Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-10-10 · Heft 35 (10.10.1883) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 35 (10.10.1883)
Date
1883-10-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452915-3452950--0762-3454831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■ '■־ '€;j!׳ :{■ fl- 1' I m 11;11:r 13 ** ■ •1;:i IM n- :-3ו Ir. ■!];■!$■ J m ■ti — 2 — Herzen Lust, indem er singt; jeder bringt die freudigen als auch die traurigen Empfindungen und Gefühle durch sangliche Töne, durch Singen zum Ausdruck. Es gäbe noch viele Belege, doch dürfte hiemit genügend bewiesen worden fein: Das Eine aber steht fest: Ein edler Sänger hat auch eine edle Seele; hätte die Menschheit nur ,halbeole Sänger', wir dürften uns mit .,halbedlen Seelen" zufrieden geben. Was den ersten, ,.sogenannten" Gesangunterricht betrifft, wird derselbe allerorts und in allen Ländern in der Schule ertheilt. Da singen die Mädchen und Knaben d'rauf los, als galt es eine Wette. Hier ist aber leider die Stätte, wo die Keime zerstört werden, wo die zarten Kinderftimmen ruinirt werden. Die Kinder lernen ihre Lieder der Melodie nach (meistens ohne Notenkenntniß) und schreien, so hoch es geht, mit der Bruststimme, anstatt in die Mittelstimme überzugehen. Doch das Kind weiß das nichr und der Lehrer meistens auch nicht. Nun kömmt die Zeit der Mutation und anstatt zu paufiren oder nur mit der allergrößten Vorsicht hie und da etwas Leichtes, nicht Anstrengendes zu singen, wird das Gegcntheil gethan. — Die jungen Leute verschreien sich die Stimme im Gymnasium, im Gesangverein oder in der Kneipe. Die meisten Stimmen werden durch das Cborsingen ruinirt. Wer da die stärkste Stimme hat. ist der richtige Mann, daheißt's: der N. N. singt für ״zehn". Kommt nun ein Sänger mit schwächerer Stimme neben dem ״Brüller" zu stehen, so ist es begreiflich, daß er seine eigene Stimme nicht hört, und die Folge hievon ist, daß man nach Leibeskräften sorcirt, den Mund nach links oder rechts zerrt; meistens wird die Hand an das Ohr gelegt, wodurch dann die Stimme ziemlich vernehmbar wird, aber auf Kosten der richtigen Toubildung und der Klangschönheit. Durch gewaltsamen Druck auf den Kehlkopf und Forciren wird jede Stimme ruinirt. Hiemit hängt auch das Falschsingen (meistens zu tief) zusammen. Es gibt viele Sänger, die wohl hören, daß sie falsch singen, aber sie können beim besten Willen nicht sicher und rein intoniren, namentlich wenn sie in gewisser Tonlage zu singen haben. Dieses Distonireu entsteht einzig und allein nur durch unrichtigen Tonansatz, wenn nicht anderseits ein Gehörfehler die Ursache ist. Vieles ist schon über Singen und Gesang geschrieben worden, aber was wurde gethan, wie wenig wurde geleistet! Es ist offenbar, daß der Sologesang (Kunstgesang) seit einigen Decennien nach abwärts schreitet. Sänger, die ein schul- und regelrecht ausgebildetcs Organ besitzen, mit richtigem verstäubnißvollem Vortrag, reiner Aussprache, guter Deklamation, Empsindung und gründlich musikalischen Kenntniffen vereinigen, sind heutzutage kaum mehr zu finden. Die Concert- und Bühnensänger der früheren Zeit waren Gesangskünstler, gebildete Musiker und Componisten, z. B. Lablache, Garcia, Nubini u. s. w.; in späterer Zeit die deutschen Sänger Staudigl und Ander. Einzelne Vorzüge, sebr bedeutende Vorzüge, sind wohl Einzelnen zuzuerkennen, aber ״Ideale", wie sie einstens lebten, findet man jetzt nicht mehr, namentlich nicht in Deutschland. Einen wahrhaft schönen, kunstgerechten Triller hört man selten mehr; ausgeglichene Register, festes Halten der Töne im Crescendo oder Decrescendo, ein schönes Portamento, abgerundete, perlende Koleratur, ist nur höchst selten noch zu finden. Viele Sänger distoniren sogar beim Portamento. Kehren wir zurück zu den Gesanglehrern. Das .1" ist Diel, zu schrill, und das ״a* viel zu nasal, hörte ich einmal einen Gesanglehrer, ,einstiger Posaunist' eines Theaterorchesters, zu einer