Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-09-08 · Heft 31 (8.9.1883) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 31 (8.9.1883)
Date
1883-09-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452915-3452946--0720-3454785
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

daß aller auf das Singen gewendete Fleiß ziemlick vergeblich ist, wenn cr nicht von einiger Einsicht in die Composition degleitet wird. Wer componiren kann, der kann Rechenschaft von dem geben, was er machet, wer aber nichts von der Composition versteht, der arbeitet im Finstern und kann nicht lange singen ohne in Fehler zu fallen. Der Lehrmeister soll also den Schüler ermahnen, wenigstens die vornehmsten Gründe des musikalischen Satzes zu erlernen, damit er nickt blindlings sie singe. Der beste Sänger der Welt darf nicht anshören, sein eigener Schüler und Meister zugleich zu sein. (Fortsetzung folgt). Vom zweckmäßigen Gebrauch der Mittel der Tonkunst. 11. Erhaben nennt man, was den Menschen erhebt, d. b. seine edelsten Kräfte stark aufregt, hoch spannet, und in ihm, bewußt oder unbewußt, das dunkle Gefühl erweckt, Er — sein inneres, eigentliches Wesen — sei außer, sei über der Macht des Irdischen und Zufälligen. Die Empfindung des Erhabenen ist mithin etwas, einem edlen Stolze Aehnliches; und sie äußert sich auch so. Die Sprache hat die Bezeichnung dieser Empfindung von sichtbaren Gegenständen hcrgenommen. Sichtbare Gegenstände, die erhabene Empfindungen wecken, sind z. D. gewisse Gebirge, die nicht blos sich hock, sondern auch den Sinnen ausfallend darftellen, daß sie in ihrer Höhe sich selbst nur durch eigene, wunderbare Kräfte halten; mithin große Stärke zeigen (Wie: große Felsenmafien, die schroff aufsteigen, Überhängen und herabzuftürzen drohen.) Wenn die Natur durch solche Eigenschaften ihrer Werke jene Empfindung erregt: so müssen die Eigenschaften der Kunstwerke, wodurch dieselbe Empfindung erregt werden soll, etwas jenen Aehnliches haben und sich durch Vergleichung finden lassen. Große Stärke, welche Theile — mehr durch Masse, als Zahl, groß — bindet und festhält. — Das fuhrt den vergleichenden Musiker unstreitig sogleich zur. Fülle der Harmonie in seiner Kunst, und führt ihn recht. Er bemerkt aber, bei näherer Ansicht, daß nicht jede Fülle der Harmonie gemeint sein könne; denn nicht jede passet zum Vergleich mit dem, was er au Naturwerken der Gattung, von welcher hier geredet wird, findet. Mithin eine gewisse Art der Fülle der Harmonie. Welche nun? Eine Gebirgsgegend, die sich allmäbli-g. gleichgemessen er-׳ hebt, und freundlich, gleichförmig angebaut ist, wird allerdings Wohlgefallen, aber keine erbabenen Empfindungen erregen: so wird auch ein Musikstück, das keine großen, tiefen Gedanken (Themata, Motiven) enthält, *ßiibern nur angenehme, wenn auch ausgezeichnete, oder worin tiefe Gedanken mild verfloßt, bei Ausarbeitung der Harmonie in viele Details ansgeiponnen sind, zwar woklgcsalien, aber keine erhabenen Empfindungen erregen. Die letztere Art harmoniicher Fülle, wie man sie jetzt vorzüglich liebt, und worin auch verschiedene der neuesten Meister so Bewundernngswürdiges geleistet haben, ist also die nicht, die wir hier suchen; weshalb denn auch das Erhabene ein höchst seltene Erscheinuilg in der neuesten Musik geworden ist. Ein einzelner, wenn auch sehr hoher und schroffer Fels, der aber, ohne alle Mannigfaltigkeit und Fortsetzung in der Gegend, dem Wanderer nur in den Weg geworfen scheint, wird imponiren, vielleicht Bewunderung, Staunen, wohl gar Schrecken erregen — aber nur auf