Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 31 (8.9.1883)
- Date
- 1883-09-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Auch diese Art harmonischer Fülle suchen wir hier nicht. — Nach diesem wird man sich bestimmter denken, was oben von der Stärke in sichtbaren Gegenständen, die erhaben wirken sollen, gesagt worden, und nun auch die Anwendung auf Musik leicht machen. Wir kommen aus eine Fülle der Harmonie großer, tiefer Gedanken (die darum doch sehr einfach sein können), vielstimmig aufgefaßt und vielstimmig in gleichem Charakter fortgeführt. Wollen wir aber den angegebenen Vergleich mit sichtbar erhabenen Gegenständen noch Weiler forlsetzen: so können wir viel Fingerzeige nach dem Rechten und Wahren auch im Einzelnen, besonders in Ansehung der zweckmäßigen Verwendung der Kunstmittel entdecken. Z. B. wir kommen, in Absicht der Art der Führung jener Harmonie, aus Ausweichungen im fremde Tonarten — aber nicht bizarre, sondern kühne, ans solche, die nicht allmählig, abgeglättet, sondern schnell und fest, nicht künstlich gewunden, sondern einfach hervortreten; wir kommen auf lang und voll gehaltene, nicht kurz und schnell vorbeirauschende Noten; auf Begleitung, die nicht viel verziert, nicht reich sigurirt ist, am wenigsten mit den Figuren oft wechselt, sondern einfach — entweder nur unterstützt und umgibt, oder (sigurirt) einen Gedanken anffasset, der mit der Grundidee ganz gleichen Charakter har, wenn er auch im Zufälligen der Form ganz verschieden ist; auf eine Begleitung, die nun diesen Gedanken nicht verläßt, sondern durchführt — für sich, und in stetem, wohlabgemesseuem (d. h. mehr oder weniger untergeordnetem) Verbältuiß zu dem Hauptgedanken und feiner Ausführung. Alles das. zeigt sich leicht, wird durch die kräftigeren und edleren Instrumente unterstützt, gehalten, gestärkt; andere sind entweder hier zwecklos oder gar zweckwidrig Mit der oben geforderten großen Höhe der Naturprodncie, die erhaben wirken sotten, läßt sich als verwandt in der Musik znsammenstellen die Weite der Intervallen, welche das Bild selbst und zugleich den Maßstab für dasfetbe gibt — die Höhe be^ merklich macht, indem sie sich von ihr in die Tiefe stürzt, und die Tiefe, indem sie sich aus ihr zur Höhe schwingt. Da nun hier nur von den Mitteln der Tonkunst gesprochen wird, und was davon hieher gehört, nothwendig. mithin nicht zu vergreifen ist; so können einige Warnungen von hier leicht möglichen Vsr * flößen in Nebendingen genug sein. Wer Instrumentalmusik schreibt, wird sich dieses Mittels — der Tutti-Sprünge, wie die Sprache des Musikers sie scherzend, aber gut, bezeichnet — jetzt selten mit jo großer Wirkung bedienen, als er vielleicht beim Schreiben erwartet: theils hat dies Hilfsmittel durch vielfältigen Mißbrauch verloren, theils ist es (besonders bei Symphouieen) nicht zu vermeiden, daß nicht die übrigen Stimmen die Zwischenräume jener weiten Intervallen mehr oder weniger ansfnllten und so das Bild, zum Nachtheil des Effectes, einigermaßen verdunkelten. Er wird daher nur dann sich ein Namhaftes davon versprechen können, wenn zugleich der Gedanke an Gehalt sehr gewichtig und wenn er in großen Noten ausgesprochen ist, die mit anderen verbunden werden, welche, in Absicht auf Charakter ähnlich, in Absicht ans äußere Form conlrastirend sind, folglich den Gegenfatz heben. Wer für den Gesang schreibt, hat mit der Anwendung dieses Mittels noch behutsamer zu verfahren; und nicht blos wegen der engeren Begrenzung der Menschenstimmen durch die Natur, sondern auch, weil dergleichen Sprunge (wie alles