seiner Schülerinnen sagen; wie aber das schrille ,1' und das nasale ״a' zu verbeffern wäre, konnte der gute Mann nicht sagen. Bei einem anderen Gesanglehrer ,absolvirter Apotheker' später Negenschori"an der ......... kirche in Wien, hörte ich einst eine junge Dame, die eine ausgezeichnete Altstimme von großer Schönheit hatte, die Arie des ״Fidelio' singen und dies bei stümperhafter, Clavierbegleitung. Die Dame hätte eher eine der beiden Arien des ,Sarastro' singen können, als diese hohe, dramatische Sopran-Arie. Zum Glück wurde hier der ״Fidelio' von einem ,Florestan' gerettet und sang später auf mehreren Bühnen mit vielem Erfolg erste Altpartien. Fehler auszusetzen, ist bald Jemand im Stande, die Mittel aber, durch welche die Fehler beseitigt werden können, kennen Wenige. In Deutschland glaubt eben Jeder, gleichviel ob er Geige spielt, oder sich mit Mühe und Noth ein paar Accorde auf dem Clavier zusammen sucht, Ges angunterricht ertheileu zu können. Eine andere Gattung Singlehrer bildet sich aus den Schulchören und Seminarien heraus; es sind dies Zöglinge, die etwas Musikkenntniß babcn, und in Dörfern als Schulmeister Siellung finden, oder sich in den Städten als Gesanglehrer niederlassen. Sie haben keine Ahnung von Gesangbildung, verbreiten ihre fehlerhafte Methode und Siugmanier, und verderben die ihnen zum Unterrichte übergebenen Schüler. Das stärkste Contingent bildet in neuester Zeit, das ״wilde Heer' der Gesanglehrerinnen. Da findet man ״alternde Jungfrauen', ״ältere und alte Fräuleins", die ihren Zweck verfehlt, kein Engagement, oder keinen — Mann bekamen. Sie singen zumeist höchst geschmacklos und können kaum das einfachste Lied begleiten, haben höchst geringe Literaturkenntnisse, schlagen alle Stimmen über einen Leisten; von physiologischer Gesangbildung — um die Stimmorgane naturgemäß auszubilden — selbstverständlich keine Idee. Dennoch wird darauf los unterrichtet, und ״höhere Ausbildung im Gesang' für Oper, Operette, Concert und Kirche crtheilt; man will um jeden Preis von der Kunst leben, denn sie ernährt nicht nur den Mann, sondern auch das Weib. In den Tagesblättern findet man massenhafte Annoncen dieser Lehrerinnen für Gesang, die Stunde zu 20, 30 kr. bis 1 fl. (Dies letztere scheint der höchste Begriff zu sein.) Verlockt durch den billigen Unterricht, vertrauen Mütter ihre Töchter solchen Lehrerinnen an, und wundern sich schließlich, wenn nach 3 bis 4 Jahren das oft recht begabte Fräulein Tochter noch immer nichts kann. Wie viel Stimmen und Existenzen werden da alljährlich zu Grabe getragen, wie viel Geld, und meistentheils schwer erworbenes Geld, wird hinausgeworfen (eine ganze Mitgift), und wie viel schöne Jahre werden diesen armen bethörten Mädchen geraubt. Diese traurigen Folgen bleiben bei solchem Unterrichte nicht aus. Solchen Lehrern und Lehrerinnen sollte man das Handwerk legen. Wie im gewöhnlichen Leben jeder Mensch nach seiner Construction, Individualität und Capacität behandelt und erzogen werden muß, so muß es auch beim Gesangnnterricht sein. Wie der Arzt Diagnostiker, so muß es auch der Gesanglehrer sein; er muß den Charakter einer Stimme augenblicklich und auf das Bestimmteste erkennen, und nicht etwa glauben, daß derjenige, der ein zweigestrichenes ״A" oder ״B" anschlägt, schon ein Tenorist ist. Ein junger Mann, Baritonift, mit prächtigen Stimmmitteln begabt, der mit Leichtigkeit ein ״hohes A" anschlug, wurde, nachdem er 2 Jahre lang mit großem Erfolge Baritonpartien saug, plötzlich zum Tenoristen ״geschlagen"; doch nach circa vierjähriger Thätigkeit als ״Tenorist", mußte der jugendliche Künstler sein Tenorsingen leider mit dem Theuersten bezahlen. Aehnliche Fäll e könnte ich mehrere nennen. Ueber Gesang und Gesangmethode ist, wie erwähnt, Vieles geschrieben worden und meistens in guter Absicht; auch ist kein Werk so schlecht, als daß man nicht irgend einen Nutzen daraus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.