Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 34 (2.10.1883)
- Date
- 1883-10-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Vom zweckmäßigen Gebrauch der Mittel der Tonkunst. v. Hier nimmt nun. von aller Welt zugestanden,- der Albrecht Dürer deutscher Tonkunst, Vater Sebastian Bach, den ersten Platz ein; sa. er wird allgemein als Repräsentant dieser ganzen Musikart betrachtet und sein Name fast sprichwörtlich zur Be- Zeichnung derselben gebraucht. Wer seine Werke zu fassen, in all' ihrem, gleichsam geheimen Neichthum zu durchdriugcn vermag, und sich an sie, in ihrer oft höchst sonderbaren Eigenthümlichkeit, gewöhnt hat, der hat in ihnen, für Einsicht und Empfindung, so ziemlich beisammen das Vollendetste, was in dieser Art über- Haupt geleistet worden und wobl auch das Entscheidendste, was in ihr irgend geleistet werden kann. Aber sich an sie gewöhnen >— das mutz man allerdings zuvor; das liegt an ihnen, wie an uns. Sie sind von neuer, vollends neuester Musik nicht nur ganz verschieden, sondern treten meist ihr schroff entgegen: wir aber find, wo nicht allein, doch bei weitem vorzüglich, an neue und neueste Musik gewöhnt; und dermaßen, daß unsere gesammte Art, Musik aufzunehmen, eine andere geworden ist, so, datz ohne Vergleich die Meisten auch Werke alter Zeit in dieser Art empfangeu. Manche diese Werke, z. B. von Händel, von Durante, lassen dieses ebenfalls auch zu, und geben dann für Ohr und Empfindung wenigstens nicht ein falsches Resultat: aber die meisten und eben die größten von Bach, lassen jenes nicht zu, und ihr Resultat für Ohr und Empfindung, werden sie also vernommen, ist oftmals kaum mehr, als eines gährendeu, verwirrenden, übertäubenden Chaos; ,Finsterniß ruht auf der Tiefe.* Um nun aber den großen Mann kennen, würdigen und genießen zu lernen, dienen schon seine Compofitionen für die Orgel, und die sehr zahlreichen, für das Clavier: weit mehr aber seine großen Gesangstücke für die Kirche — achtstimmige Motetten ohne Begleitung der Instrumente, Messen und Kirchencantaten mit Begleitung der Instrumente. Die ersten sind nun sämmtlich, von den zweiten ist nur eine — gleichfalls zu acht realen Stimmen gearbeitet, von den dritten gleichfalls nur eine (über Luthers: Ein' feste Burg ist unser Gott) gedruckt. Die letzteren, Ergebnisse des höchsten Aufschwunges seines reichen Geistes, frommen Herzens und kaum begreiflichen Fleißes, sind zum Theil, wie jene gedruckte Cantate, über Melodieen bekannter, vorzüglich geliebter Kirchenchoräle geschrieben, damit die Gemeinde, die freilich seiner Ausarbeitung nicht folgen konnte, an diesen überall hindurchklingenden Melodieen doch etwas hätte. Bach hat ihrer über hundert geschrieben: sie sind aber, bis auf wenige, verloren oder doch in die Repositorien der Sammler von Seltenheiten ver׳ schleppt; und aus diesen ist selten Erlösung. Wenigstens habe ich, an dem Orte lebend, wo sie entsprungen, und nach mehr als dreißigjährigen Bemühungen um sie, nur vier entdecken können: jene gedruckte, eine über ,Gott, meine Freude', eine über ,Mach's mit mir Gott nach deiner Güt", und eine über ,Warum sollt' ich mich denn grämen?' Groß — recht eigentlich in dem Sinne, wie wir es hier meinen, sind sie alle, bewundernswürdig auch: aber die letzte ist in mehreren Sätzen zugleich höchst rührend. Mehr dem Modernen sich nähernd, aber ebenfalls glänzend in Reichthum und eigenthümlicher Größe, ist das zweichörige ״Heilig" des trefflichen Sohnes dieses trefflichen Vaters — Carl Philipp Emanuel — bis auf die kurze Einleitung, die in ihrer fast gleichgiltig lastenden Einfalt das Absichtliche und auf die Folge Berechnete allzusehr