Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 35 (10.10.1883)
- Date
- 1883-10-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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־— 3 -ד ziehen könnte. Aber aus Büchern bildet sich kein Sänger; nicht einmal ein Handwerk läßt sich schriftlich erlernen. Der Lehrer muß dem Schüler die Mittel an die Hand zu geben wissen und ihn aus jene Stufe bringen können, daß er von dem, was er gelernt, auch den richtigen Gebrauch zu machen versteht. — Nun muß man nicht glauben, daß Gesang nur durch einfaches Vorsingen erlernt wird. Wäre dies der Fall, so würde nur eine Sopranistin eine Sopranstimme, eine Altistin eine Altstimme ausbilden können. Daß Dieses nicht begründet ist, geht daraus hervor, daß die größten Sängerinnen, wie die Malibran, Mara, Pasta, Grisi, Sabine Heinefetter, Lind u. s. w. und einegroße Anzahl anderer tüchtiger Sängerinnen durch Gesanglehrer unterrichtet und ausgebildet wurden. Hat der Schüler von Natur aus eine schöne, wohlklingende Stimme, so ist der Unterricht, gewissermaßen leicht; hat aber der Schüler fehlerhafte Klangbildung, und kann er durch Nachsingeu die Fehler nicht abstetlen, so ist. der Lehrer ohne physiologische Kenntnisse absolut nicht im Stande, diese Fehler zu verbessern und zu beseitigen. Mit welch' fatalen Verhältnissen der Lehrer oft auch zu kämpfen hat, bleibe hier nicht unerwähnt. Die angehenden Sänger und Sängerinnen von heutzutage meinen es überhaupt nicht sehr ehrlich mit der Kunst, und meinen noch überdies in einem oder in längstens zwei Zähren fertige Sänger, Künstler zu sein. O nein! mindestens drei Jahre sind erforderlich, bei guter Anlage und Begabung, soll die Stimme regelrecht geschult und gut gebildet sein. Das steißige Ueben der Scalen, der Gnidoni-. scheu Silben (Solmisation), auch der Damenisation: da, me, ui, p.o, tu, 1a, be — ist von großer Wichtigkeit; das Solfeggiren aber einzig und allein macht die Stimme dehnbar, sicher und klangvoll. Wer ein Künstler, im wahren Sinne des Wortes, werden will, muß sein Lebtag arbeiten und studiren. - L. Die sozial-materielle Stellung des Csntors von W. Wodak in Göding. (Schluß.) An מוצ' שבת׳ מוצ' י״ט auch an מוצ׳ י״ב Abend muß der Cantor-!2M'F oft, sehr oft auch, statt der für seinen Körper und sein ermüdetes Organ nöthigen Ruhe und Erholung, also an Tagen, wo er geistig und körperlich müde und abgemattet ist, halbe Nächte, ja manchmal bis 2 oder 3 Uhr Morgens von einer Schlachtbrücke zur anderen rennen, wenn er Verdrießlichkeilen ausweichen, ooer gar beleidigende Worte nicht hören will; in manchen Gemeinden muß der (5שוהט־:01^מ beim Fleisch- Ausschrotten gegenwärtig sein, in welcher Gesellschaft kann man sich denken, oder wo mehrere Fleischbänke sind, von einer in die andere laufen, das Fleisch reinigen. Keine Stunde des Tages oder Nachts gehört ihm, er kann nicht sagen: nun gehöre ich mir an, jetzt kann und darf mich Niemand belästigen, denn zeitlich früh, mag es draußen schneien und wettern wie es will, man vergesse nicht, daß er Sänger ist, wird er geweckt, schnell eine Gans, die ein Korn hat, zu schlachten, kommt diese nicht unter den חליף, wie man sagt, so ist der Cantor schuld, denn, als man ihn weckte, lebte noch die Gans, aber durch seine Langsamkeit ist diese ״draufgegangen". . . Lag der Cantor gerade vielleicht im Schweiße, oder ist der nächste Tag ein ירט, wo er sein Organ, welches keine Metallseine Familie ernährt, sein ganzes