Äenßerfte) in der Arie leicht lächerlich, im Chor leicht widerlich und zu einem rohen Geschrei werden können. Ueberdies ist dieses Nüttel an sich ein blos mechanisches, wie, bloßes Anhausen der Instrumente und AehnlicheS, mithin auch nicht mehr, als dies, zu achten, selbst wenn es eine Art gemeinen Effectes hervorbrächte: nur durch geistvolle Anwendung nach Wahl der Zeit, des Ortes, des Mehr oder Weniger, durch wahre Bedeutung und edle Verarbeitung wird es selbst zu etwas Geistigem. (Fortsetzung folgt.) Fall, Du wolltest im schmelzenden Adagio sprechen und wünschtest von Deiner Tongabel den richtigen Ton zu erfahren — was. glaubst Du, blitzte Dir da entgegen — denn auch Blicke können den Ton angeben — ich wollte wetten, ein Capricio! Eine Tonart in st an> zustimmen, brächtest Du schon gar nicht zu Stande, selbst wenn Deine Phantasie den Genius der Vergangenheils- und Zukunftsmusik in sich bürgte, denn wo die Surrogat-Tongabsl den Ton angibt, da ist das wesentliche Merkmal ein — (Kreuz). Zum Glücke aber hat der Redner der Tongabel nicht so ncthig wie der Sänger. Denn falsch reden und falsch singen haben ganz verschiedene, ja entgegengesetzte Wirkungen. Falsch singen beleidigt das Ohr, falsch reden schmeichelt demselben. Der falsche Apostel spricht Honig und denkt Galle; er predigt Wasser und trinkt Champagner; er lobt das offene Herz und die offene Hand, bei ihm aber sind beide verschlossen wie eine Feuerfeste Nr. 2, deren Schlüssel in Verlust gerathen ist. Doch wozu uns die Kopse wegen der Redner zerbrechen! Seien wir froh. Laß wir ihnen wenigstens in Bezug aus die Praxis der Tongabel etwas voraus haben. Der Tongabel? Findet diese aber auch allgemeine Würdigung ־? Leider nein׳ Denn es gibt viele Anti-Tongablianer und Anhänger der Tonpfeife. Nicht etwa, weil viele meiner Standesgenosfeu von der grafstrenden Krankheit der Zeit, ,Anti* genannt, angesteckt sind, sondern aus einer ganz anderen, viel tiefer liegende» Ursache, weil nämlich die T o n g a b e l das alte, gedrückte, die To 11־ pfeife hingegen das fortgeschrittene, s e l b st b e w u ß t e und gehobene Cantorenthum zur Veranschaulichung bringt.! Wie entlockst Du denn eigentlich der Tongabe! den Ton? Du i schlägst sie an — und sie tönt. Hier hast Du das Bild des gej drückten Cantors, der trotz harter SchicksalsslHtäge s i n g 011 muß | Es wäre gewiß weniger zu verwundern, wenn ihr ein Schmerzens-! schrei entführe, aber sie tön! das A aus, als wollte sie das Lied an-! stimmen: ,A, wie herrlich! a, wie schön!' Darin gleicht sie dem Soldaten einer längst überwundenen Z׳ir. der, nachdem er so viele Stockstreiche empfangen, als zu einem Amtsjubilänm Dienstesjahre gehören, mit freudiger Miene danken mußte. Und wie repräsenlirt sich diese Führerin der Cantoren äußerlich? Miserabel. Denn sie har zwei Zähne, die aber nicht beißen können, weil sie stumpf sind. Und erinnert das nicht an so manchen Standesgenossen, der zwar scharfe Zähne hat, die aber dennoch nicht beißen können, weil sie nichts zu beißen haben! Hier haben verschiedene Ursachen gleiche Wirkungen, wie es anch charakteristisch ist, Laß! die Cantoren überhaupt just an dem Tage, da sie gar nichts essen dürfen, am meisten zu singen haben — am Dersöhnungstage aber da wird ihnen anch allgemeine Anerkennung zu Theil. Und wenn I sich bei dem רגלי auch noch so Wenige einstellten, ein ITD יישר am 1 Versöhnungstage wird ihm Jeder bieten. Denn sie meinen es ja gut mit uns, j sie gönnen uns das Beste j sie wünschen uns nur Feste, doch Feste ohne Festgelag'. Feste wie — der Versöhnungstag! (Schluß folgt.)