Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 37 (3.11.1883)
- Date
- 1883-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 Die Herren College» dürften und dürfen wahrlich auf das Ergebnis der oben bezeichneten Berathungen gespannt sein; dasselbe qualifizirt sich nämlich nicht allein als eine bemerkensrverthe Erklärung Nestor Sulzer — resp. seinen lebenslangen Arbeiten — gegenüber, sondern gleichzeitig als eine feindliche Dernonstration gegen das jüdische Cantorenthum insgesammt. - Gelegentlich einer auf die wiederzubesetzende Gemeinde- Beamtenstelle bezügliche Kundgebung erklärt nämlich der Wohllöbliche Vorstand der israel. Cultusgemeinde in Hohenems, daß ,um alles Langweilende, in Folge dessen Störung Veranlassende und die Achtung vor dem jüdischen Cultus Gefährdende aus der Synagoge zu entfernen und auch den Synagogencultus dem Verftandniße der christlichen Bevölkerung, inmitten welcher die Hohenemser jüdische Gemeinde geographisch isolirt steht, näher zu bringen/ diese sensationelle That geschehen mußte — es heißt wörtlich weiter, ,darum ist dem deutschen Worte und Liede beim Gottesdienste viel Na um gegeben — darum t ft auch da4 Cantorat mit seinem an die mittelalterliche In den sch ule erinnernden Singstäng, aber auch mit seinem modernen theatralischen Pomp beseitigt word-en.*- Nun kann das Gesammtjudenthum ein welterschüiterndes Hallelujah anftimmen, zum Ruhme und zur Ehre des Hohenemser jüdischen Kirchenrathes; denn was unseren gottbegnadeten Männern aller Zeitepochen, bis in die Gegenwart hinein, nicht so voll und ganz gelingen wollte, nämlich dem Christenthume das Verständnis der jüdischen Gebräuche beizubringen, das ist, wenigsteus was den Gottesdienst betrifft, dem Vorstande der Judengemeinde Hohenems in so einfacher, so einschmeichelnder, so sanfter und gewiß auch anklangftndender Weise gelungen. Das Necept lautet: ״Man verringere den hebräischen Text, s ch a f f e den Cantor ab, und das Mittel zur Verschönerung, resp. Veredelung des jüdischen Gottesdienstes ist gebraut. — Klingt das nicht wie Zukunftsmusik? Es ist nicht Aufgabe dieser Blätter, zu ironisiren, die obwaltenden Thatsachen in der von dem Hohenemser israelitischen Vorstande veröffentlichten Encyklica, so viel Stoff dieselben auch hiefür böten, sind für uns jüdische Cantoren solch' ernster Natur, daß wir dieselben keineswegs mit Stillschweigen übergehen dürfen; wenngleich wir offen gestehen müssen, daß es durchaus nicht die Befürchtung vor den Eventualitäten des Hohenemser Unternehmens, sondern lediglich die Richtigstellung, resp. Beleuchtung desselben ist, welche uns die Feder in die Hand drückt. — Das Hohenemser Rundschreiben kennzeichnet den Wirkungskreis des jüdischen Cantors mit der liebenswürdigen Bezeichnung ,mittelalterlicher Singsangs oder ״moderner theatralischer Pomp". Wir gestehen, daß beide Ausdrücke uns unverständlich sind und bedauern, daß die Hohenemser Herren uns, den Epigonen ihres berühmten Heimatsgenossen Sulzer derlei Attribute beizulegen sich veranlaßt sahen; allein, selbst zugestanden, daß diese freundliche Charakterisirung das Ergcbniß gemachter Erfahrungen iunerhalb ibres eigenen Gemcindewesens wäre, so muß das jüdische Cantorenthum der Gegenwart derlei Zumuthung mit tiefer Entrüstung zurückweisen. Wir wissen allerdings nicht,׳ worauf die Herren in Hohenems den Ausdruck ,,mittelalterlicher Singsang" beziehen; sollte es etwa ein Angriff auf unsere heiligen traditionellen Melodien (חונות) sein, dann würden wir den Herren Vorschlägen, zuvörderst die Geschichte und die Abstammung derselben zu studircn, sie dürften leicht zur Ueberzeügung gelangen, daß dieser ״mittelalterliche Singsang" viel bedeutender und viel inhaltsreicherviel charakteristischer ist, als jene