Vermögen, sein Alles ist, wird der Eigenthümer dieser Gans der Feind des Cantors. Dieser ״Lalbos" hat einen Schwager, jener wieder einen Cousin » und so ward die Gans, dieses Oorpus delicti, das Damokless.chwert für den Cantor. Mag er beim Mittagmahl sitzen oder zum pflichtschuldigen — Besuche bei einem Gemeindemitgliede sein, mag er bei der Gesangsprobe sein, oder componiren, oder die Zeitung in einem׳ Kaffeehause lesen, da wird er hinaus gerufen: »Herr Cantor! eine Gans, oder eine Ente, oder gar ein Hendl wartet auf Sie draußen", und geht er nicht gleich, oder vergaß er die Todes- Waffe ,Messer und Stein" mitzunehmen, indem er für die beffere Gesellschaft auch einen besseren Rock anlegte, was erwartet ihn da? Die größten Sottifen zuerst von der Magd, dann von ihrem Dienstgeber. Der Maurer und Taglöhuer hat Ruhestunden von 12 bis 1 Uhr Mittags und von 6 Uhr Abends bis 6 Uhr Früh, der (Saittor^rrntf nicht, jeder Handwerker hat eine bestimmte Tages- und Nachtruhe, der Cantor nicht, jener bat den Sonn- und Feiertag zur Erholung, dieser nicht. Hat er aber gar einen Ochsen oder ein Hendl טריפה geschlachtet, dann muß er seine Zuflucht nehmen zu — ja zu wem? etwa zu jener Frau, die ihm das טריפה geschlachtete Hendl in's Zimmer hiueinwirft, damit er es bezahle, oder zu dem Fleischhauer, der Zeter und Mordio schreit? Schreiber Dieses kann diese Thatsachen verbürgen, weil er aus Erfahrung spricht und ziemlich die slovakischen und mährischeu Gemeinden kennt. Ob es vielleicht in Ungarn anders und besser ist, weiß er nicht.- Schreiber Dieses kennt eine Gemeinde, wo man den Cantor bei Concerten und feierlichen Anlässen, wo er als Sänger mitwirkte, thatsächlich auf Händen herumtrug, wo er in besonders hohem Ansehen stand, da er dort auch einen Tempelgesang- Verein creirte, so daß ein Chor von 36 Männern im Tempel mitwirkte. An Feiertagen erschienen der ganze Beamtenkörper und die Honoratioren der Stadt im Tempel. Jedes einzelne Gemeindemitglied fühlte sich gehoben durch die Verehrung, die man ihrem Cantor erwies, aber welche Metamorphose vermochte ein Hendl, das nicht gleich geschlachtet worden ist, anzurichten? Der Enthusiasmirte von gestern war heute wegen des HendelS total ausgewechselt. Der Rahm und die Begeisterung von gestern war heute schon verraucht und ging in dem nicht gleich geschlachteten Hendl auf, und warum nicht? Ist ja der Cantor in der demüthigendsten Art von ihm abhängig. Zu seinem Gehalte steuert er bei, bei einer התונה .und סעודה steckt er ihm, gleich dem Schnorrer, eine מתנה in die Hand, פוריס und ע״י״ב schickt er ihm, gleich dem עני ואביון, eine מתנה. Ach wie demüthigend, wie entwürdigend! Welche Ironie! Der Cantor, der שלית צבור, der an Stelle des Hohen- Priesters für die Gemeinde zu Gott fleht רה□ עלי ובו׳ ובעד עמד המסכימים עמי בתפלתי, der mit zerknirschtem Herzen und demüthigen Sinnes betet: לבר,ש רה מיס עלי ועל שולה׳ steht hinsichtlich seiner Existenzmittel auf gleichem Niveau mit dem Schnorrer, mit dem ענו ואביון. Wird die Stellung des Cantors durch Errichtung einer Cantorenschule gesichert, dann wird sie mit Freuden begrüßt werden, und werden die Gründer derselben alle Zeit mit einem Segen für sie genannt werden, bleibt aber seine Existenz dem Maschine ist, mehr als gewöhnlich schonen muß, ohne darauf ן jungen Bäumchen gleich, das ohne stütze vom schwachen Wind׳ billige. Rücksicht zu nehmen, daß dieses Organ, durch welches er hauche geknickt wird, wozu soll uns eine solche?