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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-10-10 · Heft 35 (10.10.1883) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 35 (10.10.1883)
Date
1883-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische ränilmeratiVS-Preis für Wien und Umgebung und Provinz: Ganzjährig . . fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Vierteljährig . fl. 1.50 —\j\j— Für das Ausland: Ganzjährig. . fl. 7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Vierteljährig . fl. 1.75 incl. Zustellung in*« fass. Organ für die GesMmt-Ivtrrrssm jüdischer ltMkrm. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: ObercanLor Dakob Wauev. r ^|eda«Hnn und Administration Leopoldjladt, Circusgafse Nr. 20. Inserate werden billigst berechnet. Manufcripte werden nicht retournirt. Nr. 35. Wien, 10. Ortober 1883. 3. Jahrgang. Vom Singen. Unter den hohen Vorzügen, die dem Menschen von der Natur gegeben, und die ihn vor allen anderen Geschöpfen auszeichnen, gehört die Bevorzugung., daß er — begabt mit feinem Gehörsinn'— die Fähigkeit besitzt, Gefühle und Empfindungen durch articulirte Laute zu äußern. Demzufolge ist auch der Stimmorzanismus oder Stimmapparat des Menschen, im engeren Sinne, ein von der Natnr mehr ausgebildeter, kunstvollerer, leistungsfähigerer, als der eines anderen Geschöpfes. Es ist jedem Menschen möglich, seine׳ Stimmwerkzeuge bis zu einer gewissen Stufe ausbilden lassen zu können. Wie es aber bei dem Bau eines Musikinstrumentes auf die Güte des Materiales, auf Cönstruction und Verhältnis der einzelnen Theile — zum Ganzen gehörig — ankömmt, um Gutes zu erzeugen, ebenso ist es auch der Fall bei den menschlichen Ton- Werkzeugen. Der ganze Körper muß gesund sein, soll Tüchtiges, Vollkommenes geleistet werden. Das Instrument der menschlichen Stimme ist ein kunstvolles, wunderbares und gehört mit zu jenen Gottesgaben, die den Menschen vor allen anderen Wesen bevorzugen. Wenn auch manche Vögel liebliche, ja entzückende Töne, sogar Melodien hören lassen, so ist der Ban und das Volumen ihres Toninstrumentes viel zu klein und zu schwach, um dasselbe in das Bereich der Musik und des Gesanges ziehen zu können. Wir bewundern hierin nichts weiter als die Größe des Schöpfers. — Nun hat jeder Mensch mehr oder weniger Anlage und Fähigkeit, aber immerhin die Gabe seine Stimme soweit zu vervollkommnen, daß dessen Töne durch Kunst veredelte Töne genannt zu werden verdienen. Jeder vernünftig denkende Mensch fühlt, woher seine Stimme tönt und wie sie erzeugt wird, er wird daher auch fühlen und empfinden, was die Stimme verunschönt und schwächt, was sie angenehmer klingen läßt und kräftigt. Jeder auf Bildung Anspruch Machende wird sich hier von dem Ungebildeten unterscheiden. Kind ern und Unerfahrenen aber muß jene Aufmerksamkeit zugewendet werden, wie in der körperlichen Erziehung überhaupt; denn nur Dasjenige, kann gedeihen und kraftvoll für längere Zeit bestehen, was die gehörige Pflege von frühester Jugend an erhalten hat. Es kommt freilich darauf an, ob das Product von Natur aus ein gesundes und lebensfähiges ist, und von diesem sprechen wir hier. Ein solches Product kann bis zur höchsten Kraft und Veredelung gebracht werden. Schwächliche Products müssen, so viel in der Macht und Gewalt des Verständigen steht, gestählt werden; doch dürfen die Saiten nicht höher gespannt werden, als es deren Spannkraft verträgt. — Vom glücklichen Bau des Stimmorganes, sowie von der Beschaffenheit des ganzen menschlichen Körpers und des Temperamentes hängt . es ab, dasjenige leisten zu können, was in unserem Bereiche erzielt werden kann. Diese Kraft, mit einer richtigen und natürlichen Empsindung in Verbindung gebracht, wird unter verftändnißvoller Leitung leicht und lange andauernd das leisten können, was die Kunst in ihrer höchsten Vollendung fordert. Es ist nicht unumgänglich nothwendig, daß der Sprecher oder Sänger den Bau seines Tonwerkes so genau kenne, wie der Arzt es kennen soll und muß, es genügt, wenn er das Stimmorgan im gesunden Zustande so zu schonen und zu erhalten versteht, wie dis übrigen Organe, deren Construciion ihm ebenfalls unbekannt ist. In leidendem Zustande ist immer der Arzt zu Rache zu ziehen; auch gibt es ja seil einigen Jahren Special-Aerzte für Hals- und Kehlkopfleiden; jedoch ist zur -allfälligen Behandlung ein erfahrener Gesanglehrer beizuziehen. Um Stimme und Organismus zu kräftigen, ist das Gesetz der Mäßigkeit und Reinlichkeit geboten. Hauptsächlich aber kommt es hier auf die erste Erziehung an; daher sollte sehr darauf geachtet werden, daßin Elementarschulen, Gymnasien u. s. w. verständige, gebildete und erfahrene Singlehrer den Unterricht im Gesänge ertheilen. Werden an solchen Schulen und Instituten tüchtige Gesangle hrer unterrichten, so wird die spätere, höhere Ausbildung im Gesänge ohne jede Schwierigkeit vor sich gehen, und es wird eine bedeutend größere Zahl feiner und edler Sänger geben, als heutzutage. Wollte uns Jemand als den Schöpfer eines ,singenden Zeitalters* hinstellen und bekritteln, so fragen wir ihn, ob er denn nicht weiß, daß jeder Mensch noI6n8 volens singt — singen muß. Das Kind, wie der Greis, — der Geselle, wie der Meister — jeder Mensch macht dem freudigen als auch dem gepressten

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