Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 35 (10.10.1883)
- Date
- 1883-10-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3452915-3452950--0766-3454835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- S — Prozeß! Nachher begaben sie sich in's anstoßende Zimmer zur Ruhe. —- Gegen 12. Uhr Nachts, es mochte unseren Schloimele recht gefroren haben, da erwachte in ihm das rege Verlangen, lieber sich als den Teig mit den Polstern zuzudecken. Er schob langsam sein Mäntelchen rechts zur Seite und erhob sich in gebückter Stellung und zog langsam, um kein Geräusch zu machen, an einem der beiden erwähnten Polster, doch welch' ein tückischer Kobold ihm da mitspielte, läßt sich aus Nachfolgendem ermesien. Schloimele, im Eifer sich recht bald erwärmen zu können, und aus Furcht, die Megären nicht aufzuwecken, ergriff den unter dem Schaffe liegenden Polster, statt des oberen. Er zog, Zog, plumps! bum! stürzte das Schaff sammt seinem reichen breiartigen Inhalte über Schloimele und die Sauce ähnliche Pappe übergoß ihn vom Scheitel bis zur Sohle! Denke Dir, lieber Leser, wie Schloimele da ausgesehen haben mag! Durch das Geräusch erschreckt, erwachte ich aus dem Schlafe, und während ich der unangenehmen Situation noch nicht ganz bewußt, mir die Augen rieb, stürzten die beiden Megären, wie Hyänen zu uns .in's Zimmer, die Eine das Oellämpchen in der Hand, die Andere der Ersten folgend. Der Einmarsch dieser wilden Weiber glich einem Geisterzuge aus der Vorwelt. Mit geballten Fäusten schrieen sie im Chorus: Was far e Lad is auf den Züden? was hat er angestellt, der Meswumed? re. re. Sie zeterten und fluchten und geberdeten sich wie lobsüchtig! Endlich, nachdem sie sahen, daß sie denn doch keine Antwort erhielten, begriffen sie erst die Sachlage und wendeten sich der praktischeren Seite zu. Sie stellten das Schaff ruhig am Boden neben Schloimele, legten ihre Hände halb offen, wie eine Kelle an ihn, scharrten den Sauerteig von ihm ab und warfen den Brei wieder in das Schaff. Schloimele ließ die Weiber willig mit sich gewähren und traute sich kaum zu athmen. Die Weiber, die den ganzen Abend hindurch golden waren, denn sie schwiegen, die kramten unter den fürchterlichsten Flüchen und Drohungen ihren ganzen Vorrath aus, und der ist wahrlich bei alten Weibern nicht gering. Die Arbeit mußte bald aufgegeben werden, da das Oellämpchen erlosch und die beiden Weiber nahmen nun ihren im Schaff zusammengescharrten Teig, stellten dasselbe auf den Tisch, krochen in ihr Stübchen, legten sich nieder und stießen dabei noch den letzten Rest yon Fluch und Schimpf aus. Früh Morgens stand ich auf und kleidete mich so rasch, es eben ging an, denn ich ahnte einen Sturm von Seiten unserer unfreiwilligen Herberge-Geberinnen losbrechen! Anders verhielt es sich mit Schloimele! Er kratzte mit Zähigkeit und Ausdauer die Neste des Teiges von seinem Gesichte und den übrigen Körpertheilen ab, der Teig war durch die Körperwärme ziemlich gebacken worden, und wollte seinen Platz sehr ungern verlassen! Schloimele mußte diesem Feinde gegenüber Schrill auf Schrill das Feld erorbern, zwei dreiviertel Slunden bedurfte es, bis er mit seiner Toilette halbwegs fertig wurde. Ach, wie sah der arme Mann aus! zersetzt und zerkratzt war sein Gesicht, geschunden wie der berüchtigte Raubritter stand er vor mir, denn wo der Teig nicht freiwillig weichen wollte, gebrauchte er Gewalt! Endlich, endlich gegen Mittag waren wir in Gnaden entlasten, nachdem ein nicht mißzuverstehender Gedanken- und Meinungsaustausch zwischen uns allen staitgefunden