Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 35 (10.10.1883)
- Date
- 1883-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Halten wir Umschau unter den Cantoren, lassen nicht viele I ihre Söhne lieber das niedrigste Handwerk erlernen, als sie zum! Cantor heranbilden? Wir sind daher aus unsere Selbsthilfe hingewiesen. Wie diese beschafft werden soll; das ist die große Aufgabe» die wir zu lösen haben. 3n Nummer 3 vom 21. Zauner dieses geschätzten Blattes ward schon über diese wichtige Frage gesprochen, und zwar es mögen die Gemeinden angegangen werden, damit sie zur Gründüng eines Pensionsfondes für Cantoren, eventuell deren Witwen und Waisen, eine jährliche Quote von mindestens 10 Gulden beisteuern. Nehmen wir nun an, es steuern so viele Gemeinden, als der Vereins Mitglieder hat, eine Quote von jährlich 10 fl. zu diesem Pensionsfonde bei; bat nun der Verein 250 Mitglieder, so würde dieser Fond mit den Beiträgen der Mitglieder jährlich, ohne Spenden und ohne Zinsen, um 3500 Gulden größer werden, in 10 Zähren wäre somit schon ein Fond von 35.000 fl. ohne Zinsen. Wir haben jetzt Männer an der Spitze unseres Vereines, die, wir anerkennen es dankbarst, für den Verein schon Vieles gethan haben, sie werden uns aber zu noch größerem Danke verpflichten, wenn sie dies zu erstreben sich als Aufgabe stellen werden., Denn da §. 4 d der Statuten, nämlich die staatliche Anerkennung der Cantoren, nicht sobald wird realisirt werden können, so haben wir doch durch ihr Bemühen einen Pensionssond, der die Witwen und Waisen der Cantoren der Vereins- Mitglieder vor der äußersten Noth schützl. Diesen Männern aber, die so selbstlos für den Verein thätig sind, ist jeder Cantor in seinem eigenen Interesse verpflichtet, mitwirkend, helfend an der Seite zu stehen, damit sie im Sinne des hier Niedergeschriebenen dem Cantor, gleich den anderen Cultusbeamten, eine Achtung gebietende Stellung verschaffen. Und damit, jede Gemeinde zum Pensionsfonde beisteuere, muß jeder Cantor dem Cantorenvereine als Mitglied beitreten. ,Viribus urütis, mit vereinten Kräften lautet der Wahlspruch unseres erhabenen Monarchen; auch wir Cantoren Oesterreich-Ungarns haben mehr als genügenden Grund, dieses Motto zu dem unserigen zu machen, denn nur dann kann und wird eine radikale Besserung erfahren die s o c i a l - m a terielle Stellung des jüdischen Cautors. ■ Vom zweckmäßigen Gebrauch der Mittel der Tonkunst. VI. Wer sich der Mittel erinnert, wodurch die Natur, oder unter den Künsten z. B. die Malerei, das Anmuthige und Liebliche ausdrückt, und wodurch, die eine wie die andere im Beobachten ihrer Werke die Empflndungen dafür erweckt, der flndet analogisch auch die Mittel, wodurch die Tonkunst dasselbe leistet, dasselbe erreicht. Der sanften Wellenlinie der Schönheit in anmuthigen Werken der Maler stehen hier zur Seite sanftgeschweifte ,Melodien; das heißt, der äußeren Gestaltung nach, solche, wo die Töne in nahen Intervallen, in gezogenen, eng verbundenen Noten auf einander folgen. Wenn dort sich überall allmälige, weiche und zarte Umrisse und Uebergängc der Theile in einander sinken: so flnden sich hier fließende Verbindungen der Melodieen unter einander, geebnete, geglättete Uebergänge der Harmonie und ihrer Ausweichungen nur in nahe Gelegenes oder sonst natürlich und leicht sich Anschließendes. Was Licht und Schatten in der Malerei, ist Consonanz und Dissonanz in der Musik; > Wie nun beim Anmuthigen der Maler seine Lichter dämpft, seine ׳Schatten spart und sehr behutsam vertheilt, auch beide durch sanfte Halbtinten mild in einander überleitet, so bedient sich hier der Musiker