Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 37 (3.11.1883)
- Date
- 1883-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — Wir wünschen der Hohenemser Gemeindeverwaltung zu ihren ferneren gottesdienstlichen Bestrebungen Glück und Segen, uns will es jedoch bcdünken, daß der von dem Hobeuemser israel. Vorstande erlassene Hiienbrief (an die Seelenbirlen) weder fürdie heilige Sache zweckdienlich, noch ein dem Verd i e n st e i h r e s b e r ü b m t e n Landsmannes, Ne st o r S u l z e r, w ü r d ig e s M o n u ment s e i. 8- Geschichte und Charakter der Synagogen- Musik. Eine Schrift des Herrn FranziS L. Cohen, gelesen vor der Jews Literary Society, 4. Februar 1880. II. Die Accente werden sowohl in den Tosaphot wie im Periphat Duran erwähnt, aber sie sind später ganz verschwunden. Zosef del Medigo ist wahrscheinlich der letzte Schriftsteller welcher die accenluirte Mischua vor sich hatte. Eine Abhandlung mit Accenten wurde noch zuletzt im Jahre 1553 gedruckt. Herr E. Birnbaum aus Königsberg lenkte meine Aufmerksamkeit unter Anderem auf das Folgende. Der Apostat Christian Gersou bemerkt in der Einleitung zu seinem ,Chelek,' »daß der ganze Talmud aus Fragen und Antworten bestehe und werde so von den Juden gesungen.* Er gibt dann in hämischer Weise eine Reihe von Fragen und Antworten in diesem singenden Tone, wobei er aber solche Worte gebraucht, die geeignet wären, den Marktpreis der Häringe herabzudrücken. Das Alter der synagogalen Melodien kann nur durch die Texte, zu welchen sie gesungen werden, annähernd bestimmt werden. Die Sephardim schreiben der Melodie des Gesanges von Moses ein sehr hohes und bedeutendes Alter zu. Wenn wir auch nicht glauben, daß der herrliche Triumphgesang beim Rothen Meere mit dieser Melodie gesungen worden, so scheint doch die Thatsache, daß in den spanischen und deutschen Riten die eine Melodie gebräuchlich ist, derselben den Anspruch auf ein hohes Alter zu verleihen. Die Form, in welcher die Verse dieses Gesanges von den deutscven Juden am Sabbat-Schirah gesungen werden, ist, mit weniger Veränderungen, in allen europäischen Synagogen die gleiche. T ie spanischen Juden behaupten, daß der Segen der Priester bei ihnen gegenwärtig mit derselben Melodie gesungen werde, wie im Tempel zu Jerusalem,, aber sie erbringen nicht den Beweis, warum sie die Melodie vollkommener als andere Juden erhalten hätten. Die Behauptung ist aber blos eine Annahme, obwohl wir durch Maimonides wissen, daß der Segen der Priester im Tempel zu Jerusalem mit einer von ihnen heilig bewahrten׳ Melodie gespendet wurde. Wir finden aber auch bei manchen deutschen Juden die Behauptung, daß die Melodie, mit welcher der Segen im Tempel zu Jerusalem gespendet wurde, mit ihrer gegenwärtig gebrauchten Melodie identisch sei, vergessen aber, daß die Abodah, wir wir sie jetzt besitzen, von dem Dichter Meschullam ben Kalonymos, aus der Schule von Kalir, herrührt. Daher können wir ohne Gefahr den Schluß ziehen, daß keine Melodien aus der biblischen Zeit jetzt vor- Händen sind. Nachdem die Juden ihre Freiheit verloren, wurde die Pflege der Musik'durch Jahrhunderte als eine schuf ja die Nothweudigkeit den fogeuannteu yufo, ץ“ O, dort jedoch, wo es sich darum handelt, die Wichtigkeit der einen Amrsverrichtung der anderen gegenüber festzuhalten, da ist ja im שללחז עדויה das Verhalten genau präzisirt. ' Sünde verpönt. Man dachte, daß Israel während der düsteren Zeiten der Verfolgungen, ,unfähig wäre, eines fröhlichen Daseins sich zu