hatte. (Fortsetzung folgt.) Kamönrg, 24. September-. Das Deutsch-Israelitische Waisen-Znftitut wird kommenden Donnerstage seiner Bestimmung übergeben werden. Das im mittelalterlichem' Styl errichtete. Gebäude gewährt im Rohbau mit Verblendsteinen einen gefälligen Anblick. Das Innere des. aus großem Keller, Parterrcräumen, oberem Stockwerk und einer Dachetage bestehenden Hauses ist Ln allen Theilen zweckmäßige, und bequem eingerichtet und gewährt für 40 Kinder Platz, doch kann durch Umbau des Dachstockwerks eventuell noch mehr Platz'hergestellt werden. Vortrefflich ist die Küche im Keller mit großem Herd und Schabbosofen, das Arbeitszimmer für das Küchenpersonal, die Waschräume re. eingerichtet. Im Parterre besindet sich das Ardeitszimmer der Kinder, der Speisesaal, - das Directionszimmer und die Synagoge, welche letztere insbesondere einen sehr gefälligen Anblick in ihrer Einrichtung bietet. Die bunten Glasfenster, das Gestühl, namentlich die getäfelte Decke mit orientalischer Muster- Malerei und der Frauenchor sind sehr gefällig ausgeführt. Die Beleuchtungsanlagen, die geschmack- und stylvolle Krone, der Sammtvorhang vor der heiligen Lade sind Geschenke von Privaten. Hinten im Parterre, nach dem geräumigen, mit Turngeräthen versehenen Hauplatz zu, liegt die weite Veranda, die zugleich als Laubhütte benutzt wird, und zu diesem Zwecke durch 5 große Klappen in ihrem Dache geöffnet werden kann. Imposant ist das Treppenhaus nebst der vorzüglich eingerichteten, aus Mauerwerk mit Bohlenbelag hergestellte Treppe. Im oberen Stockwerke befindet sich ein Krankenzimmer, d. h. nur für leicht erkrankte Kinder, da schwere Kranke dem Krankenhause überliefert werden. Ferner sind im 1. Stock 3 Schlafsäle, Wohn- und Schlafzimmer des Waisenvaters, das Lehrschlafzimmec und ein großes Badezimmer mit allem Zubehör,- außerdem die übrigen erforderlichen Gelasse. Donnerstag wird das Institut vorläufig mit 27 Kinder bezogen und eingeweiht werden. Im Hause ist eine Ofenheizanlage; eine Heißwasterleitung wird in jedes Stockwerk von der Küche aus geführt. Die Waisenkinder besuchen die Talmud-Thora-Schule und arbeiten im Institut unter Aufsicht eines Lehrers, zu welchem Zwecke daS Arbeitszimmer mit gut eonstruirten Schultischen ausgestaltet ist. Gestern wurde das Institut von den Herren Senatoren von Belle und Napp, sowie Syndicus Dr. Behn besichtigt, die sich sehr lobend über die Einrichtungen aussprachen. Kokten, 24. September. Die hiesige Synagogengemeinde feierte kürzlich das Fest der Einweihung ihrer neuen Synagoge, wobei die Stadl durch ihren Bürgermeister und das Stadtvecorduetencollegium vertreten war. Das styl- und geschmackvoll erbaute Gotteshaus erregt durch die schöne innere Einrichtung allseiiige Bewunderung. An den aus diesem Anlaste veranstalteten Festlichkeiten nahmen viele Gäste Theil. In Simseropot, der Hauptstadt der südrustischen Halbinsel Krim, fand dieser Lage ein blutiger Kampf zwischen mehreren Hunderten von christlichen und jüdischen Arbeiterinnen in der Kroonseen-Fabrik statt, wobei viele Frauen von Blut überströmt und mit zerfleischten Gesichtern am Platze blieben. Es mußte eine starke Abtheilu-.rg Polizisten mit blanken Säbeln einschreiten, um die kämpfenden Frauen und Mädchen auseinander zu bringen. Viele NädelSführerinnen wurden verhaftet. Ursache dieses Kampfes waren antisemitische Agitationen. West. Vor etwa vierzehn Tage nahm in einem Pester Hotel' ein Reisender Absteigequartier, der sich in's Meldebuch des Hauses als L. Stern, Privatier aus Sau Francisco, eintrug. Er war ein