bemerklich werden läßt. Fasch, dieser tiefe, stille Geist, diese edle, wahrhaft fromme Se-ele, hat, in der sechzehnuimmigen Mista, im achtstimmigen Miserere und in seinen signrirten Chorälen, vortreffliche Stücke dieser Art und dieses Ausdruckes geliefert: man kann sie aber bis jetzt nur noch vernehmen, wenn man die Berliner Singacademie vernimmt; denn diese besitzt sie allein. — Benevoli, auf dessen Vollstimmigkeir und Größe in derselben ehedem Italien stolz war, ist doch meht reich und kunsterfahren, als groß. Höher steht und vollendeter in sich erscheint, was in Feo's und Scarlatti's Werken, dem Styl und dem Ausdruck nach hieher gehört. Mit Fasch scheinen die Meister dieser letztangeführten Art musikalischer Darstellung des Großen ausgeftorben zu sein. Und das ist nicht zu verwundern. Ohne gelassenes Zusammenfasten aller, wiewohl hochgesteigerten Kräfte eines reichbegabten Gemüthes, und ohne lange, feste Ausdauer in solcher Fassung und Steigerung, können dergleichen Werke nicht ausgedacht und empfangen; ohne vollkommene Kenntniß der Harmonie auch in ihren dunklern Tiefen, und ohne große Geübtheit, mit ihr auch da frei und unbehindert zu schalten, können sie nicht geboren; ohne die größte Sorgsamkeit auch für alle Einzelheiten und ohne den beharrlichsten Fleiß können sie nicht ausgebildet und vollendet werden. Man muß sogar hinzusetzen: Ohne besonderen' eben für diese Gattung und ihre höheren Zwecke geeigneten Sinn schon von der Natur vorbereiter, und ohne Vorschule, auch mancherlei Vorübungen, können sie nicht ganz verstanden und durchempfunden, mithin nicht wahrhaft gewürdigt und vollständig genosten werden; was dem nicht widerspricht, was oben von der Wirkung ihrer Gesammtheit und von den Resultaten ihres Ausdruckes für die Empfindung gesagt worden ist. Ist es doch mit reichen, großen Compofitionen verwandten Geistes und ver- Wandler Darstellungsart der Dichter oder anderer Künstler vergangener Jahrhunderte dasselbe; und wer. blos seiner Natur, täglichen Erfahrung und jetziger Zeit gemäßen Bildung vertrauend, der Meinung ist, er verstehe, empfinde, würdige, genieße — z. B. Shakespeare, ganz wie er ist. oder die Maler Italiens vor Raphael, die Maler Deutschlands vor und mit Dürer — der bildet sich's nur ein oder möchte es Anderen einbilden, sogar wenn er selbst ein mit Recht geschätzter und beliebter, aber blos zeitgemäßer Dichter oder Maler ist. Was zur Zeit des Entstehens jener Werke die Zeit selbst, den Verfassern wie den Theilnebmern, vorgearbeitet: das ist vorüber, und wir müssen es, so weit wir können, geistig, nicht ohne Ernst und Bemühung, in uns wieder, gebären, sollen solche Werke in der That und Wahrheit uns nahe kommen und endlich vielleicht unser geistiges Eigenthum werden. Die Empfindungen des Anmuthigen und Lieblichen be. schreiben zu wollen, hieße (mit Polonius zu sprechen) ausführen, daß Tag Tag, Nacht Nacht, Zeit Zeit sei, und damit Tag» Nacht und Zeit verschwenden. Sie und ihre Gegenstände begegnen uns im Leben, dem geistigen und natürlichen, ohne Vergleich öfter, als die des Erhabenen oder Großen, und deren Gegenstände; ein Jeder ist zu jeder Zeit für sie aufgelegt, und, steher's sonst beim Gleichen, für sie auch fähig; ein Jeder hat sie selbst in der Fülle ihrer Schönheit genossen, und ist sich ihrer so bestimmr und lebhaft bewußt worden, daß er sie von allen anderen unterscheiden kann: wenigstens würde, wer hier ohne sonderliche Grfahrung geblieben, mit der Tonkunst, als welche in dieser Himmelsgegend einen Lieblingssitz und zum Anbau ihr weitestes und ergiebigstes Feld inne hat, schwerlich zu thun haben wollen. (Fortsetzung folgt.)