Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 34 (2.10.1883)
- Date
- 1883-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Erster Ausflug eines Virtuosen. Von ihm selbst erzählt. (Schluß.) Als wir Mittag hielten, beunruhigte uns der fürstliche Kutscher durch eine zwiefache, nachdrückliche Bemerkung. Da wir so spät fortgemacht haben, sagte er, so kommen wir erst Nachts ein oder zwei Ubr nach-T. Signora empörte sich: ,Ich fahre nie zu Nacht! ich fürchte mich im Finstern!" Das änderte nichts. Da bearbeitete sie mit freundlichsten Mienen und Worten, welche die Jungfer dolmetschen mußte, den riesenhaften Mann, bis er sich den Schnauzbart strich und meinte: Na, so bleiben wir wo anders zu Nacht und fahren den Morgen vollends hin. Aber, fuhr er fort, den Nachmittag kann's auch ein Donnerwetter geben. Neue Empörung, aber auch neue Begütigung — diesmal sogar des Himmels; denn dieser ließ es nur von ferne donnern, verwandelte jedoch das Gewitter in einen gewaltigen Schlagregen. Da brach aber eine andere Noth herein. Nun hieß es erst recht: Nais, mon carton! ah, mon earton! Und wirklich wäre, ohne Hilfe, das Ding, trotz seiner schwarzen Decke, zu Brei zer׳ schmolzen. Man mußte halten. Der Kasten wurde abgebunden: die Zofe mußte ihn herein, vor sich auf den Schooß nehmen. Nun war die Unglückliche aber klein von Person: und so stack sie dahinter, daß wir auch keine Spur von ihr erblicken konnten. Sie ächzte, sie stöhnte; endlich sing sie bitterlich an zu weinen. Da brach mir das Herz. ,Du bist ja ein Niese gegen sie und darfst nicht befürchten, ganz hinter dem Bollwerk verschüttet zu werden". Ich drang in die Jungfer, sich herüber zu setzen, und mir jene enge Fuge mit sammt der Pappmaschine zu überlassen. Mein Auge hatte richtig gemessen: hielt ich den Kopf zurück, so war ich blos bis an die Nase verdeckt und konnte ein Weniges sehen. Aber was sah' ich? daß Signora mich auslachte, und das Mädchen sich so einnistete, als verstände sich das von selbst und hätte von mir gleich Anfangs gethan werden müssen. Ob aber jemals ein Virtuos sich in beklemmterer Lage befunden habe, als ich diese Stunden: das möcht' ich bezweifeln. Und nun noch dies Bezeugen derer, um die ich litt—! Dow wenn die Noth am größten ist, ist die Hilfe am nächsten. Und was brachte mir Hilfe? Was vielen Anderen das Gegentheil bringt: die Grenzmauth. Mein Kasten ward zuerst hinaußgereicht: ich folgte, die Pässe unterzeichnen zu lassen. Indessen hatten die Untcrbedientcn deS Mauthamres ihr Geschäft am Wagen, und zwar von vorncn, begonnen: so war mein Paketchen und mein Guitarrenfntteral das Erste, was untersucht wurde. Beides ward probat erfunden, und ich trug's in's Haus. Die tbätigen Männer mit ihren ausdrucksvollen, doch nicht eben vortheilhaften Gesichtern iutercssirten mich: aufmerksam sah ich ihrem Verfahren zu. Darüber vergaß ich meine Habseligkeiten, bis Alles in Richtigkeit war und der Kutscher mich erinnerte. Ich sprang, sie zu holen. Ich kam zurück. Wie ich nun aber wieder an den Kutschenschlag trat, die Damen jenen Hutkasten — damit mir das Einsteigen möglich würde — beide hart vor sich genommen hatten, so daß sie nun so wenig mich sehen konnten, als ich sie; das neubeginnendc Elend mich frostig anwiderte, und sie beide doch wieder laut zu lachen anfingen: da schoß mir ein kühner Gedanke durch den Kopf und ein männliches Selbstbewußtsein in das Herz. Schnell drehte ich den Wirbel des Kuschenschlages zu, und rief überlaut: ,Kutscher, fahr' zu! ich wünsche eine glückliche Reise!" Sie kreischten: ° ich hörte nicht, und fort ging's; ich aber stand da, ein freier, ein glücklich geretteter Mann. Indem fuhr wieder ein Wagen vor: Gras Sch. laß darin, und allein. Er sah mich an, fragte heiter und