Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 36 (26.10.1883)
- Date
- 1883-10-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 — Geschichte und Charakter der Synagogen- Mustk.*) Eine Schrift des Herrn Franzis L. Cohen, gelesen vor der Jews Literary Society, 4. Februar 188'!. Schm! zu den frühesten Zeiten wurde jede bestimmte Detformet mit einer besonderen Melodie, entweder in einer sprechenden oder singenden Stimme gegeben. Die vielen diesbezüglichen Andeutungen in der heiligen Schrift beweisen, daß Musik im Tempeldienste gebraucht wurde, sowie auch die Benennungen der Psalmen Elemente der Melodie in der alten hebräischen Poesie bezeugen. Die Musik der Juden von jenen Tagen bis auf unsere Zeit zu verfolgen, ist eine ziemlich schwere Aufgabe, da wir nur sehr wenig Berichte darüber besitzen, und deßhalb ist das Studium der Tenlpelmusik, obgleich dasselbe eins der interessantesten Nachforschungen der Geschichte der jüdischen Cultur in sich schließt, ein sehr mangelhaftes. Unsere Melodien sind von verschiedenen Ländern und Zeitaltern, und um den Ausdruck, welchen Jung hinsichtlich unserer Liturgie benützt, zu gebrauchen, ist die Tempelmusik das ,Resultat tausendjähriger Arbeiten." Der Zweck dieser Schrift ist die Geschichte unserer Gesänge und Melodien anzugeben und jene Eigenthümlichkeiten, durch welche dieselben zu erkennen sind, anzuführen. Sogar während des Bestandes des Tempels wurden die .Gebete in den Synagogen recitirt, von welchen in Jerusalem al.ein 480 existirten. Es ist wahrscheinlich, datz dabei dieselben Melodien benützt wurden. Außerdem war es stets der Gebrauch׳ biblische Stellen und talmudische Borträge mit einer besonderen Gesangsweise (Stimme) zu geben. Im Anfänge war die Tradition stark genug, um irgend welche geschriebene Zeichen überflüssig zu machen, trotzdem flnden wir, daß schon vor undenkb.arer Zeit her die N e g i n o t h (accente) gebraucht wurden׳ um den Gesang zu bezeichnen, welche immer die ursprüngliche Verwendung dieser Zeichen wohl gewesen sein mag. We lcher Zeit die gegenwärtigen Gesänge entstammen, kann nicht bestimmt werden, gewiß sind sie jedoch die ältesten Elemente unserer rituellen Musik und haben außerdem den Grundtou vieler Melodien, wie zum Beispiel Wajechulu, Thema des Neujahrs rc. gebildet. Die vielen Autoren, welche über die Neginotb ge' schrieben haben, sowie auch diejenigen, welche das Thema der Synagoaenmusik erwähnten, haben sich meistentheils nur in Verwirrungen verstrickt und einen klaren Beweis geliefert, daß ein gründliches Studium dieses Gegenstandes nicht nur die Kenntniß der Musik, sondern auch den des SynagozendiensteS und der hebräischen Sprache voraussetzt. Neuchlin in seinem ״De accentibusu (1518) theilt die Neginoth in vier Theile ein, Melodie im Tenor. Levita fand diese Eintheilung correct, denn er bezieht sich darauf in seinen ״Toi taam“ (1538). ,Sie, (die Accepte) sind kürzlich der Musik gemäß gedruckt worden, und wer Musik versteht, kann sie richtig verstehen.' Viele andere jüdische Autoren, hauptsächlich die Grammatiker, haben die Neginoth weitläusig behandelt. Das Singen der Lamentationen Jeremiah's kann nicht an zu Thränen rührender Traurigkeit übertroffen werden, und die Necitation, weiche zum Buche Esther benutzt wird, gibt den verschiedenen Gefühlen jener historischen Erzählung den schönsten Ausdruck. (* Der nachstehende Vortrag wurde in den letzten Nummern des eiiIlischen Wochenblattes ״Jewish Chronicle“ veröffentlicht. Da derselbe für unsere College» von hohem Interesse ist, geben wir ihn in getreuer, deutscher U «Versetzung wieder. Die Redaction. Kircker, der Jesuit, in seiner Musnrgia (1650) gibt