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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-08-31 · Heft 30 (31.8.1883) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 30 (31.8.1883)
Date
1883-08-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Ganz recht; er ist nur spazieren gegangen. Lassen Sie sich's «inen Augenblick mit mir gefallen. Mit größtem Vergnügen, ermiederte ich, und kaum war das Wort über die Lippen, als mir das Blatt schoß, und mir beifiel, was ich bei Knigge über ,das aushorchende, meist menschenverachtende Jncognito der Großen" gelesen hatte Himmel, wenn es Se- Durchlaucht selbst wären! — Ja ja; dieses zu Hause sein in so glänzender Umgebung, dieses nicht zu verkennende Selbstgefühl, diese Leichtigkeit in vornehm-gefälliger Bewegung, und dies Lächeln, dies eigene Lächeln ... Er ist es; und wahrhaftig, er soll seinen Mann an dir finden! Verborgen will er sein? Gut! Er bilde sich ein, er sei es! Du hast dabei die schönste Gelegenheit, ihm Dinge von Gewicht zu sagen, wie du sonst kaum wagtest! Ich komme mit den schönsten Erwartungen zu diesem berühmten Musensitz, begann ich, und raffte mich zusammen. Spannen Sie sich nicht zu hoch, antwortete er; das System verlangt jetzt Orconomie. O Gott, rief ich ans; daran denk' ich nicht! Ich werde meinen verehrten Landesvater sehen; ich werde ihn durch meine Kunst erheitern; ich werde manch weises, vielleicht auch ein gnadenvolles Wort aus seinem Munde vernehmen, und dann, durch alles dies gehoben und innerlich erquickt, hinausziehen in die weite Welt, die mir fremd ist, der ich fremd bin, und die oft das Beste, das Einzige, was ich ihr sein und leisten kann, kaum wird schätzen, ja kaum empfangen wollen.- Hier stockte mein Mund, denn mein Gefühl stockte. Ich hatte diese Worte gewiß mit Innigkeit gesprochen — ich empfand sie ja so: aber das Auge meines Zuhörers, ungeachtet es un* verrückt auf mich gerichtet war, verrieth doch auch so ganz und gar nichts von Theilnahme an dem, was ich sagte; es schien eber eine bewußtlose Zerstreuung, eine Geistesabwesenheit zu verrathen . . . Freilich mag ihm oft vorgelogen worden sein, was dir jetzt aus tiefster Seele quillt! So dachte ich traurig, und es entstand eine kleine Pause. Diese brachte den Herrn wieder zu sich. Sie . . . Sie sind also ein Virtuos? begann er. Ich hoffe, es zu werden! war meine Antwort. Nun — ich spielte sonst auch ein ziemlich gutes Clavier. Dieser höchstunkünstlerische Ausdruck machte mich zwar stutzen: indeß — ,an deutschen Höfen spricht man schlecht', fiel mir aus Knigge ein, und so beruhigte ich mich, während der Herr, nachdem er langsam Tabak genommen, hinzusetzte: Leider Hab' ich's aber nicht fortgesetzt. Ich kam zu früh in die Geschäfte, und ist man einmal da eingeweiht, so fehlt's an Zeit, wohl auch ,an Laune. — Nicht ohne Gewicht erwiederte ich: Gleichwohl scheint eben da die Kunst, ja die eigene Kunstübnng, desto wohlthätiger zu Werden. Wo kann der ewig angestrengte Geist der Hochgestellten immer neuen Schwung, wo das endlich ermattende Herz immer neue Krafl hernehmen, wenn nicht eben jene Himmelstochter, die Kunst, iu's Mittel tritt? Das ist sehr wahr — gewissermaßen! versetzte der Herr. Ich hatte nun aber nicht viel Lust zum Clavier. Den Generalbaß hätte ich lernen mögen. Dazu fehlte Gelegenheit. Noch jetzt seh' ich mit Vergnügen zu, wenn diesen der ernsthafte Niese in unserem Orchester streicht. Schade, daß die Capelle nicht hier ist. Der