freundlich, erfuhr — Er,; der entschiedene Musikfreund •4t; wer ich sei und daß ich ihm die Badezeit verkürzen könne. Er nahm mich mit, ich mußte bei ihm wohnen; er war in den ersten Cirkcln angesehen und beliebt, ja er bildete selbst einen dieser ersten Cirkel: so ward ich bekannt, und dies der erste Grund zu allen dem Guten und Schönen, was ich bis zum heutigen Tage mit Hilfe meines guten Geschickes errungen habe. Die Signora habe ich nie wieder getroffen, wohl aber, nach Jahren, die Zofe, als Gastwirthin zum rothen Hahn in M. Sie befand sich wohl und hatte einen gewaltigen Umfang ge- Wonnen. Wir erinnerten uns jener Schlußseene, und ich berichtete deren wichtige Folgen für mich. So bin ich eigentlich an all' Ihrem Glücke Schuld, sagte sie. Wir haben morgen Jahrmarkt: ich bin gewiß, Sie werden nicht abreisen, ohne mir ein angenchmes Andenken Ihrer Erkenntlichkeit zurückzulassen. Rechnen Sie darauf, versetzte ich. Und als ich meine Zeche bezahlt hatte und im Wagen saß, reichte ich ihr, mit bedeutungsvollem Händedruck, was ich für sie eingekauft und was sie gut brauchen konnte: einen Schnürsenkel. Kleine Chronik. Wien. Der ״N. Fr. Presse" vom 25. September d. I. entnehmen wir folgendes Schreiben des in: Amerika lebenden, berühmten Achtundvierzigers, Hanns Kndlich, in welchem derselbe seine Ansichten über den Antisemitismus kundgibt: Hoboken, 8. September 1883. Wertster Herr! Vor einigen Wochen enthielten die österreichischen Zeitungen Briefe über die Tisza-Eszlarer Affaire, die mit meinem Namen unterzeichnet waren. Gestatten Sie mir nun, hiemit zu erklären, daß weder der judenfreundliche noch der judenfeindliche dieser Briefe von mir herrührte, daß beide vom Anfang bis zum Ende erdichtet sind, daß ich einen Baron des Namens Borowitzki nicht kenne und daß ich durch kein Kabeltelegramm darüber interpellirt worden bin. *) Erlauben Sie mir ferner, meine Ansicht über den Antisemitismus, diese neueste Blnthe des praktischen Materialismus, die so schön mit den übrigen Erscheinungen Eis- und Translcithaniens harmonirt, in Kürze auseinanderzusctzen. Ich sollte mich eigentlich für beleidigt halten, daß es in Oesterreich Menschen geben kann, die mich antisemitischer Gesinnung fähig halten! Allein, wenn ich bedenke, welche Wandlungen hervorragendere Achtundvierziger durchgemacht haben, wie z. B. aus einem polnischen republikanischen Cato ein mit Clerus und Hochadel verbündeter Geheimrath wurde, dessen Porträt, auf Staatskosten gemalt, im Neichsrathssaale zur Aufmunterung der österreichischen Jugend aufgehängt wird r— wie der ehemalige Sprecher und Führer der Deutschen im October 1848, wunderbar bekehrt, sich in einen Betbruder, Czechen und Jesuiten verwandelte — und wie der czechische Advocat des Grundsatzes: ,Alle Gewalt gehr vom Volke aus', in einem Vertheidiger der Schulnovelle und in einem Schleppträger des böhmischen Hochadels sich ent- *) Bekam:ilich lief vor einigen Wochen ein apokrypher Brief Kudlich's, welcher sich in der schärfsten Weise gegen die antisemitische Agitation au!-- sprach, durch die Blätter. Bald darauf tauchte die Mittheilung auf, ein Baron Borowitzki, angeblich ein alter Freund Kudlich's, habe, befremdet über den Inhalt dieses Briefes, welcher nach seinem Dafürhalten den Gesinnungen Kudlich's nicht entsprach, bei Letzterem durch eine Kabeldepesche angcfragt, ob jener Brief echt sei, und darauf eine schriftliche Antwort erhalten, die sich ebenso entschieden für die Antisemiten aussprach, als jenes erste Schreiben gegen dieselben Partei nahm. Der vorliegende Brief, dessen Echtheit wir verbürgen können und dessen Original sich in der Redaction der «N. Fr. Pr." befindet, gibt nunmehr'hinlängliche Aufklärung über den wahren Sachverhalt. . Anm. d. Red.