den ersten Anblick und für den Moment, nachwelchem man eine gewisse Leere und Kälte empfindet, die leicht in Gleichgiltigkeit übergeht: und so wird auch ein Musikstück wirken, das einen großen, tiefen Gedanken aufstellt, ihn auch wohl in voller, kräftiger Harmonie anssagen läßt, aber nicht festhält, ihn nicht in gleichem Charakter ans- und durchführt. Tongabel und Tonpfeife. Eine Studie von Leopold Stern, Cantor in Fnnshans. Ein nützliches, ja fast unentbehrliches Instrument ist die Tongäbet dem Cantor. Sie kostet wenig und leistet viel, ist aber trotzdem sehr bescheiden und anfpruchslos. Denn sie ist die Ton an geberin des Cantors, und dennoch nicht seine Herrin. Wenn von irgend einer Macht im Reiche der Töne Noten anlangen, so erkennt man durch sie Ton und Inhalt derselben und weiß sofort, ob sie friedlichen Z u s a m m e n k l a n g ansirebeu, oder Disharmonie in der Cantorenwelr zu verbreiten trachten, sie ist eine geduldige Le hrerin, ohne pedantisch zu fein. Denn nur mit ihrer Hilfe vermag der Cantor beim Necitarive jene Tonart zu sinden, die feiner Stimmläge am meisten entspricht. Und wenn er die Stufen der Tonleiter besteigt, ruft sie ihm warnend zu: .Steige nicht zu hoch! Schreien hilft nichts, nur Singen beweist/ und wenn er abwärts schreitet, ertönt wieder ihr sorgsamer Ruf: »Falle nicht zu tief!' Sie ist endlich eine zuverlässige Führerin, ohne für ihre Dienste eine Entlohnung zu fordern. Und hat nicht der Cantor der Leitung noch nöthiger, als der Wanderer auf unbekanntem Wege? Letzterer kann in einen Sumpf gerathen, wenn ihm das Schicksal Böses zufügen will, er kann nur unten stecken bleiben; der Cantor hingegen hat der doppelten Vorsicht nöthig — er kann unten und 06eit stecken bleiben. Aber auch der Redner hat sehr oft einer Töugabel nöthig, eines Instruments, das ihm den richtigen Ton angibt, in dem er. zu sprechen hat. Denn wie schwer ist es, bei den verschiedenen Gelegenheiten und mannigfaltigen Gesellschaften immer den Ton zu treffen, der gerade der passendste ist. Und wirklich — die Redner besitzen auch ein solches Instrument, eine Art Snrrogat-Tongabel, jedoch noch herrlicherer Natur als unsere, die wirkliche, metallene Tongabel der Cantoren. Ihr Stimmumfang ist so bedeutend, daß sie mancher Sänger darum beneiden könnte, ihre Töne so modnlationsfähig, daß sie sich vom leisesten Piano bis zum stürmischesten Fortissimo .-,»schwellen lassen, sie klingen, nach Umständen, bald lieblich und bezaubernd wie Sphärenmusik, bald grollend und dröhnend wie der Donner, dem Blitze vorangegangen, die zündeten, ohne jedoch zu brennen. Und diese .Surrogat-Tongabel' ist die — Frau. »Wollt ihr wissen, was zum guten Tone gehört?' sagt der Dichter, .so geht und fragt die Frau.' Aber obschon dieses Surrogat des Redners weit beliebter und begehrter ist als die wirkliche Tongabel des Sängers, so muß ich doch im Interesse der Wahrheit, deren Erforschung der Zweck dieser Studie ist, hervorheben, daß es nicht alle Vorzüge der echten Tongabel besitzt. Zuvörderst Ist es nnbegnein. Der Sänger kann, wenn er seine Tongabel gebraucht hat, dieselbe ganz ruhig in die Tasche stecken. Der Redner hingegen lauft Gefahr, von seinem Surrogate in die Tasche gesteckt zu.werden. Und da kann er noch von Glück sagen, wenn er nicht in eine noch mehr bedauernswerthe Position kommt, indem er unter den Pantoffel geräth. Der zweite Uebelstand ist, daß die Surrogat-Tongabel sich nicht begnügt, den Ton anzugeben, . sondern auch die Melodie bestimmt. Denn ich setze den.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.