kalten, einem fremden Boden entstammenden Melodien, die nach Hohenemser Begriffen, . das zukünftige Heiligthnm Israels bilden sollen; — beziehen die Herren jedoch die Aüsdrucksweise ״mittelalterlicher Singsang" auf die Art und Weise des eantoralen Vortrages, so fühlen wir uns zu der Erklärung verpflichtet, daß jeder zeitgemäße jüdische Cantor seine Stimme, und seinen musikalischen Geschmack nach besten Kräften auszubilden trachtet, und daß wir sogar Männer unter uns zählen, deren gesangliches Können und Musikwissen den höchsten, vielleicht auch den Hohenemser künstlerischen Anforderungen entspräche. In Punkto ״moderner theatralischer Pomp", resp. dessen Beziehung, zum jüdischen Cantor der Gegenwart, vermissen wir jedweden logischen Gedankengang und vermeinen, daß die eine Person des Cantors im Verhältuiße zum vielköpfigen Chorpersonale, daß die eine Stimme des׳Cantors im Vergleiche mit der mehrstimmigen Wirkung von Chor und Orgel wahrlich viel bescheidener auftritt, als man der Welt zu demonstciren beabsichtigt; es bleibt uns demnach unverständlich, wie man die künstlerisch bedeutsame, aber äußerlich bescheidene Wirksamkeit des׳ Cantors' im׳ Verhältniße zu all' den von der Hohenemser Gemeinde acceptirten Ausstattungsmitteln ,.theatralischen Pomp" nennen kann; wir pflichten gerne bei, daß der jüdische, erhabene Gottesdienst keines Pompes bedarf — zur Abhaltung eines einfachen öffentlichen Gottesdienstes gehört nichts weiter, als eine Gemeinde von mindestens zehn Personen und ein Vorbeter. — Der jüdische Gottesdienst, kann auf Alles verzichten — er braucht keine Predigt, keine Homilie, keinen Chorgesang und keine Orgel, so wünschenswerth auch dies zur Verschönerung des Gottesdienstes erschiene, und alle diese Hilfsmittel zur pompösen Ausstattung desselben — aber eines kann er unmöglich entbehren, das ist der Vor b e t er, C a nt o r, Chasan. Die wohllöbliche Gemeindeverwaltung der Israeliten in Hohenems wird auch, trotz ihrer öffentlichen Erklärung für Abschaffung des Cantorates, eines Cantors nicht entbehren; denn׳ Derjenige, der nach ihren Einrichtungen ,,die Gebete in würdiger, aber einfacher Weise vortragen oder ״leise während eines vom Organisten gespielten Präludiums sprechen wird"/) bleibt trotz Namensumtaufe in Prediger, Seelsorger, Geistlicher, Declamator rc-, immer doch ein Cantor— höchstens ein schlechter -— Cantor. Wir genügten unserer Pflicht, indem wir die in der Hohenemser Publizirung auf das jüdische Cantorat gemachten ungerechtfertigten Angriffe entschieden zurückwiesen und die bezüglich desselben gestellten irrigen Anschauungen richtig stellten und können nun getrost auf die Weitergestaltung -des Hohenemser jüdisch en Gott e s dienstes mit Rücksichtnahme auf die christliche Bevölkerung warten — sehen uns jedoch veranlaßt, der israel. Gemeindeverwaltung in Hohenems den Lorbeer für die Erftndung des angedeuteten Gottesdienstverbesseruugsmittels vorenthalten zu müssen — indem schon viel früher und in größeren Gemeinden ähnliche Versuche gemacht wurden, die ein klägliches Resultat erwiesen. Große Gemeinden Deutschlands, die in aufgebauschter Weise mit jüdischen Geistlichen, Chorgesang und Orgelklaug ihren Gottesdienst ausstatteten und den Cantor hintanzusetzen suchten, verflelen in Zerfahrenheit und ersahen in der praktischen Bethätkgung ihres nachchristlichem Muster zu gestutzten Gottesdienstes die Un- Möglichkeit desselben, hatten aber zum Glück noch den Muth und die Gewissenhaftigkeit cknzusehen, daß der Cantor der eigentliche Träger des jüdischen Gottesdienstes sei und bleiben mü s s e. **) *) Das muß allerliebst klingen. **) In solchen Gemeinden, in denen mehrere Beamte für den Gottesdienst aus den verschiedenartigsten Ursachen unmöglich erhalten werden können,.