erfreueu, bis der Messias käme." Sogar bis auf die Zeiten Hai Gaon's, so wird crzäblt, wurde die Musik den im Exil sich befiudenden Juden verboten. Ob dieses Gebot ausgeführt wurde oder nickt, dennoch war die Dauer der Verfolgungen-lang genug, um das Verschwinden der im Tempel gesungenen alten Melodien, welche zu singen als unehrerbietig gedacht wurden, so lange die Heimat noch in Trümmern lag, zu erklären. Der Ursprung und die Entwicklung unserer synagogalen Gesänge, der wahrhaft nationalen Musik, ist am besten mit den Worten Engel's geschildert: ״Eine kurze Melodie, improvisirt in einer Stunde tiefer Erregung von einem begabten Musiker, wird, falls sie wirkungsvoll ist, bald von Andern aufgenommen, weiter verbreitet und auf diese Weise durch Ueberlieferung erhallen. Im Laufe der Zeit macht sie gewöhnlich einen Bildungsprozeß durch, bis sie jenen Bedingungen entspricht, welche ihr eine allgemeine günstige Aufnahme bei dem Volke, dem sie angehört, versichern.* (״Ein Volkslied dichtet sich selbst", W. Grimm). Diese Modisieationen sind gewöhnlich Verbesserungen, da der Geschmack des Volkes gewöhnlich ein gesunder und richtig urtheilender ist. Darum werden Veränderungen, welche den Ausdruck und die Schönheit der Musik erhöhen, größere Aussicht haben, ausgenommen und verbreitet zu werden. Diesen Bildungs- und Verbesserungsproceß mußten alle unsere alten Lieder durchmachen und manche mußten große Veränderungen erleiden, bis wir sie in ihrer gegenwärtigen Form erhielten. Wir haben verschiedene Wiedergaben von solchen populären Melodien, wie die von Limkevast und Migdol. Im Anfange des 17. Jahrhunderts finden wir eine Melodie von Bimherah in einer Form, zu welcher verglichet: unsere gegenwärtige ״eine gute zweite" bildet, Um zu vergleichen mit anderer Musik, so finden wir das populäre deutsche ״Feinsliebchen" in drei Formen, die sich aus dem Originale entwickelt haben, seit 200 Jahren. Sogar die Melodie von dem so wohlbekannten und so oft abgeschriebenen nGrod save the Queen“ weicht in mehreren Taktstrichen von dem Originale, wie es vor 100 Jahren war, und kann weit zurück verfolgt werden durch ihre verschiedenen Entwicklungen. Die Melodien bei unserem Gottesdienste müssen denselben Veränderungen ausgesetzl gewesen sein. Mehrere Melodien der spanischen und deutschen Riten wurden von Bottrigari (1594) niedergeschrieben und von Marcello (1724) transcribirt. Diese haben kaum irgend welche Aehnlichkeit mit den gegenwärtig gebräuchlicheu. Dr. Burney, in keiner »Geschichte der Musik* (1776), drückt diese Hymnen in einer sehr unsinnigen Weise ab. Sie find umgekehrt von rechts nach links gedruckt, weil das Hebräische in dieser Richtung gelesen wird. Die Folge war, daß sie wieder umgefchrieben werden mußten, um leicht gelesen werden zu können. Wenn also die alte hebräische Musik nicht bis zu uns gekommen wäre, könnten wir annehmen, daß sie in dem Kirchengesang des Gregorian enthalten sei. Obschon manche große Autoritäten von der Meinung sind, daß der einfache Gesang der unmittelbare Abkömmling und Vertreter der Tempelmufik sei, kann ich doch nicht mit De Sola denken, daß dafür ein klarer Beweis erbracht sei. Die Gesänge jüdischen Ursprungs, falls wirklich solche im Gebrauche der Kirche erhalten worden wären, wurden mit den Trümmern der verfallenen griechischen Musik verloren und müßten mit diesen vor Ende des 3. Jahr- Hunderts verschwunden sein, ehe Sanct Ambrose den Kirchengesang fixirte. Eine genaue Erörterung dieses Gegenstandes ist