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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-11-03 · Heft 37 (3.11.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 37 (3.11.1883)
Date
1883-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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von größtem Interesse, fällt aber nicht in den Bereich dieser , Abhandlung. Es genügt, hinzuweisen auf die Autoritäten, die I von den Kirchenvätern wissen, daß die ersten christlichen Hymnen mit heidnischer Musik begleitet worden, wahrscheinlich um anzuziehen, gleichwie die Heilsarmee jetzr-ihre Hymnen mit Melodien von moderner Unterhaltungsmusik singt. Die Verification der alten christlichen Gebete, welche noch vorhanden sind, ist gleich jener der klassischen Schriftsteller und sehr verschieden von dem Hebräischen. Wenn wir einen Blick werfen auf die Berichte, welche uns die Geschichte betreffs der synagogalen Musik'hinterläßt, so sind wir sehr bald an die Pflicht erinnert, eine schöne Stimme beim Gottesdienste zu verwenden. Der Midrasch, weist auf dieselbe Pflicht hin. Eiu beliebtes Thema bildet das Wetteifern des harmonischen Gesanges Zsrael's mit den himmlischen Chören. Wir finden mehrere Hinweise derselben Art Ln unseren Gebeten: ,Wenn unser Mund voll Ge!anges wäre wie das Meer' rc. So gebraucht unter den ältesten Paytanim Kalir in seiner Schilderung dieses Gesanges alle möglichen musikalischen Ausdrücke. Zu Bagdad wurde nur den im melodischen Vortrag Geübten gestartet, das Gebet anzustimmen. Irr dem arabischen Siddur (Gebetbuch), d.m berühmten Werke des Saadiah Gaon (ob. 942), finden wir einen Canon der mustergiltigen Theile des Gottesdienstes, ״von welchem es wichtig ist zu bemerken, daß der Autor alle Chazanoth" ausschließe, unter welchem Ausdrucke er nur die Einzelgesänge der Cantoren versteht. (Fortsetzung folgt.) Vom Weckmäßigen Gebrauch der Mittel der Tonkunst. (Schluß.) Der Aelteste unserer Kunstphilosophen, Baumgarten sagt, wenn auch mit Worten, vom Niedlichen, es sei das Kleine, das in schuldloser, unbewußter Schwäche das Große reizend nachahme. Wegen seiner Schuldlosigkeit (Naivetät) gefalle es; wegen des Contrastes seiner schwachen Natur mit dem uachgeahmten Großen bekomme es etwas vorn Komischen, das Keinen gleichgiltig lasse. So wenig man das als Deflnition gelten lassen mag: als treffend schildernde Erklärung wird man es gelten lassen, und so taugt es eben für unfern Zweck. Man beobachte Kinder, wenn sie sich nicht für beobachtet halten: an ihnen, ihrem Plaudern, Thun und Wesen, ist alles niedlich. Sie ahmen die Erwachsenen in ihren Eigenschaften und Verhältnissen nach, unbewußt, daß sie diese in ihrem Wesen gar nicht fassen; sie glauben die Erwachsenen zu sein, unbewußt, daß sie nur spielen. Niemand kann dies ohne Vergnügen bemerken: aber dies Vergnügen ist nicht sowohl eine bestimmte, durchgreifende Freude, als vielmehr eine bestimmte, leichte Heiterkeit, eine angenehm täudelbafie, gute Laune. Und so ist es mit allem Niedlichen. Wer das Erhabene, wer auch das Starke und Große nicht in seiner Fülle aufnehmen, nicht mit ganzer Seele genießen kann, der freuet sich doch des Niedlichen, und das gemeiniglich um so viel mehr, je weniger er für jenes geeignet ist. Daher werden Erzeugnisse der Poesie oder der Kunst, mithin auch musikalische Compositionen, im Charakter des Niedlichen, sind sie gelungen, zwar überall ein geneigtes Publikum flnden, das geneigteste aber unter dem anderen Geschlechte. Und so wird, je entscheidender in gewissen Zeitaltern und unter gewissen Nationen der Einfluß der Frauen auf die Männer, und vermittelst deren auf die öffentliche Stimme ist, auch der Beifall, den dergleichen Erzeugnisse flnden, . um so lebhafter und allgemeiner