seiner Consouanzen und Dissonanzen, die letzteren gleichfalls sparend, nur behutsam anwendend, sorgsam sie vorbereitend, gelind sie auflösend, beide sonst in einander verschmelzend u. s. w. Zu solchen Melodieen, zu solcher Harmonie, wählt er nun auch ein gemäßigtes, leicht hinfließendes, gefälliges Tempo und eine diesem angemessene Taciart; folglich ein Tempo, eine Taltart, die eben so wenig in großen, vollwichtigen Noten-ernst, streng und markig dahinschreiten, als in kurzen, flüchtigen und tändelnden Figuren vorüberhüpfen. Auch die Tonart ist hier (am Ende freilich allerwärts) von wesentlicher Bedeutung. Wer würde ohne Noth — z. B. statt des freundlichen A-dur das prächtige C-dur, statt des mild klagenden E-rnoll, in seiner nahen Verwandtschaft mit dem beruhigenden G־dur, das scharfe Es-diir in seiner naben Verwandtschaft mit dem pathetischen C-moll, zum Ausdruck des Anmuthigen wählen! Je einfacher das Anmuthige selbst und das Gefühl dafür ist, je mehr wird sich der Musiker enthalten, viel Masse in sein Werk dieser Art zu briugen; je unmittelbarer, und ohne (wie beim Erhabenen oder Großen) die Oieflexion in mitentscheidendcn Anspruch zu nehmen, hier auf die Empflndung gewirkt werden soll, je mehr wird er sich hüten, seine gemäßigte Masse zu reich, zu künstlich, zu schwierig zu verarbeiten und gleichsam auseinander zu treiben. Letzteres würde geschehen, wenn er z. Bseine Begleitung des Gesanges so reich sigurirte und so, für sich selbstständig, diesem entgegensetzte, wie beim Ausdruck des Großen, Hier wird er vielmehr seine Begleitung dem Gesänge, und in der Instrumentalmusik, den Hauptmelodieen, die dessen Stelle vertreten, so nahe als möglich bringen; durch die Harmonieenfolge, deren Wahl, Faßlichkeit und Einfachheit, jenen oder diese vor allem unterstützen, ihm oder ihnen freundlich aushelfen,, ihn oder .sie den Zuhörern nahe an's Herz legen, und auf diesem Wege zugleich den Eindruck des Ganzen, theils bestimmter individualisiren, theils im rechten Verhältuiß verstärken. (Die Abirruugcn verschiedener, sonst talentvoller und wohl auch berühmter Componisten der allerneuesten Zcir sind eben hier so bekannt, so auffallend und mitunter io geradehin abgeschmackt, daß sie anzuführen unnöthig scheint.) Daß der Gebrauch der sanfteren Blasinstrumente hier zweckmäßig sei, weiß Jedermann; vielleicht auch, daß sie von nicht Wenigen jetzt zum Uebermaß angewendet werden und bei Anhäufung einander selbst gewissermaßen neutralisiren, mithin die beabsichtigte Wirkung, statt sie zu mehren, sehr vermindern, wo nicht ausheben. Ueberall, aber nirgends mehr, als hier, sollte das Quartett der Bogeninstrumente, wenn nicht ganz besondere Veranlassungen nnd Nöthignngen zu Anderem eintrelen, enschieden vorherrschend bleiben; und das sogar schon darum, weil.kein Instrument, wie es auch Namen habe (die Menschenstimme ist keins), einer solchen, in's Unendliche sich erstreckenden Summe von Modisicationen des Tones, auch hinsichtlich der Stärke und Schwäche, stets ganz sicher und stets mit den anderen ubereinstimmend, fähig ist. Ueberall auch, aber nirgends mehr, als hier, ist ferner der Ton selbst, der Eigenthümlichkeit seines Klanges (timbre), dem Wohllaute, der Haltung und Tragung (portamento), der Bildsamkeit und Biegsamkeit, der Abstufung zwischen Stark und Schwach, und aller der Vorzüge nach, um derentwillen man ihn, den Ton, ausgearbeitet zu nennen pflegt — von der wesentlichsten und entschiedensten Wirkung, und darum nirgends mehr, als-hier, vom Componisten und vom Virtuosen (Sänger oder Znstrumentist) auf ihn sorgfältig Bedacht zu nehmen. Desto. ך ......׳