Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 36 (26.10.1883)
- Date
- 1883-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterreichischungarische 0 - Zeitung. f .. . / PrilNttmerütlons-Preis ■ן für Wien und Umgebung und Provinz: Ganzjährig . . fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Vierteljährig . fl. 1.50 -UVl — Für das Ausland: Ganzjährig . . fl. 7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Vierteljährig . fl. 1.75 C incl. ju/tellang in'« Ha,». J Organ kür die Gesummt -Interesseu jüdisiher Ganturm. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Jakob Wcruev. ^ctlacitan Administration LropoldstM, Circusgasse Nr. 20. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. V- Nr. 36. Men, 26. Ottober 1883. 3. Jahrgang. -1? %׳ ruiiiMiimifiimmiii. ♦ Sir Moses Montefiore. in Fest, wie es nur wenigen Sterblichen zu feiern gegönnt ist, das Fest des hundertjährigen Geburtstages hat Sir Moses Montefiore am 22. d. M. begangen. Auf der ganzen Erdenrunde, überall, wo Judenherzen schlagen, hat dieser Tag stolze Freude hervorgerufen und unendlich ist. die Zahl Derjenigen, di e dem edlen Greise, der nicht nur durch sein Alter, sondem auch durch Tugend und Frömmigkeit den Patriarchen gleicht, ihre Verehrung, ihre Bewunderung und ihre Liebe aussprachen. Sein ganzes Leben hat dieser Edle seinem Volke geweiht und der Opfermuth, der ihn stets erfüllte, wo es galt, Juden und Judeuthum zu beschützen und zu fördern, zwang selbst unseren Feinden Achtung ab. Sir Moses Montefiore ward im.Jahre 1784 zu Leghorn unter dem glücklichen Himmel Italiens geboren. Seine Mutter war eben bei Verwandten in Italien zu Besuche und brachte ihn daselbst zur Welt. Dort lebten einst seine Ahnen, von dort waren sie nach England ausgewandert. Das Kindlein erblühte zum Knaben, entwickelte sich zum Jünglinge, reifte zum Manne und ward eine Zierde des Menschengeschlechtes. Mit 28 Jahren heirathete er Lady Judith, die Tochter des Josua Löwy, Baronet von Cohn aus Amsterdam. Die Ehe war kinderlos geblieben, aber Sir Moses und seine, edle Gattin versöhnten sich bald mit dem Lose, das ihnen beschieden war. ״Gute Thaten und edle Werke, sind die wahrhaftigen Nachkommen, die den Namen auf Erden bleibend erhalten.u Diese Lehre war der Leit stern, dem die beiden Gatten fortan folgten. Und sie streuten Saaten der Liebe aus mit vollen Händen, nach allen Riehtungen des Erdkreises. Die Liebeswerke aufzuzählen, die diese Edelsten der Edlen vollführt, ist nicht möglich. Sind sie doch in ihrer Ueberzahl den menschlichen Blicken entzogen worden! — Die Hauptmomente nur des öffentlichen Wirkens mögen einen Platz hier finden. Vor Allem gedenken wir des heiligen Landes, Palästina, der heiligen Stadt Jerusalem. Diese waren ihnen wie Lieblingskinder tief in'8 Herz gewachsen. Innerhalb der Jahre 1827—1857 hatten die Ehegatten fünfmal den heiligen Boden betreten. Nach dem Tode der frommen Lady Judith war Montefiore noch zweimal in Jerusalem gewesen,, zuletzt 1875 als Greis von 91 Jahren. Unsummen hat Montefiore daselbst humanen Zwecken zugewendet, an Juden, Christen, Muselmänner vertheilt. Er hat Schulen für Lehrfächer aller Art, für Ackerbau und Handwerke geschaffen ' Spitäler mit Apotheken und Armenhäuser errichtet und reich dotirt; auch eine Buchdruckerei sandte er nach Jerusalem, sowie Aerzte und Lehrer aus Europa. — Es klingt und scheint unglaublich, fabelhaft — und dennoch ist Alles buchstäblich wahr. Sir Moses und Lady Judith Montefiore haben das Alles für Palästina und Jerusalem gethan, janoch mehr, weit mehr. Im Jahre 1840 war in Damaskus unerklärlicher Weise Pater Thomas, ein Mönch mit seinem Diener verschwunden. Obwohl dies am 5. Februar war, noch lange zu Qstern, benützten Judenfeinde das lächerliche, schändliche Märchen vom Gebrauche des Christenblutes zur Verdächtigung der Juden. Die Folgen waren die denkbar schrecklichsten. Der fanatisirte Pöbel stürzte gleich rasenden Bestien über die jüdischen Bewohner, mordete, raubte, schändete und beging Unmenschlichkeiten der haarsträubendsten Art. Grässlich tönten die Jammerrufe nach Europa herüber; Entsetzen, Theilnahme, Furcht durchzitterten alle Herzen, alle Gesellschaftsschichten waren mächtig erregt. 1 n der Stefanskirche Wiens betheuerte der berühmte Domprediger V e i t, ein ehemaliger Jude, dass der Blutgebrauch bei den Juden eine grausame Fabel sei. Das Wehegeschrei drang auch nach dem Inselreiche hinüber. Moses vernahm es — er erhoff sich und half. Ausgerüstet mit warmen Empfehlungen von Seiten seiner Königin und Regierung schiffte er mit Lady Judith sofort nach Frankreich hinüber. Der als Orientalist und Gelehrte hervorragende Dr. E. Löwe, ein Rechtsfreund und ein Arzt begleiteten die edlen Gatten, ln Paris gesellte