Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 31 (8.9.1883)
- Date
- 1883-09-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3452915-3452946--0722-3454787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erster Ausflug eines Virtuosen. :; Von ihm selbst erzählt. (Fortsetzung.) Bei dieser Miene, bei diesen Worten bemächtigte sich «rernex eine, nur aus dem Vorhergegangenen erklärliche, wahrhast dumme Rührung, die mir das Wasser in die Augen trieb, aber kein Wort über die Lippen ließ. Ich bückte mich nur einmal über das andere. Mit noch mehr erbarmender Güte, fuhr der Kammerherr fort: Seine Durchlaucht haben blos Quartettmusik hier; lieben aber vorzüglich Gesang beim Clavier. Wenn Sereuissimus Sie zu hören geruhen, so — genirt Sie das doch nicht? — Nein! war Alles, was ich herausbrachte. Sie besitzen auch einige noch ungedruckte Musik von Mozart, schreibt mir mein Freund. Sind's Gesänge. Za! Haben Sie sie bei sich? Er meinte wohl: aus der Reise; ich verstand's aber wörtlich, fuhr in die Tasche und langte mein Schreibtäfelchen heraus. (Mozart war nämlich eben damals an die hohe Tagesordnung gekommen; denn seit einem halben Jahre lag er im Grabe.) Ich jagte: Hier sind z. B. zwei kleine, aber wunderschöne Lieder, die der göttliche Meister auf seiner letzten Durchreise für eine Freundin geschrieben hat. Ich reichte sie hin; es waren dieselben, die später in das fünfte Heft der Mozart'schen Werke, Leipzig, bei Breitkopf und Härtel, S. 8. u. stgz., ausgenommen worden sind. Der Kammer- Herr warf einen Blick darauf, reichte sie mir wieder — indem kam jener, mir nun unaussprechlich fatale Patron zurück und brachte zwei Tassen Ebocolade. Eine sreundliche Wendung des Kammerherrn gegen mich: Himmel, ich mußte wirklich die eine ergreifen! Aber, vor innerer Bewegung trinken zu können, weit entfernt, vermochte ich kaum mit zitternden Händen sie festzuhalten, und dankte Gott, als ich, nahe an einem marmornen Pfeilertische stehend, sie mit Ehren los werden konnte. Der Kammerherr, hierauf nicht achtend, genoß seinen Theil; dann begann, er: Wie war' cs, wenn Sie mich diese Lieder gleich jetzt hören ließen? Er öffnete das Pianoforte. ,Jft's gcfäLIig . Das war Balsam in meine Wunden. — Einige Griffe auf dem Instrumente: es war gut und ailch rein in der Stirnmung. Ich spielte, und die gewaltsame Bewegung meines Znuern hatte ihren Ableiter: sie schien durch meine Fingerspitzen zu strömen. Ich süblte, ich spiele nicht schlecht: das hob und stärkte mich; nun spielte ich besser und feuriger. Endlich machte icheinen Mtldereu Uebergaug, wie ihn das erste jener Lieder verlangte, und begann jetzt mit befreieter Brust das, von Felix Weiße gedichtete kleine Stück: Znfriedenbeit. Kaum batte ich den Gesang begonnen, so wurde die zweite Tbür des Zimmers halb eröffnet. Jcv, schielte über das Blatt in jenes Gemach; da saß eine wunderschöne, junge Dame auf dem Sopba, und neben ihr Sereuissimus letbbasiig. O jetzt, da ich durch meine Kunst ge- Hoden,, und in. ihr glückltck) war, jetzt störte mich das nicht im Geringsten! Ich lang uni noch inniger, und bemühte mich, noch deutlicher auszuipiechen. So mißlang mir keineswegs die erste Strophe: Wie lauft, wie rubig fnbl' ich bicr Des Lcr-ens Fr uden obn:■ Sorgen! Und!ionder. Ahndung leuchtet mir Willkommen j-drr Morgen — die zweite Strophe: Mein frohes, mein zufriednes Herz Tanzt nach der Melodie der Haine; t Und angenehm ist selbst der Schmerz, Wenn ich