entwickelte ec eine solche Virtuosität, als wäre er der Ahne ,Blind Moifä)e's' gewesen; wahrhaftig er schien nicht umsonst lange Zeit in Nowemesto gelebt zu haben. Damals, ich betone es nachdrücklich, nur zn jener Zeit wohnten massenhaft Professionsdiebe in Nowemesto, weshalb die Bewohner dieser Stadt den Spitznamen ,nowemester Ganowim' erhielten. Durch die unlautere Manipulation des Melamed. kamen wir in eine grenzenlose Verlegenheit. — Zn Neustadt! war der Chasen von jeher hochgeachtet, sowohl der Vorgänger Friedbach's, als er und alle seine Meschorcrim. Sein Vorgänger hieß Reb Lipman Elie Kornitzer, derselbe war, abgesehen davon, dass er viel Bildüng und Erfahrung besaß, ein selten begabter Witzbold. Sein immer sprudelnder Humor verfehlte nie die Wirkung! Friedbach, der auch noch heute dort ist, führte stets einen geordneten Haushalt, freilich trug seine ״Zipresch" nicht wenig dazu bei. Als wir wieder einmal zu einer Beschneidung eingeladen waren, setzte ich mich hart neben dem Melamed und schnitt ihm.