Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 36 (26.10.1883)
- Date
- 1883-10-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 sich der ausgezeichnete Adolf Cremieux, der glänzende Vertheiiiger und mehrmalige Minister, auch der hochgeschätzte Akademiker Abraham Munk zu ihnen. Am 5. August stand Moses Montefiore gleich seinem unsterblichen Vorgänger Moses vor dem Throne des egyptischen Beherrschers, um gleichfalls den gewaltsam Unterdrückten und Geknechteten Erlösung und Freiheit zu erwirken. Mit vieler Mühe, nach Ueberwindung mancherlei Schwierigkeiten erst gelang es, von Mehemed-Ali, Egyptens Vicekönig, einen Ferman zu erlangen, dass die schuldlos Eingekerkerten wieder in Freiheit gesetzt und der schauervollen Tragödie überhaupt ein Ende gemacht werde. Munk, ein Meister im Arabischen, fand in der Urkunde das Wort: ״Begnadigung“: rasch entschlossen liess Cremieux dasselbe streichen. ״Wir suchen Gerechtigkeit und nicht. Gnade“ sprach er. Ein glorreicher Lieg war errungen, die Leidenszeit der Juden in Damaskus hatte ihren Abschluss gefunden, ihre Herzen schlugen froh und frei. Wie ihre Väter dereinst, dankten sie dem Ewigen und Moses, seinem Diener. Dieser aber begnügte sich nicht mit dem in Egypten ■errungenen Sieg, sondern er wollte ähnlichen Vorfällen für immer verbeugen. Er verfügte sich daher nach Constantinopel, wo er vom Sultan Abdul Medscbid ehrenvoll und feierlich empfangen wurde. Hier sah sich sein frommer Eifer reich belohnt. Der Sultan sprach in einem Ferman die Gleichberechtigung der Juden seines Reiches mit den übrigen Nationen desselben aus und untersagte strenge jegliches Ungebühr und Unbill gegen dieselben. — Nun erst war Montefiore völlig befriedigt, seine Seele jauchzte, dankte Gott. — Moses war der Retter seiner Brüder. Seine Rückkehr nach Europa 1841 war ein Triumphzug. Seine Glaubensgenossen brachten ihm in allen Orten, in feierlichen Aufzügen, in poetischen Ergüssen, in kunstvollen Adressen ihre Anerkennung und Huldigung dar; auch die warmfühlenden Menschenfreunde der Nichtjuden gaben Verehrung für ihn kund und zeichneten ihn in jeder Weise aus. So Ludwig Philipp, Frankreichs König, insbesondere aber Königin Victoria. Sie räumte ihm das Recht ein, ein Wappen zu führen, gleich den Pairs und Prinzen von Geblüt, und dass er dieses mit dem hebräischen Namen ״Jerusalem“ schmücken dürfe, da ihm diese Stadt so theuer sei. Im Jahre 1846 rief ihn das Bedrängniss seiner Brüder wieder nach Russland. Czar Nikolaus nahm Sir Moses, den ihm die englische Königin in einem Handschreiben empfohlen hatte, äusserst huldvoll auf, hörte seine Bitten an und gab ihm die bündigsten kaiserlichen Zusagen, dass er die Verhältnisse der Juden in seinem Reiche prüfen und ihre sociale Lage verbessern werde. Moses hatte sich abermal8 erhoben und geholfen. Im Jahre 1858 ward der ehrenhaften Familie Mortara in Bologna, das damals zum Kirchenstaate gehörte, ihr Sohn Edgar, ein kleiner Knabe, gewaltsam entrissen und hinter Klostermauem verborgen gehalten. Eine Magd des Hauses hatte nämlich dem Seelsorger erklärt, dass sie ohne Wissen der Eltern das Kind getauft habe, und darauf ward dasselbe von päpstlichen Gendarmen geraubt und in ein Kloster gebracht. Die verzweifelten Eltern weinten, baten und fleh e<en, die