Mann würde auch Ihnen gefallen. Ich trauete meinen Ohren kaum; indem setzte der Herr schnell hinzu: Da kommen der Herr Kammerherr, und im Gesprach mit Sr. Durchlaucht! Wie? wo? wer? stammelte ich. Nun dort! rief er und deutete hinab. Geben Sie mir den Brief. Ich beschwöre Sie: da — der? der Herr im blauen Oberrocke. —? Nun ja: sind Seiv.mssimus, Se. Durchlaucht, unser gnädigster Herr. Vielleicht geruhen Dieselben mit heraufzuspazieren. Dann nützen Sie den Augenblick, will ich gerathen haben. Damit eilte er hinaus. Ich stand da, wie vernichtet: da wurde die Tbür, eben von jenem meinem Gönner, aufgerisfen, und der Kammerherr rauschte herein — zum Glück allein. Nur der Freund des Generalbasses folgte, und ward mit einem: .die Chocolade!' wieder hinausgefördert. Der Kammerherr hatte mein Empfehlungsschreiben in der Hand, warf einen Blick hinein, und dann einen zweiten ans meine Jammergestalt. Mit freundlichem Erbarmen begann er Sie sind mir bestens empfohlen. Es soll mir angenehm sein, mich Ihnen gefällig zu beweisen. (Fortsetzung folgt.) Kteine Chronik. Wien 24. August. Der Vorstand der Wiener ii'rael. Cattnsgemeinde ließ in Voraussicht des baldigen Eintrittes eines freudigen Ereignißes in der kaifertichen Familie folgende Verlautbarung ergehen: ״Nach erfolgter glücklicher Entbindung Ihrer k. und k. Hoheit der durchlauchtigsten Kronprinzessin Erzherzogin Stefanie, weicher nunmehr stündlich entgegengesehen wird, und nach Verkündigung dieses freudigen Ereignisses durch Lösung der Geschütze wird in den beiden Tempeln der hiesigen Cultusgemeinde und zwar: wenn die Geschütze vor 10 Uhr Vormittags gelöst wurden, am selben Tags, um 6 Uhr Abends, sonst aber um 11 Uhr Vormittags des darausfolgenden Tages eiu feierlicher Dankgottesdienst abgehalten." — Obercantor Singer bat zu diesem Anlässe den 6l. Psalm componirt und wird derselbe auch beim Dankgottesdienste vorgetragen werden. Wien. In Folge vielfacher Anfragen von Seite unserer Collegen, sowie einiger Gsmeindevorstände, in welcher Weise der Dankgottesdienst nach erfolgter glücklicher Entbindung Ihrer k. k. Hoheit, der durchlauchtigsten Kronprinzessin Stephanie abgehalten werden soll, theiten wir im Nachstehenden die Programme für die Gottesdienste im Stadtrempst der Wiener ifr. Cultusgemeinde und im Tempel der türkischen Jiraeliten-Gemeinde mit. Im Stadttempel wird folgender Gottesdienst abgehätien werden: 1. Na towu. 2. Predigt. 3. Psalm 61, componirt von Josef Singer. 4. Oesterreichische Volkshymne. Im Tempel der türkischen Jsraeliten-Gemeinde: I.Matowu. 2. Predigt. 3. Allelu et adouaj kol gojitn. 4 Hebräisches Gebet für's Kaiserhaus. 5 Psalm 61. componirt von Josef Singer. LeiLmerih, 20. August 1833. (Orig.-Corresp.) Am 17. August, am Vorabende deS Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers beziug unsere Gemeinde eine schöne, erhebende Feier. Es wurde nämlich das ebenso würdig als geschmackvoll eingerichtete neue Bethaus, in dem vormaligen Vereinshause, eingeweiht. Obwohl das Programm einfach zusammengesetzt war, gestaltete sich doch der Gottesdienst zu einem wahrhast solennen, wozu der hiesige städtische Musirverein durch seine freundliche Mitwirkung wesentlich beitrug. Die Feier begann mir oem Na toavn von Snlzer (C-dur) mit Begleitung eines Harmoniums. Nach dem Anzünden des גר המיל sang der Männerchor eine Hymne von Vogler, worauf der hiesige Religionslehrer, Herr I. Wittenberg,

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