vor Liebe weine , diese gelang mir noch besser; und so begann ich um so Herz- Hafter die dritte: ״Wie sehr" . . . Da fuhr es mit Eins, wie ein Donnerschlag, bei mir nieder; mein Blut stockte, meine Hände bebten, Todtenkälte überflog mich, die Stimme brach — Entsetzlich! die Strophe heißt ja: »Wie sebr lach' ich die Großen aus" — und, Gott! da saß ja ein Großer! — Ich war um allen meinen Verstand. Ich sprang auf, und sein letzter Nest reichte gerade noch aus, daß ich die Thür fand,- durch die ich hereingekommen war. Draußen stürzten Himmel und Erde auf mich ein. Ich rasete, wie aus einer Kanone geschossen, den großen Kastaniengang hindurch, bis endlich der Fluß, der quervor rinnt, mir Eilihalt that. Hier kam mir der erste Gedanke wieder, und der war: Hinein! ersäufe dich und deine Dummheit! Aus ist's doch mit dir! Der Herzog für feine Huld und Gnade zur Nach' cntflamnlt; der Kammerherr für sein Protcctorat beschämt, gekränkt, vielleicht selbst bedroht; und sie — sie — Ach, das war das Entsetzlichste! Denn daß ich's nur gestehe: die Dame im zweiten Zimmer, die Himmelsgöttin, gegen die selbst der Erdengott sichtbar in Huldigung sich beugte; sie batte :—unversehens, vermnthe ich — gewaltsame Umtriebe in meinem Innern erregt. Mozart's Lied, war der Marseiler-Marsch dieser meiner Revolution, und .wirkte eben wie jener auf die Franzosen: es sprach nicht aus, was ich empfand, es regte mich auf, daß.ich's empfand. Und nun — Alles, Alles mit einem Schlage — nicht, einmal des grausamen Geschickes, sondern meiner eigenen Albernheit, dahin und vernichtet! (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Anläßlich der glücklichen Entbindung der Kronprinzessin Stephanie wurde Sonntag den 2. September 6 Uhr Abends in beiden Tempeln der israelitischen Cultusgemeinde, bei festlicher Beleuchtung der heiligen Räume, ein Dankgottesdienst abgehalten. Nach dem einleitenden Na to'tvu.^von Sulzer wurde,( bei offener Bundeslade., die für diese Gelegenheit^—iwn^Obercantor Josef Singer componirte Fest- Hymne (Ps. 61) anfgeführt. Die Composiliou, eine.im großen Style angelegte Arbeit, wurde von Obereantor Singer, mir Unterstützung des Chores, in kunstvoller und weihevoller Weise vorgetragen und trug sehr viel zur Hebung der festlichen Stimmung bei. Sämmtliche Piecen wurden von dem gut geschulten Chore, bei welchem auch die beiden Eantoren am Stadttempel mitwirkten vortrefflich zur Aussührung gebracht. Nachdem noch Prediger Dr. Zellinek in begeisternder Rede die Bedeutung des Tages als eine gemeinsame Feier aller Völker Österreichs geschildert hatte, wurde zum Schlüsse vom Chore unter Theilnahme der Gemeinde die Volksbymne gesungen. Anwesend waren als Delegirte des Vorstandes Dr. Komperr, Emanuel Baumgarten, Gemeinderath Simon Joseph Bachrach, Adolph Stiassny und viele Gemeindemitglieder. Aus demselben Anlasse fand Montag den 3. September 6 Uhr Abends im Tempel der türkischen Jsraeliten-Gemeinde in Wien ein Dankgottesdienst statt, an welchem außer dem Vorstands und den Gemeindemitgliedern, ein zahlreiches distinguirtes Publikum Theil nahm. Der Gottesdienst wurde mit den festlichen Klängen des Na towu von Naumburg eingeleitet, worauf dann Obereantor Bauer in kunstvoller Vereinigung von Lied und Wort ein für dieses Fest verfaßtes hebräisches Gebet für das Kaiserhaus vortrug. Den Schluß bildete Psalm 61 vvn Obereantor Singer, welche Composition auch hier von Cantor und Chor vortrefflich gesungen wurde