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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-10-02 · Heft 34 (2.10.1883) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 34 (2.10.1883)
Date
1883-10-02
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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--puppt — dann muß ich allerdings zugestehen, daß die öffentliche Meinung berechtigt ist, einem alten Achtundvierziger die tollsten politischen Purzelbäume zuzuschreiben. Ich für meine Person habe bisher keine genügende Voranlassung gefunden, meine Ansichten über Recht und Pflicht und über die Gleichberechtigung aller Menschen zu ändern. Meine antisemitische Periode habe ich ja glücklich hinter mir! Denn auch ich zählte in den schönen Tagen meiner Dorfjugeudzcit zu den Verfolgern der Juden. Daß die Znden Christum gekreuzigt, das sagte uns der Pfarrer, und daß sie Christenkinder abschlachteten, das erfuhren wir von den Kindermädchen, die es wußten, ohne den Talmud oder Professor Nohling's Schriften gelesen zu haben. Geriet!) ein jüdischer Hausirer in's Dorf, so wurde er gesteinigt, die Hunde ׳wurden auf ihn gehetzt, und jede Unbill war gegen ihn erlaubt. Doch cs kam das Studium der Geschichte, der Philosophie, mit einem Worte: die Aufklärung des Gymnasiums und der Universität. Ich saß mit diesem und jenem Juden auf derselben Bank. Es bildeten sich Bekanntschaften und Freundschaften. Die jüdischen Studenten gehörten zu den wissenseifrigsten und hellsten Köpfen, und es war eine wahre Freude, mit ihnen wissenschaftliche oder schöngeistige Themata zu besprechen. Dann kam das Jahr 1848, das Jahr, das die Herzen und Nieren prüfte. Ich kann mich nicht erinnern, damals einen reäctiouären oder feigen Juden unter den Studenten gekannt zu haben. Sie fochten tapfer mit dem Schwerte und mit der Feder, Goldmark, Fischhof, Adolf Wiesner, Mannheimer werden immer . zu den schönsten Erscheinungen der österreichischen Geschichte gehören. Ich hatte stets Glück mit den Juden. Auch im Flüchtlingsleben in der Schweiz habe ich unter ihnen die prächtigsten Männer gefunden. Heinrich Simon, Johann Jacoby gehören zu meinen liebsten Erinnerungen. Ich glaube, im ganzen böhmischen Hochadel reicht keiner an sie hinan! Auch in der neuen Welt zählen Juden zu meinen besten und verläßlichsten Freunden. Ich habe die Concurrenz der Juden niemals gefürchtet. Sie sind nicht mit einem besseren Gehirn begabt, wie die Germanen. Allein, sie sind fleißiger, eifriger und darum erfolgreicher. Doch schlägt hier in Amerika der fleißige und frugale Plattdeutsche sogar den Juden aus dem Felde, während der geniale, aber bummelnde Süddeutsche dem Juden nicht gewachsen ist. Man haßt und verfolgt den Juden bei euch, weil er inmitten des allgemeinen öconomischen Niederganges sich aufrecht erhält oder gar prosperirt. Dies hat er wohl nur seiner Nüchteruheit, seinem Fleiße zu verdanken. Er spart und kratzt das zusammen, was Andere vergeuden. Man will nun den öconomischen Niedergang des Volkes, des Handwerkers, Bauers, Bürgers, Beamten, Officiers und des Edelmannes durch Vertreibung des Juden aufhalten. Ich. glaube aber, wenn es heute gelänge, alle Juden ans Oesterreich herauszueseamotiren, so würde bei den gegenwärtigen elenden Erwerbs- und horrend drückenden Steuer- Verhältnissen doch weder Bürger noch Bauer sich des Lebens freuen können; jagt den wucherischen.Juden fort, laßt aber den klebrigen ihre flotte Genußsucht und Arbeitsscheu, so werdet ihr doch nicht das Verderben abhalten! Die Europäer sind ein aristokratisches Volk. Wenn der jüdische oder christliche Finauzbaron, dessen Geld doch durch eigene oder des Vaters Arbeit gemacht wurde, vierspännig durch die Straßen fährt, so ballt der Antisemit die Faust! Und dieselbe Faust fährt gehorsamst an den Hut, wenn der feudale Fürst, in dessen Familie die Arbeit schon seit