eine Tabelle der Accente, in welcher er alle die Zeichen entstellt und dieselben in falscher Ordnung darstellt. Andere Schreiber der Geschickte der Musik haben ähnliche Fehler begangen. Manche schrieben den Neginoth einen harmonischen Sinn zu: Andere wiederum beanspruchten für dieselben nur einen Werth hinsichtlich der Länge der Vokale. Dennoch flnden wir in Jablonski's hebräischer Bibel (1699) eine richtige Tabelle, die er von den Aerzten David de Pinne, Amsterdam, erhielt. Zn unserer Zeit sind die Neginoth viel richtiger überschrieben worden. Jedes Wort der heiligen Schrift ist mit einem Zeichen, welches demselben eine musikalische Phrase oder Tbeil einer Phrase verleiht, versehen. Diese Zeichen, ungefähr 30 an der Zahl, bilden eine genügende Anweisung für Alles, das zum Singen nöthig ist und sind leicht zum Lesen. Die Melodien, die sie darstellen, besitzen einen besonderen Charakter und eine auffallende Originalität. Villoteau, welcher Napoleon Bonaparte nach Egypten begleitete, spricht viel über die ähnliche Beschaffenheit der türkischen und hebräischen Gesänge. Aber trotz dieses Vergleiches mit dem Korangesang sind sie ganz und gar vorschieden von irgend einer anderen alterthümlichen Gesangsweise. Wir können nicht umhin, mit Naumburg zu bedauern, daß so viele reformirte Gemeinden sie wieder mit einer unrichtigen Recitation angenommen haben. Unter den Aschkenaflm oder deutschen Juden, dienen dieselben Zeichen für verschiedene Gesangsjysteme. Das Lesen der Gesetze an Sabbathtagen und anderen Festtagen ist einfach genug. Es überschreitet selten die Scala und ist besonders passend für die Worte die es begleitet, was besonders in den historischen Stellen ersichtlich ist. Der Jom Kipur und Neujahrsgesang ist von großer Schönheit und bemerkenswerth wegen der Zartheit feiner Ausdrücke. Der in der Haftorah benützte Gesang ist von viel traurigerem Charakter, was sehr natürlich ist, wenn wir ihren Ursprung, ein Theil der Propheten, in Betracht ziehen. Die Sephardim oder spanischen Juden haben verschiedene Gesangsmelodien für die Neginotb. Jenes für das Gesetz ist etwas langsamer und gemessener, als jenes, welches von den Deutschen gebraucht wird. Es ist auch einfacher und bleibt im Minor-Mvdus, das andere ist melodischer, bewegt sich mehr und gewinnt im Ausdruck, indem es von den Minorzum Major- Modus und wieder zurückgeht. Es gibt auch in dem spanischen Ritual verschiedene Modulationen für die Bücher Esther, Job, Lamentationen und den Gesang Salomons. Diese sind ausdrncksvoll und gewöhnlich passend für den Gegenstand des betreffenden Buches. Die musikalische Bedeutung der Accente der Psalmen und Sprichwörter ist traditionell verloren gegangen. Hinsichtlich der Gesänge, die unter den Juden, welche den I e m e n-Ritus befolgen, heimisch sind, erzählt der sehr bereiste Rabbi Jacob Saphir Folgendes: ,In diesen jüdischen Gemeinden kann Jeder das Gesetz mit den Vocaien und Accenten lesen. Der Gesang, welcher dazu benützt wird, ist angenehm und ähnelt weder dem der Sephardim noch dem der Aschkenaflm. Als ich sie zum ersten Mal lesen hörte, glaubte ich, daß die Jemen-Juden die Accente nicht kannten, denn sie gaben den Text nicht so wie die europäischen Leser mich gelehrt hatten. Nachdem ich aber aufmerksamer zugehört hatte, war ich überzeugt, daß diese Necitation genau ist, den Accenten nach und begründet durch ein tiefes Verständniß des Textes. In den Schulen lehrt der Lehrer diese Necitation ohne Singen. Eine einfache Bewegung der Finger vorwärts und rückwärts genügt, um das Maß anzudeuten und den Schülern anzuzeigen, wann die Stimme zu heben oder zu schwächen!ei. Josef Halevy macht