sein. Doch selbst, wer für das! Erhabenste und Größte, nur nicht einseitig, geeignet ist, kann nicht anders, als auch dem Niedlichen Wohlwollen, da es, wie Ü^sagt, in jene eigenthümliche, heitere Stimmung versetzt, da in dieser zugleich das Herz leicht angesprochen wird, und wobl auch eben der liefere Geist schwerlich nnterlassen kann, in dasselbe, das Niedliche, eine Bedeutung zu legen, die in ihm selber, nicht eigentlich in diesem ist. Auch hier möchte man an Kinder erinnern. Zum Ausdruck des Niedlichen in der Tonkunst dürften am zweckmäßigsten folgende Mittel verwendet werden. Leichte, schmeichelnde, rändelnde Melodien, schnell, gewandt und artt.1 vorzu- "agen; ein munteres, flüchtiges, oder doch in kurzen Nylhmen forteilendes Tempo; eine diesem gemäße (besonders ungleiche) Lakrarr; eine mehr scherzweise, kurz und neckisch angewendete, mehr angedeutere, als durchgeführte coutravunktische Behandlung des sehr Leichten, oder auch umgekehrt, die launige, bald wieder vertändelte Behandlung der ernsthafter!! Tbema; befremdliche Anhäufe auf Großes (durch Fülle der Harmonie u. dg!.), von denen aber bald wieder abgesprungen wird; gleichmäßiges Anlaufen und Abspringen, mithin schneller Wechsel des Forte und Piano, plötzliches Ergreifen und Fahrenlassen fremder Tonarten; seltsame, pikante Benutzung der Eigenthümlichkeiten der Instrumente und ein wunderliches Gegeneiuanderftelleu derselben, so wie der Melodien selbst; wenige, aber schnell herbeigezogene, schnell aufgegcbene Dissonanzen, so daß der Zuhörer es für ernstlich gemeint hält und nun durch Täuschung angenehm gereizt wird; öfteres, möglichst überraschendes Wrederkehren des Thema oder sonstiger hervorstechender Melodien, immer anders, aber immer leicht, u. s. w. Beispiele vorzüglich gelungener Darstellung des Niedlichen in der Tonkunst wird man nicht bei Alten suchen, und am wenigsten bei unseren deutschen Vorfahren; so wenig, als Vorbilder zu den, ihm zu vergleichenden Feinheiten des geselligen Lebens, wie sie den Scharfsinn reizen und wach erhalten, Phantafle und Empflndung leicht und gefällig berühren, das Ernste, wo sie es nicht umgehen, gleichsam im Fluge und zierlich ausgeschmückt vorüberführeu, übrigens außer sich selbst und der sich von selbst ergebenden — geistvollen — Ergötzung keinen Zweck haben. Unsere Vorfahren gingen, wie zu ihren geselligen Verbindungen, so zu ihrer Kunst, mit ganz anderem Sinn, ganz anderen Absichten, ganz anderen Schritten. Selbst jetzt dürften sich, außer bei Haydn, Beispiele, die in ihrer Art ganz als Muster dienen könnten, unter uns Deutschen nicht zahlreich aufflnden lassen; denn selbst ausgezeichnete Meister, die sich nahe au Haydn schlossen, haben entweder — wie Hummel, in seinen hieher gehörenden Arbeiten, bald seine Frischheit und Jugendblüthe nicht erreicht, bald von Ernst und Kunst zu viel beigemischt, oder sie sind — wie Eleyel und Nösler (der sich Nojerti nannte), in Schäkerhaftigkeit und schnell veraltete Spässe verfallen. Uebrigens ist unter den gangbaren Mnsiksormen durch Sinn und Ausbildung für das Niedliche vorzüglich das Nondo geschaffen, gehegt und gepflegt worden; so wie es jetzt, mit jenem Sinn und jener Ausbildung selbst — wir wollen nicht bestimmen, in wie weit mit Recht oder Unrecht — an Werthachtung in Deutschland einigermaßen gesunken ist. — J!n Gesänge wüßten wir als wahrhaft musterhafte Beispiele deutscher Stücke nur Lieder, und diese in nicht geringer Zahl, anzUführen: wie wir aber in diesem ganzen Aufsatze diese herrliche, den .Deutschen bei weitem vorzüglich angehörende Gattung absichtlich umgangen haben, so thun wir es auch hier. In ausgeführteren Stücken jener Art werden wir Deutschen, wie in der verwandten Ar

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