unerdenklichen Zeiten außer Mode gekommen ist, ebenso vierspännig um die Ecke biegt! Die Deutschen haben am wenigsten Grund, sich den Antisemiten anzuschließen, denn die gebildeten Juden sind die besten Deutschen, sie sind am intensivsten durchdrungen von deutscher Cultur und Poesie. Ich halte es entschieden für einen strategischen Fehler, wenn der Mann, der sich selbst zum Führer der Deutschnationalen proclamirte, den numerischen und geistigen Succurs des intelligenten Judenthums verschmäht und die jüdische Masse in's Lager der Gegner treibt. Eine Feigheit bleibt es aber immer, wenn das hochbegabte Volk der 40 Millionen Teutonen sich vor der winzigen Anzabl der Juden fürchtet, oder wenn die Tribunen des Volkes gegen die Juden losziehen, statt die alljährlich wiederkehrenden Deficite, die hypertrophische Armee, die übermäßige, ungleichmäßige Besteuerung, die unnöthigen und unnützen Kriege, die lawinenartig anwachsenden Latifundien des Großgrundbesitzes und die Millionen des mobilen Cavirals u. s. w. als Ursachen des öconomischen Verfalles zu attaqniren! Das Judenthum ist dort, wo cs bereits seit hundert Jahren emancipirl ist, wie in Frankreich, von der Nation absorbirt. Deshalb sind in Frankreich so wenig Aussichten für den Antisemitismus wie in England. In Deutschland und Oesterreich datirt die Gleichstellung der Juden erst seit 35 Jabrsn. Lassen wir ihnen noch etwas Zeit, und sie werden sich allmälig assimiliren. . Doch — Herr Redacteur! Verzeihung, ich fürchte, ich hätte schon früher schließen sollen. Ich zeichne endlich mit besonderer Hochachtung Hanns K u d l i ch. Wien. (Orig.-Corresp.) Herr, Cantor I. Schiller erhielt vom Vorstände der hiesigen israelitischen CultuSgemeinde eine Zuschrift, in welchem demselben die vollste Anerkennung des Vorstandes für die Vertretung der während der Sommermonate beurlaubten Cantoreu ausgesprochen wird. Als Remuneration für diese höchst anstrengende Thätigkeit war dem Schreiben ein namhafter Betrag beigeschlossen. Oroß-Kanizsa. Auf Anregung unseres allverehrten Ober- Rabbiners Herrn Dr. Ed. Neu mann, ist für die nächsten Feiertage eine Reform des Gottesdienstes, wie selbe in Berlin und München üblich ist, eingeführt. Alle Gebete bezüglich der Rückkehr nach Jsrusalem, des Aufbaues des Heiligthums, der Wiedererrichtung des Opfereultus, ferner des Partikularismns Israels als bevorzugte Nation, der einstigen Zusammenführung aus allen Enden der Welt u. s. w. find aus diesem Gebeibuche theils weggelassen, theils durch andere zeitgemäße ersetzt. Der Rabbiner ist am wesentlichen Gottesdienst stark betheiligt, indem er an wichtigen Stellen selbst Gebete in der Landesspräche vorträgt. — So hat Groß-Kanizsa trotz Verfolgungen und mittelalterlichen Spuck von Außen die Zukunstsidee des Judenthums in ihrem wahren Lichte erfasset und sein Banner, auf welchem stets das Wort ״Vorwärts" in Lapidarbuchstaben eingravirt war, wieder entfaltet und läßt sich in seinem Laufe durch kein äußeres Hinderniß hemmen. G. Correspond enz der Nedaetion. E. W. in K. Halbjähriger Abonnementsbetrag beträgt 3 fl. An Gründungsbeitraz für den Verein ist 2 fl. zu entrichten und vierteljähriger Beitragest. 1. Gruß. ׳Lchw. in M. O- Fortsetzung erscheint in nächster Nummer. Gingesandte» erhalten. Gruß. S. in K. Die eingesandte Arbeit nicht verwendbar, zu viel Anklänge an bekannte Melodiecn B. in P. Mit Einschluß de» am l. October beginnenden Quartales beträgt Ihr Rückstand 4 st. Gruß. Red. d. Dr Z. Ueber ihr freundliches Anerbieten werden wir unS nach den Feiertagen äußern. Jetzt sind wir allzusehr mit Arbeit überhäuft. Besprechung folgt in nächster Nummer. Gruß. Kin L. Alles ihren Wünschen gemäß geordnet. Allen unseren geehrten Herren Collegen sowie den Freunden und Lesern unseres Blattes wünschen wir,"DIE כתיבה וחתימה. Die Redsction.

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