Mutter verfiel in Wahnsinn; doch vergeblich waren alle Bitten und Bemühungen, sie fanden weder Erbarmen noch Gehör. Die Sache machte ungeheures Aufsehen; selbst Staatslenker intervenirten zu Gunsten Mortara’s. Da versuchte denn Sir Moses Montefiore den jammernden Eltern ihr Kind wieder zuzuführen und reiste nach Rom. Papst Pius IX. verweigerte ihm jedoch die Audienz, die ihm bisher zwei mohamedanische Landesbeherrscher und der mächtige russische Kaiser bereitwilligst gewährt hatten. Edgar Mortara hat seine Eltern nie mehr gesehen. Mit schwerem Herzen kehrte Sir Moses in sein Heim zurück, seine Mission war gescheitert. Glücklicher war er fünf Jahre später, 1863, wo ihn der laut hallende Notkschrei der Juden zur Reise nach Marokko bewog. Es war ein aufopferndes Wagniss für den hohen Greis, von 79 Jahren, einen derartigen Wüstenzug nach Afrika'8 glühender Steppe anzutreten, um so bedenklieber noch, als Lady Judith nicht mehr unter den Lebenden wandelte, ihm nimmer schützend und bewachend zur Seite stand. Doch nichts schreckte ihn von seiner freiwillig übernoramenen Mission zurück. Er hörte vom Leiden seiner Brüder und Moses erhob sich und half ihnen. Vier Monate währte die beschwerliche Reise, bis er Marokko zu sehen bekam. Zur Audienz vorgelassen, bereitete ihm der Kaiser einen überaus feierlichen Empfang. 6000 Soldaten in Gala bildeten Spalier, Trompetentöne verkündeten das Nahen des Herrschers, dem Montefiore eine Denkschrift zum Schutze der Juden und Christen im marokkanischen Reiche überreichen durfte. Sultan Abdurhaman kam in liberalster Weise dem Ansuchen des Greises nach und lies darüber einen Ferman ausfertigen. So hatte der edle Moses 340.000 Juden und vielen tausenden Christen eine Besserung ihrer Lage in diesem Reiche erwirkt. Welches hohe Mass von Verehrung Sir Moses entgegengebracht wurde, zeigt folgender Fall: Als er 1857 von Jerusalem heimkehrte, nahm er seine Tour über Egypten, wo er dem Vicekönig seine Aufwartung machte. Da gab ihm dieser seinen Sohn, ein Knäbchen von 5 Jahren, mit nach Europa, wo es unter der Obhut und Leitung Montefiore's erzogen werden sollte. Solch’ theueres Gut, das eigene Kind, vertraute ein Landesherrscher dem Juden an. Die Vorsehung hatte es so gefügt, dass ein Moses einem egyptischen Prinzen vergelten sollte, was eine egyp tische Prinzessin einst dem ersten Moses erwiesen hatte. Dass Sif Moses Montefiore in seinem Lande hochgeschätzt und überaus geachtet ist, darf bei derartigen, fast übermenschlichen Leistungen für allgemeine Humanität und für seine Stammesgenossen insbesondere nicht befremden. Er bekleidete die höchsten Ehrenämter, Englands Aristokratie und Bürger wetteiferten wiederholt, ihm sichtbare Beweise ihrer ungemeinen Würdigung seiner edlen Bestrebungen an den Tag zu legen. Sir Moses Montefiore lebt zu Ramsgate still und friedlieh der Frömmigkeit und Mildthätigkeit.. Er hat für sich ein Gotteshaus, zur Erinnerung an seine verewigte vortreffliche Gattin, ein Lehrhaus mit einer bedeutenden Bibliothelc errichten lassen, ״Zelt des Moses und der JudithK benannt. Möge die Vorsehung dem Sir Moses' Montefiore solche Gnadengabe gewähren, und diese Zierde der Menschheit, den Stolz der Juden noch lange unter seiner schützenden Obhut erhalten. tiv’Png'TTM ■werw»»׳.: